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Online-Kampf um Wählerstimmen

OB-Wahl Online-Kampf um Wählerstimmen

Bilder, Meinungen, Eigenwerbung: Der Marburger Oberbürgermeisterwahlkampf wird auch im Internet ausgetragen. Vor allem in den sozialen Netzwerken versuchen die Kandidaten sich und ihre Ideen zu präsentieren.

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Bis auf Rainer Wiegand (rechts) haben die Kandidaten Homepages für die Wahl erstellt. Alle sechs sind bei Facebook, Spies, Neuwohner, Beckmann und Wiegand auch bei Twitter.

Quelle: Sven Geske

Marburg. Entscheidet die Zahl der Facebookseiten-Anhänger über den Wahlausgang, steht das Stichwahl-Duo fest: Die Einträge von SPD-Mann Dr. Thomas Spies verfolgen derzeit rund 2 037 Leser (Stand jeweils gestern Nachmittag), bei Dirk Bamberger (CDU) sind es 1 192. Linken-Amtsbewerber Jan Schalauske liegt mit 370 Anhängern knapp vor Dr. Elke Neuwohner (Grüne) mit 329. Satire-Politiker Marius Beckmann (Die Partei) übertrifft Letztgenannte sogar mit aktuell 348, der parteilose Amtsbewerber Rainer Wiegand kommt auf 36 „Likes“. Spies geht dabei jedoch mit dem Vorteil ins Rennen, bereits vor dem Wahlkampf als Landespolitiker über ein öffentliches Profil verfügt zu haben.

Der erfahrene Wahlkämpfer Spies ist im sozialen Netzwerk täglich aktiv und verweist dabei meist auf seine Wahlkampfveranstaltungen. Mit vielen Bildern dokumentiert er seinen Einsatz. Auch der ein oder andere Satz mit seinen Positionen zu den betreffenden Themen ist in diesen Posts zu lesen. Auch Kontrahent Bamberger kündigt viele Veranstaltungen an und erläutert in eigenen Kommentaren seine Positionen zu zentralen Wahlkampfthemen. Darüber hinaus teilt er viele Artikel der OP, in denen er thematisiert wird. Gleiches gilt für Neuwohner , die aber vergleichsweise etwas weniger aktiv ist als die Kandidaten von SPD und CDU.

Jan Schalauske geht ähnlich vor, teilt einiges aus der OP-Wahlkampfberichterstattung und berichtet von eigenen Wahlkampfaktionen. Entsprechende Kommentare verknüpft er zumeist mit inhaltlichen Forderungen, postet aber in nicht ganz so hoher Frequenz wie Spies oder Bamberger. Leicht kurios: Mehrfach postet „Jan Schalauske via Jan Schalauske“, wenn er Beiträge von seiner privaten Seite auf der offiziellen Seite teilt.

Den meisten Humor zeigt erwartungsgemäß Satire-Kandidat Marius Beckmann. Auf seiner Facebook-Seite lädt er Fotos von Mitstreitern hoch, die Schilder mit der Aufschrifft „Ich wähle Marius Beckmann, weil...“ in die Kamera halten. Die Begründungen fallen entsprechend absurd aus. Zudem kommentiert er regelmäßig die Auftritte aller Kandidaten bei Podiumsdiskussionen und zieht sie auch abseits davon durch den Kakao. Teilweise auf Verärgerung gestoßen sind verfälschte Wahlplakate der Gegenkandiaten und das „OB-Wahl Bullshit-Bingo“, bei dem typische Sätze oder Verhaltensweisen der sechs Kandidaten aufgelistet sind, die sich bei Veranstaltungen oft wiederholen.

Nur die Außenseiter twittern viel

Besonders der parteilose Kandidat Rainer Wiegand scheint sich darüber zu echauffieren und versucht mehr oder weniger ähnlich humorvoll zu reagieren, indem er Beckmann aufs Korn nimmt. Er greift beispielsweise die Forderung „Oberstadt fluten“ auf und zeigt Beckmann auf einem gefakten Plakat mit eingenässter Hose. Ein weiteres Bildmotiv könnte sogar als Morddrohung bewertet werden, hängt wohl aber mit dem „Galgenhumor“ zusammen, dem er sich verschrieben hat. Unter der Überschrift „Rettungsring für Marius Beckmann“ (Die Partei ist einst als Ableger der Satire-Zeitschrift „Titanic“ gegründet worden) zeigt er einen auf dem Marburger Schlossberg angebrachten Galgen. Ebenfalls am Galgen hängt auf einem Plakat das DGB-Logo, mit der Überschrift „Demokratiefeinde abwählen“.

Interessanter Nebenaspekt: Während sich Spies, Neuwohner, Schalauske und Beckmann auf ihren öffentlichen Profilseiten als Politiker bezeichnen, nennt Wiegand sich Künstler. Dirk Bamberger firmiert unter der Bezeichnung „Person des öffentlichen Lebens“.

Den Kurznachrichten-Dienst Twitter ignorieren die Politiker weitgehend: Dirk Bamberger und Jan Schalauske sind nicht angemeldet. Elke Neuwohner hat zwar zwei Profile, aber noch nie einen Tweet abgesetzt. Ihr folgen fünf Nutzer. Spies, Landtagsabgeordneter, ist dort am aktivsten –  doch setzte auch er in mehr als drei Jahren Mitgliedschaft nur 145 Nachrichten ab, die letzte Anfang Februar. 484 Leser folgen ihm. Täglich aktiv ist Partei-Kandidat Marius Beckmann, er informiert 247 Follower über seine Termine und Ideen. Auch Rainer Wiegand, der über Twitter vor allem seinen umstrittenen Blog „Hessenhenker“ bewirbt, ist umtriebig: 580 Leser hat er, 9800 Tweets hat er abgesetzt.

Der Internet-Wahlkampf wird aber nicht nur in den sozialen Netzwerken geführt. Wiegand betreibt den erwähnten Blog, der ohne viele grafischen Elemente auskommt. Die übrigen fünf Kandidaten haben sich im Vorfeld der OB-Wahl eigene Homepages angelegt.

Neuwohner  grüßt auf der Startseite ihres Internetauftritts von dem Bild, das auch auf ihren Wahlplakaten zu sehen ist. Gleich darunter sind auf knalligem Grün zehn Ziele zu lesen, die sie sich als Oberbürgermeisterin setzen würde. Über der Seite ist ein schmales Banner des Marburger Schlosses zu sehen. Neuwohner setzt damit die auffälligsten Akzente in Sachen Farbwahl und optischer Aufmachung. Schalauske hingegen setzt mehr auf schlichtes Design und die übersichtlich komprimierte Botschaft seiner Programmpunkte gleich zum Start. Das optische Element befindet sich bei ihm in der Kopfleiste, wo er mit seinem Namen, einem Profilbild und seinem Slogan wirbt. Ähnlich hält es Beckmann, der  unter dem entsprechenden Kopfleisten-Banner mit seinem neuesten Blog-Beitrag eröffnet, dessen Inhalt er auch auf Facebook postet.

Als einziger Kandidat hält Dirk Bamberger zum Einstieg eine persönliche Grußbotschaft bereit. Überraschenderweise zeigt das dazugehörige Bild Bamberger aber nicht vor einem Marburger Motiv, sondern am Meer. Spies, der die größte Erfahrung in Wahlkämpfen hat, bietet auf seiner Homepage den meisten Inhalt und hat diesen in neun Unterpunkte gegliedert, die gleich auf der Startseite mit dazugehörigen Bildern zu sehen sind.

Alle Kandidaten mit eigenen Homepages machen dort neben politischen Inhalten auch Angaben zur eigenen Person und zu Wahlkampfterminen.

Bei allen Unterschieden, die in der Online-Strategie bestehen, finden sich also auch viele Gemeinsamkeiten. Die Zahlen der Fans in den sozialen Netzwerken lassen zudem darauf schließen, dass ein großer Anteil der Bevölkerung dort nicht erreicht wird. So ist davon auszugehen, dass die Wahl im Internet nicht gewonnen, sondern höchstens dort verloren werden kann.

von Peter Gassner
und Björn Wisker

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