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Offline am "schönsten Arsch der Welt"

26-Jährige lebt ohne Internet Offline am "schönsten Arsch der Welt"

Sie ist jung, sie ist selbstständig und sie war noch nie im Internet. Die Tatsache, dass die Breidenbacherin Alexandra Gille mit ihren 26 Jahren „offline“ lebt, macht sie online gerade zu einer gefragten Person.

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Lieber mal einen Brief schreiben. Lieber mal anrufen. Alexandra Gille findet: „Für so etwas muss man sich Zeit nehmen“.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Jetzt also reist auch noch eine Stern-Redakteurin aus Hamburg an. Hamburg. Alexandra Gille schüttelt den Kopf. Sie selbst hat es in ihrem Leben bis zur Ostsee geschafft. Und das war eher unfreiwillig. Eine Klassenfahrt zu Schulzeiten. Nein, Alexandra Gille verlässt „den schönsten Arsch“ der Welt einfach nicht gern. Und der liegt für sie in Wiesenbach. Mitten im Wald. Mitten im Nichts. Hier landet niemand zufällig. Hier muss man hin wollen. Und neuerdings wollen sie alle hier her.

Die Vertreter der großen und kleinen Medien. Fernseh- Radio und Zeitungsreporter. Und alle wollen sie mit den Frauen der Familie Gille sprechen. Die führen nämlich seit Generationen das Waldhotel Gille. Sie hacken Holz, sie bekochen die Gäste und betreiben - ganz nebenbei - Viehzucht und Ponyhof. Echte Powerfrauen eben. Fast schon beleidigend, dass diese Frauen, die so viel können, in den Mittelpunkt rücken, wegen etwas, was, sie nicht haben: einen Internetzugang. Genau dieses kleine Detail macht Familie Gille gerade so berühmt.

„Mein Handy ist mein Rauchzeichen in die Außenwelt.“

„Hinterwäldler“ - sagen die einen und schütteln verständnislos mit dem Kopf. „Beneidenswert normal“ sagen die anderen. Mit ihren 26 Jahren ist Alexandra Gille die Jüngste in der Familie. Und sie fühlt sich mehr als nur normal. Sie fühlt sich privilegiert. Ein Leben ohne Internet bedeutet für sie ein Leben mit Freiheiten. Eine eigene Mailadresse hat sie nicht. Soziale Netzwerke wie Facebook verabscheut sie.

Online-Banking käme ihr nicht in den Sinn und wenn sie eine neue Hose braucht, dann fährt sie ins Dorf, statt sich durch die Warenhäuser der Welt zu klicken. Wer sie erreichen möchte, muss sie anrufen. Oder einen Brief schreiben. Ein Fax geht auch. So viel Fortschritt ist auch im Waldhotel schon eingezogen.

Gäste und Freunde der Familie haben sich auf die Internet-Abstinenz der Gilles eingestellt. Fast, als wären sie umerzogen worden. Sie rufen an. Wenn es schnell gehen muss, schreiben sie ein Fax. Wenn etwas persönliches geklärt werden soll, fahren sie vorbei. Während die Freunde in ihrem Alter mit dem Zugang zum Internet groß geworden sind, weigert sich Alexandra Gille standhaft.

Erst war es die Entscheidung der Eltern - mittlerweile ist es ihre eigene geworden. „Ich habe da gar keine Zeit für“, erklärt die junge Frau. Morgens um 5.30 Uhr muss sie aufstehen, um für die Gäste das Frühstück zu servieren. Nachts, oft weit nach Mitternacht, das letzte Bier zapfen.

„Ich kann drei Stunden am Stück Holz hacken. Aber wenn ich einkaufen gehe, kriege ich Stress.“

Interessiert sie sich für etwas, fragt sie nach. Ruft an. Verwickelt die Leute in ein Gespräch. Oft aufwendiger als eine schnelle Internetrecherche. Aber immer spannender. Statt Mails schreibt sie Briefe. Statt sich bei Facebook mit Freunden auszutauschen, setzt sie sich ins Auto und fährt persönlich vorbei. Das Leben ohne Internet - für sie ist es normal.

Ihr Umfeld erst macht es zu etwas besonderem. Zu etwas skurrilem. Zu etwas, wofür sie sich rechtfertigen muss. Am häufigsten vor Hotelgästen. Die müssen nicht nur anrufen, wenn sie ein Zimmer buchen wollen, sondern häufig auch den Schock überwinden, dass hier, „am schönsten Arsch der Welt“, der Handyempfang schlecht und WLAN nicht vorhanden ist. Abenteuerurlaub für die Generation „Dauererreichbar“. Manch einer könne sich darauf einlassen und entspannen. Andere seien gestresst dadurch, dass Handy und Internet sie hier nicht stressen können, sagt Gille. Absurde Welt.

Manchmal, beim Bierzapfen, Holz hacken und Pferdestall ausmisten, macht sich Alexandra Gille Gedanken über all die Getriebenen. Und über sich selbst. Und dann merkt sie, dass sie zufrieden ist. So wie sie lebt. Ohne Internet. Ohne alles, immer, sofort wissen zu müssen. Das, was wichtig ist, liest sie in der Zeitung oder sieht sie in den Nachrichten. Alles andere erfährt sie an der Theke. Das, was sie nicht mitbekommt, kümmert sie nicht.

So einfach kann es sein, als junge Frau im 21. Jahrhundert. Ihren Freund - den hat sie übrigens auch auf die „altbackene“ Art und Weise kennengelernt. Einfach angesprochen. Keine heimliche Vor-Recherche bei Facebook. Kein ungeduldiges Warten, bis Freunde seine Handynummer herausrücken.

Ein einfaches „Hallo. Wie geht es dir?“ Das war es. Und weil so viel Normalität schon unnormal ist, hat ein Verlag schon Interesse an einem Buch über das Leben „offline“ angemeldet. Alexandra Gille ist ein bisschen überrumpelt. Und glücklich. Denn schreiben - das tut sie in jeder freien Minute. Briefe, Tagebuch und kleine Geschichten. Manchmal lustige, manchmal nachdenkliche. „Ich will den Leuten Freude bereiten - und ihnen vermitteln, dass sie das Leben nicht so ernst nehmen sollen“, sagt die 26-Jährige und lacht ihr sympathisches Lächeln.

Zeit, für eine Rückkehr in die digitale Welt. Ein fester Händedruck. Ein kurzes Winken und eine Bitte: „Schicken Sie mir den Artikel, wenn er erschienen ist? Aber per Post!“

von Marie Lisa Schulz

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