Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Ominöses Handy aufgetaucht

Arzt-Prozess Ominöses Handy aufgetaucht

Die bisherige Auswertung des Gerätes dokumentiert umfangreiche Chat-Verläufe zwischen dem Arzt und dem mutmaßlichen Opfer. Deren Beweiskraft ist bislang zweifelhaft.

Voriger Artikel
Ein Stadtspaziergang mit politischem Blick
Nächster Artikel
Mann belästigt Mädchen

Der angeklagte Arzt spricht während der Berufungsverhandlung mit seinem Verteidiger Frank Richtberg.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Ob das von einem Unbekannten verschickte Mobiltelefon als Beweismittel vor Gericht Bestand haben kann, ist fraglich. Die Möglichkeit, dass das vermeintlich alte Handy des Angeklagten manipuliert wurde, sät Zweifel vor Gericht.
Trotz allem wurde der überraschende Fund in den Prozess eingeführt und während des sechsten Verhandlungstages ausgiebig behandelt. Mehrere Chatverläufe des Mitte Mai aufgetauchten und erst zum Teil ausgewerteten Gerätes wurden auszugsweise verlesen. Insgesamt fand die Polizei mehr als 30 000 Kurznachrichten, SMS und E-Mail-Verläufe zwischen dem Angeklagten und verschiedenen Personen, darunter der mutmaßlich Geschädigte sowie mehrere, bereits vor Gericht gehörte Zeugen.

Verschiedene Chats handeln von einem Tausch diverser Medikamenten, unter anderem Ritalin, die der Arzt dem jungen Süchtigen und anderen Bekannten verspricht oder von diesen verlangt werden. Während der Kommunikation zwischen dem Angeklagten und dem Opfer zwischen Mitte 2011 und Ende 2012 bat der junge Mann den Mediziner regelmäßig um Medikamente, Bargeld, die Bezahlung offener Rechnungen oder Begleichung von Reisekosten. Andere Chat-Verläufe handeln von sexuellen Kontakten oder geplanten Treffen mit anderen Personen. Es gab zeitgleich scheinbar mehrere sexuelle Beziehungen, berichtete einer der Ermittler. Zeichen für einen möglichen Missbrauch, eine Aufforderung zum Sex im Austausch gegen Medikamente – als Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens – wurden innerhalb der Kommunikation zwischen dem Angeklagten und dem Verstorbenen nicht gefunden, sagte der Polizist. Eine bereits abgeschlossene Stichwortsuche zu prozessrelevanten Begriffen ergab „weder direkte noch mittelbare Hinweise“ für einen entsprechenden Verdacht.

Generell ist es fraglich, ob das Handy als Beweis vor Gericht  bei der Gesamtwürdigung Beachtung finden wird. Nicht nur die Herkunft des Gerätes sowie die Authentizität des Chat-Verkehrs ist fraglich, auch hatte das scheinbar durch viele Hände gegangene Handy mehrere Vorbesitzer – die Gefahr einer elektronischen Manipulation der Daten ist hoch.

Richter warnt Zeugin vor möglichen Ordnungsmitteln

Die Auswertung des Mobilteils ist für das weitere Verfahren daher wohl ohne Bedeutung, prophezeiten die Prozessbeteiligten. Ob das Gerät als stichhaltiger Beweis verwertet werden kann, bleibt bislang offen, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden werden, teilte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm mit. Nichtsdestotrotz wurde das Handy in das Verfahren eingeführt, alleine um der Aufklärungspflicht des Gerichts nachzukommen, „um zu entscheiden, ob man etwas nicht verwerten kann, muss man es erst einmal kennen“, erklärte der Richter. Die Verteidigung zweifelt die Beweiskraft der Daten an, „das Handy ist nicht zu verwerten“, betonte Verteidiger Frank Richtberg. Über die Herkunft des Handys berichtete eine ehemalige Mitarbeiterin des Angeklagten vor Gericht. Eine Zeitlang habe sich das Mobiltelefon in ihrem Besitz befunden, an die Staatsanwaltschaft verschickt habe sie es nicht, betonte die Zeugin. Die Person, die das Gerät seit langem aufbewahrte, sei ihr bekannt, den Namen des Informanten wolle sie jedoch unter keinen Umständen nennen.

Ihre strikte Weigerung verärgerte die Prozessbeteiligten. „so läuft das nicht vor Gericht“, stellte der vorsitzende Richter klar und warnte die Frau vor möglichen Ordnungsmitteln, sollte sie ihrer Aussagepflicht nicht nachkommen. Die Zeugin spreche nicht nur von persönlichen, unbewiesenen Rückschlüssen und anderen „nebulösen Vermutungen“, sondern verschweige deren Hintergrund, fasste der Richter aufgebracht zusammen. „Sie mögen ihr Urteil schon gefällt haben – wir nicht“, betonte Oehm. Möglicherweise habe sie weiterführende Informationen, die dem Verfahren dienlich sein könnten, halten ihre Erkenntnisse jedoch zurück und behinderen den Prozessverlauf. „Wir haben keine Chance, den Fall aufzuklären, wenn alle mauern“, schloss der Richter. Weitere Zeugen sind bislang nicht geplant, die Beweisaufnahme in dem langwierigen Prozess nahezu abgeschlossen.

  • Am Mittwoch, 10. Juni, wird die Verhandlung fortgesetzt.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Aus dem Landgericht
Das Landgericht sieht keine Grundlage für Verurteilung eines Arztes und hebt die Bewährungs- und Geldstrafe auf. Foto: Gesa D. / pixelio

Der Marburger Arzt, der einen Patienten gegen Drogen zu Sex genötigt haben soll, ist in zweiter Instanz vor dem Landgericht freigesprochen worden.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr