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Onkologisches Zentrum nimmt Gestalt an

UKGM Onkologisches Zentrum nimmt Gestalt an

Fachbereich Medizin der Philipps-Universität und UKGM haben gemeinsam eine W3-Professur für die Leitung des Anneliese-Pohl-Krebszentrums ­ausgeschrieben.

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Zwei Puzzlesteine für den onkologischen Schwerpunkt am UKGM: Das Anneliese Pohl Krebszentrum und die Marburger Ionenstrahl-Therapieanlage.Fotos: Thorsten Richter

Marburg. Derzeit wird das Krebszentrum von Professor Rudolf Arnold geleitet, den UKGM und Fachbereich Medizin „quasi aus dem Ruhestand geholt“ haben, wie Dekan Professor Helmut Schäfer sagt. Vor Rudolf hat Professor Andreas Neubauer das multidisziplinäre Zentrum als Sprecher vertreten und aufgebaut.

Gesucht wird nun, erläutert Professor Jochen A. Werner, der ärztliche Direktor des UKGM am Standort Marburg, eine „im Gebiet der Krebsmedizin ausgewiesene und international anerkannte Persönlichkeit“. Das Bewerbungsverfahren läuft.

Das Anneliese Pohl-Krebszentrum, gegründet im Jahr 2005 als „Comprehensive Cancer Center (CCC)“, strebt eine stärkere Zusammenarbeit der verschiedenen onkologischen Einrichtungen an und soll die Grundlage bilden, klinische Forschung zu fördern und zugleich Ergebnisse der Grundlagenforschung direkt in die klinische Behandlung zu überführen.

UKGM-Leitung und Fachbereich sehen in der Ausschreibung der Leitungsprofessur eine weitere Stärkung der Krebsmedizin in Marburg. Auch die medizinischen Fakultäten Gießen und Marburg, so Marburgs Dekan Professor Schäfer, hätten sich gemeinsam auf klare Schwerpunktsetzungen geeinigt: Der Schwerpunkt Herz-/Lungenerkrankungen für Gießen, der Schwerpunkt Onkologie für Marburg.

Engere Zusammenarbeit mit Gießen

Das soll nicht heißen, dass in Gießen keine Krebspatienten mehr behandelt werden sollen oder in Marburg keine Herzinfarkte. Es soll aber heißen, dass jeder der beiden Standorte jeweils in seinem Schwerpunkt den gemeinsamen Weg koordiniert.

So soll das Anneliese Pohl Krebszentrum in enger Kooperation zwischen Marburg und Gießen und unter Federführung von Marburg zum „Onkologischen Spitzenzentrum“ weiterentwickelt werden. Diesen Titel vergibt die Deutsche Krebshilfe, ihn tragen zur Zeit 13 Zentren in Deutschland.

Beim letzten Mal sei Marburg noch knapp gescheitert, berichtete Professor Werner; die verabredete noch engere Zusammenarbeit zwischen Gießen und Marburg soll dazu beitragen, dass die Zertifizierung nächstens erfolgen kann. Vereinbart ist unter anderem, dass ein Gießener Spezialist für Stammzell-Transplantationen einen Teil seiner Arbeitszeit in Marburg verbringt. Verabredet ist auch die Teilnahme eines Gießener Kollegen an der wöchentlichen Tumor-Videokonferenz unter Leitung von Professor Andreas Neubauer. Hier werden Fälle gemeinsam besprochen und individuelle Behandlungsstrategien festgelegt, berichtet Professor Werner - eben unter Teilnahme von Experten aus allen betroffenen Fachgebieten.

Für Dr. Gunther K. Weiß, den kaufmännischen Geschäftsführer des UKGM am Standort Marburg, ist diese Entwicklung am Anneliese Pohl Krebszentrum ein „gelebtes Zeichen von Interdisziplinarität“ und insofern ein „Reifebeweis“.

Im Anneliese Pohl Krebszentrum sind sechs Organzentren und das Zentrum für Neuroendokrine Tumoren zusammengefasst. Vor wenigen Wochen erst wurde es als Onkologisches Zentrem nach den Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft erneut zertifiziert.

Mit „Reife“ meint Weiß auch die neue Qualität in der Zusammenarbeit zwischen den Standorten Gießen und Marburg. Kleines Beispiel: Die Neuausschreibung einer Professur für Urologie in Gießen nennt als Forschungsschwerpunkt die Reproduktionsmedizin und eben nicht einen onkologischen Schwerpunkt.

Biobank wird „europaweite Pilotanlage“

In diesen Zusammenhang passt auch der Aufbau einer fächerübergreifenden Biobank für Tumoren. Hier sollen nicht nur Seren und Flüssigkeiten eingefroren werden, um bestimmte Erscheinungsbilder von Tumoren zu konservieren, sondern datenbankgestützt auch die entsprechenden klinischen Befunde und Analysen abrufbar sein. Der verstorbene DVAG-Gründer Professor Reinfried Pohl hat den Aufbau dieser „europaweiten Pilotanlage“ (Prof. Jochen A. Werner) mit einer Million Euro unterstützt. Die 500 Quadratmeter große Anlage soll das Herzstück der Krebs-Diagnostik werden und, so Professor Schäfer, „frischen Wind in die Tumorforschung“ bringen.

Als eine der wichtigsten Quellen für den frischen Wind sehen Schäfer, Weiß und Werner die für Herbst 2015 geplante Inbetriebnahme des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums (MIT). Die früher unter dem Namen „Partikeltherapiezentrum“ bekannte Anlage, die zwischenzeitlich fast schon beerdigt war, bringt nicht nur eine neue Bestrahlungsform, sondern direkt neue Impulse für verschiedene Fächer der Onkologie. So wird eine W3-Professur für Strahlenbiologie neu ausgeschrieben (als Nachfolge des nach Hamburg gewechselten früheren Direktors des Krebstherapiezentrums, Jochen Dahm-Daphi) und zudem eine W2-Professur für Strahlenbiologie eingerichtet, die speziell auf die Erfordernisse der Forschung an der Protonenstrahl-Therapie zugeschnitten ist.

Kinderkrebsstation wird wiedereröffnet

Mit der Inbetriebnahme des MIT soll zudem, so Professor Werner, der „ursprüngliche Zustand der kinderonkologischen Versorgung an beiden UKGM-Standorten“ wiederhergestellt werden. Das heißt nun genau nicht, dass ein Kinderonkologe nach Marburg berufen werden soll. Vielmehr soll der neue Leiter der Gießener Kinderonkologie die neu zu eröffnende Marburger Kinderkrebsstation leiten. Die neue Bestrahlungstechnik am MIT soll vor allem für Kinder Vorteile bringen, deswegen erwartet die UKGM-Leitung eine deutliche Zunahme dieser Patientengruppe - die Grundlage für Pläne, die Kinderkrebsstation neu zu eröffnen.

Auch das bevorstehende Berufungsverfahren um eine W3-Professur für Kinderchirurgie soll von dieser Vereinbarung profitieren: Marburg wird zum zentralen Ort der Kinderchirurgie am UKGM und gewinnt, so Werner „im nationalen Kontext an Attraktivität“.

Prof. Werner bekennt sich zum Standort Marburg

Seit 2012 war die Wiederbesetzung der Gießener Professur für Kinderonkologie ein Zankapfel zwischen den Standorten Gießen und Marburg. In Marburg sahen viele in der Neuausschreibung der Professur für Gießen das Aus für eine Kinderkrebsstation in Marburg. Mit der Kooperation zwischen beiden Standorten hofft die UKGM-Leitung nun, dass sowohl Marburg wie auch Gießen profitieren.

Professor Werner jedenfalls tritt Sorgen um den Standort Marburg entgegen, die in diesem Zusammenhang immer wieder einmal geäußert wurden: „Ich kann mir nur einen Standort Gießen und Marburg vorstellen.“

Für Werner und Weiß ist aber auch deutlich, dass die Entscheidung für den einen Schwerpunkt auch eine Entscheidung gegen den Ausbau anderer Disziplinen bedeutet. „Für das eine zu investieren bedeutet auch, es in das andere nicht zu tun“, sagt Werner.

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