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„Ohne Kira-Lynn wäre ich tot“

Junge Lebensretterin „Ohne Kira-Lynn wäre ich tot“

Keine Sekunde hat ­Kira-Lynn gezögert, als sie Ingrid Tretter bewusstlos am Boden liegen sah. Das kleine Mädchen hat in Windeseile Hilfe geholt – und der Diabetikerin so das Leben gerettet.

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Quelle: Nadine Weigel

Kira-Lynn ist ein aufgewecktes, kleines Mädchen. Sie plappert unentwegt. Schleppt ihren Stoffesel umher und malt am liebsten mit bunten Stiften in ihren vielen Malbüchern. „Kannst Du mir das mal vorlesen?“, fragt die Vierjährige, drückt Ingrid Tretter ein Kinderbuch in die Hand und hüpft neben die Seniorin aufs Sofa. „Na klar“, sagt die 72-Jährige lächelnd und legt einen Arm um das kleine Mädchen.
Ingrid Tretter ist dankbar. Unheimlich dankbar. Denn dass sie nun wieder bei sich Zuhause auf dem braunen Sofa in ihrer gemütlichen Wohnstube sitzen kann, hat sie dem kleinen blonden Mädchen zu verdanken. „Ohne Kira-Lynn wäre ich wohl tot“, sagt die Neustädterin mit zitternder Stimme. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie schluckt den Kloß im Hals hinunter und drückt Kira-Lynn ganz fest an sich.

 

Vor rund drei Wochen hat die Vierjährige intuitiv vollkommen richtig gehandelt und so Ingrid Tretters Leben gerettet. Die Diabetikerin hatte einen hypoglykämischen Schock. Aufgrund eines viel zu niedrigen Blutzuckerspiegels wurde sie ohnmächtig, fiel zu Boden und blieb dort bewusstlos liegen. Eine akut lebensbedrohliche Situation. Sie war allein in ihrer Wohnung, doch durch Zufall kam kurze Zeit später Kira-Lynn über den Balkon und entdeckte Ingrid Tretter.
„Ein Glück, dass sie gerade an diesem Tag bei uns zu Besuch war und bei Ingrid reinschauen wollte“, sagt Gerald Eichler, der in der Wohnung über Ingrid Tretter wohnt.
Der Opa ist unheimlich stolz auf seine pfiffige Enkelin. Denn als Kira-Lynn Ingrid Tretter fand, hat sie nicht gezögert. Keine Sekunde. Nein, Kyra-Lynn ist gerannt. Die Treppe runter. Durch den Garten. Mit wehenden Haaren. Sie hat gebrüllt: „Opa, Opa!!!“ Die Vierjährige hat Sturm geklingelt bei ihrem Großvater und laut durch den Flur geschrien, was passiert war.

Notarzt verblüfft über die Leistung der Vierjährigen

„Ich bin sofort runter und hab’ Ingrid dann da liegen sehen“, erinnert sich der 58-Jährige. „Meine Frau ist auch gleich mitgekommen und wusste glücklicherweise sofort, was zu tun war“, erklärt Eichler und schaut zu seiner Frau Roswitha, die auf dem Sofa neben ihm sitzt und mit den Tränen kämpft. „Das war wirklich ein Schock und ich bin so froh, dass alles gut ausgegangen ist“, sagt Roswitha Eichler und wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen von den Wangen. Die 56-jährige Altenpflegerin leistete erste Hilfe, während ihr Mann den Notarzt rief.
„Kira-Lynn stand dabei und war ganz ruhig“, erinnert sich ihr Opa. Nach wenigen Minuten traf der Notarzt ein und behandelte die Bewusstlose. Er kam gerade noch rechtzeitig. „Der Notarzt konnte gar nicht glauben, dass Kira-Lynn so schnell reagiert und Ingrid das Leben gerettet hat“, betont Eichler.

Dackel versagt in Notfall-Situation

Und tatsächlich ist dieses intuitiv richtige Verhalten ungewöhnlich, wie Dr. Stephan Heinrich Nolte auf Anfrage der OP bestätigt. „Es ist bemerkenswert, dass das Mädchen so umsichtig gehandelt und schnell Hilfe geholt hat“, sagt der Marburger Kinderarzt. Zwar würden Kinder bereits in den ersten Lebensjahren ein emotionales Gespür entwickeln; dass jedoch Kira-Lynn die Notlage eines Erwachsenen so richtig eingeschätzt und geistesgegenwärtig gehandelt hat, findet der erfahrene Kinderarzt „sehr beeindruckend“.
Ingrid Tretter hatte Glück im Unglück. Gut eine Woche musste sie im Krankenhaus bleiben.„Ich habe eigentlich die ganze Zeit nur an Kira-Lynn gedacht. Schon als ich wieder zu mir kam und mir der Notarzt erzählte, dass Kira-Lynn mich gefunden hat, war ich sehr besorgt um sie“, sagt Ingrid Tretter und rückt den Schlauch zurecht, der die Asthmatikerin mit Sauerstoff versorgt. „Sie hat sich bestimmt furchtbar erschreckt und Angst gehabt“, befürchtet die 72-Jährige. Doch offensichtlich hat das Erlebte keine negativen Folgen bei dem quirligen Mädchen hinterlassen. Auch der Kinderarzt beruhigt: „Wenn man mit der Kleinen darüber redet und ihr erklärt, wie dass es der Patientin durch ihr tolles Handeln
wieder gut geht, muss man sich keine Sorgen um sie machen“, so Dr. Stephan Heinrich Nolte.
Kira-Lynn sitzt immer noch auf dem Sofa und hört gebannt zu, wie Tretter ihr aus dem Kinderbuch vorliest. Plötzlich fängt die Kleine lauthals an zu lachen. Tretters Dackel Timo leckt an ihrem nackten Fuß. „Hey, das kitzelt.“ Auch Ingrid Tretter kann wieder lachen. Selbst über ihren Hund, der in der Notfallsituation kläglich versagte. „Timo hat gedacht, Frauchen schläft und sich dann einfach neben mich auf den Boden gelegt. Kein guter Wachhund. Gut, dass Kira besser reagiert hat,“ sagt sie und lächelt.

Wie verhalte ich mich im Notfall richtig?

Viele Menschen, wissen in einer Notsituation nicht, was sie tun sollen. Das Deutsche Rote Kreuz gibt Tipps für die Erste Hilfe: „Generell gilt, erst einmal Ruhe zu bewahren. Dann kann man sich die ersten Handlungen in einem Notfall sehr gut merken über die Abkürzung „ HELD“ .

Das H steht für Hilfe rufen (Notruf 112).

Das E steht für Ermutigen und Trösten.

Das L steht für lebenswichtige Funktionen kontrollieren (Atmung, Herz-, Pulsschlag).

Das D steht für Decke unterlegen, zudecken.

Das Wichtigste in einer Notsituation ist, zunächst zu erkennen, was geschehen ist und zu überlegen, welche weitere Gefahren dem Betroffenen und dem Helfer drohen können. Gegebenenfalls bringen Sie den Patienten aus der Gefahrenzone. Dann prüfen Sie, ob der Betroffene bei Bewusstsein ist. Rufen Sie laut um Hilfe, um auf die Notfallsituation aufmerksam zu machen. Prüfen Sie die Atmung. Falls normale Atmung vorhanden ist, legen Sie den Patienten in eine stabile Seitenlage, dann geben Sie den Notruf ab. Wählen Sie die 112. Am Telefon sollten Sie alle W-Fragen beantworten: Wo geschah es? Was geschah? Wie viele Verletzte? Welche Art von Verletzungen? Und warten Sie auf Rückfragen. Falls keine Atmung vorhanden ist, starten Sie die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Dabei müssen Sie den Brustkorb 30 Mal schnell nach unten drücken, danach geben Sie zwei Mal Mund-zu-Mund-Beatmung.

von Nadine Weigel

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