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Opa, erzähl doch mal von früher

Auswander-Abenteuer eines Marburgers Opa, erzähl doch mal von früher

Die Dokumente sind verblasst, manche kaum noch lesbar. Durch die Erzählungen von Albert Schmidt bekommen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen wieder Farbe, vergangenes wird wieder lebendig. Es ist die Geschichte seiner Familie.

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Albert Schmidt inmitten der alten Fotos, die der Bruder seines Großvaters von seinem Auswanderer-Abenteuer nach Amerika in die deutsche Heimat schickte. Montage: Pavlenko/Fotos: Hirsch

Marburg . Mit einem leisen „Klick“ öffnet sich die Schnalle seiner Aktentasche. Fast ehrfürchtig fasst er hinein. Seine Hände sind alt, an manchen Stellen schon fleckig. Fest umschließen sie das dicke Papierbündel. Es sind alte Fotos und Briefe, die er umklammert hält. Es ist seine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte, die er nur als Zaungast verfolgen konnte. Als äußerst aufmerksamer, wohlbemerkt. Es ist die Geschichte seines Großvaters Eduard Schmidt und dessen Bruder, Heinrich Albert Schmidt. 18 Jahre alt war Heinrich A. Schmidt, als er 1879 als Auswanderer an Bord des Postdampfers „Leipzig“ ging. Es sollte ein Abschied für immer sein. 110 Jahre wird es dauern, bis wieder ein Nachkommen von Heinrich A. Schmidt Deutschland bereist.

Mit der Kamera durchden Wilden Westen

18 Tage dauerte die Überfahrt in das neue Leben. Ziel: Baltimore. Kaum festen Boden unter den Füßen, schrieb der junge Heinrich Albert Schmidt einen Brief an seine Eltern und Geschwister. Es sollte der erste von vielen werden. Sie alle hat der Ur-Marburger Albert Schmidt, Großneffe des Amerika-Auswanderers, fein säuberlich sortiert. Sie alle hält er fest umschlossen in seinen Händen. Die Briefe - Zeugnisse aus einem längst vergangenen Jahrhundert - sie riechen nach Abenteuer und Aufbruchstimmung. Aber auch nach einem beschwerlichen Leben voller Zukunftsangst.

Als Heinrich A. Schmidt die ersten Schritte auf dem ihm fremden Kontinent wagte, zahlte er mit seinem Vornamen. Aus Heinrich wurde Henry, aus dem jungen Deutschen mehr und mehr ein Amerikaner. Einer, der sich durch harte Arbeit ein neues Leben aufzubauen versuchte. Einer, der erst als Tellerwäscher, dann Metallschätzer und Geschäftsführer mehrerer Erzmienen und schließlich als erster Fotograf in dem kleinen Städtchen Chloride arbeitete. Henry und die Kamera - selten getrennt. Familienfotografien auf der einen - Bilder von Opfern des Krieges der Weißen gegen die Indianer auf der anderen Seite.

Nach 110 Jahren: Treffender Familien in Marburg

Alles in einen Umschlag gepackt und nach Deutschland geschickt. Die Fotografie seiner Ehefrau Edith, nebst dem Bild eines erschossenem und skalpierten Leutnants. Bilder des Familienglücks ebenso wie Aufnahmen, die den rauen Alltag der Soldaten im Krieg zeigen. Bilder, die nichts mit Karl-Mays-Wild-West-Romantik zu tun haben. Die Realität einer schwarz-weiß-Aufnahme: hart und ungeschönt.

Vier Kinder gingen aus der Ehe hervor, bevor Edith im Alter von nur 34 Jahren starb. „Da stand er alleine. Man stellt sich mal einen Pionier mit vier Kindern vor“, sagt Albert Schmidt. Der jüngste Sohn des Paares, Raymond, interessierte sich für die Wurzeln seines deutschen Vaters, hielt den Kontakt zu der deutschen Familie - auch nach dem Tode Henrys im Jahre 1944. Immer mehr Briefe wurden über den Ozean verschickt. Mittlerweile in englischer Sprache.Es war auch nicht mehr Henrys Bruder Eduard, der sie in Empfang nahm, sondern dessen Sohn, Ferdinand Schmidt. In regelmäßigen Abständen wurde sich ausgetauscht. Über das Leben hier, das Leben dort. Doch es sollte eine weitere Generation dauern, bis sich Auswanderer und Daheimgebliebene endlich gegenüber standen. Denn erst Edith Wheeler, Enkelin des Auswanderers Henry Schmidt, kam 1990 zu einem Besuch nach Deutschland. Und es war Albert Schmidt der sie an der Elisabethkirche im Empfang nahm. Mit zitternden Händen und klopfendem Herzen. Ein Jahrhundert waren die Familien getrennt - nun für wenige Tage erstmals vereint.

Und Albert Schmidt konnte seiner Besucherin die alten Fotos und Briefe zeigen. Gesammelte Dokumente aus einem Jahrhundert. „Die Geschichte der Familien soll und wird weitergehen. Da bin ich auch heilfroh drüber. Wenn ich sehe, dass mancher Familiennachlass irgendwo auf dem Flohmarkt landet - da bekomme ich Tränen in die Augen“, erklärt Albert Schmidt. Seit einigen Jahren sind es keine Briefe mehr, die er verschickt. Dafür aber Mails. Das Internet - es hat die Entfernung zwischen den beiden Kontinenten verschwinden lassen. Schnell mal ein paar Zeilen getippt - fertig. „Ich danke dem lieben Gott zweimal am Tag, dass ich das noch mitkriegen darf“, sagt Schmidt. Beim Durchstöbern des Internets hat er weitere Fotos des Pioniers Henry Schmidt gefunden. Hunderte. Alle eingescannt und beschriftet. Allesamt auf der Internetseite der Bibliothek von New Mexico zu finden.

Selbst einmal nach Amerika fliegen, in das Land, in dem ein Teil seiner Familie Wurzeln gefasst hat - das war lange Zeit sein größter Traum. Nun ist er zu alt, zu krank für diese weite Reise. Was ihm bleibt sind zahlreiche Fotos und Briefe, die Erinnerungen und Begegnungen. „Das ist meine Geschichte, mein Blut.“

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