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Offene Synagoge als Schutz vor Hass

Antisemitismus-Debatte Offene Synagoge als Schutz vor Hass

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit beklagt, dass in Deutschland Antisemitismus zugenommen hat. Der Marburger Verein schließt sich einer Resolution des Dachverbands an. Doch wo beginnt Antisemitismus?

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Die Marburger Synagoge in Marburg ist vermutlich die einzige in Deutschland, in der ein Ortsverein der Christlich-Jüdischen Gesellschaft ihren Geschäftssitz hat. Die Gesellschaft klagt über wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Amos Czarny hat sich kürzlich unter die pro-palästinensischen Demonstranten in Frankfurt gemischt - unauffällig, als Beobachter, wie er sagt. „Ich hatte kein gutes Gefühl“, sagt der Marburger. „Wenn man mir angesehen hätte, dass ich Jude bin, wäre ich wohl kaum ungeschoren davongekommen“, meint er. Und ergänzt: Das sei sein subjektives Gefühl. Der 64-jährige Marburger ist in Israel geboren, mit zwölf Jahren kam er nach Deutschland. Er lebte mehrere Jahre in Frankfurt - auch deshalb wollte er dort die Demonstrationen sehen.

In Marburg dominiert die „große Pluralität“

Czarny hat eine deutliche Haltung zur aktuellen Lage im Nahen Osten: „Es hätte keinen einzigen Toten und Verwundeten auf beiden Seiten gegeben, wenn es nicht den Raketenbeschuss der Hamas gegeben hätte. Die Hamas opfert rücksichtslos für ihr Ziel - die Zerstörung Israels - die eigene Bevölkerung.“ Die israelische Reaktion findet er auch nicht gut - Krieg sei nie zu befürworten. Eine friedliche Lösung sehe er nicht. Das Land verteidige sich und seine Bürger. Bürger ist Amos Czarny in Marburg. Und als Marburger sei er aufgrund seiner Herkunft interessiert am Geschehen im Nahen Osten. Er beobachte mit Sorge, dass der Antisemitismus in Deutschland wachse. Oft sei er „traurig“, dass Israels Politik in der Öffentlichkeit einseitig dargestellt werde. Czarny ist selbst nicht religiös, bezeichnet sich als liberal. „Ich führe nicht einmal die jüdischen Traditionen fort.“ Er werde nicht als Jude wahrgenommen, trage zum Beispiel keine Kippa - die jüdische Kopfbedeckung. Das mache ihm das Leben hier leichter, sagt er. Als liberaler Mensch möchte er, dass jeder seine Religion frei ausüben könne. „Alles, was extrem ist, ist nicht meine Sache“.

Dorn: Friedliches Marburg ist ein Verdienst von Orbach

Dass in Marburg bisher keine Demonstrationen vor der Synagoge stattfanden, sei keine Selbstverständlichkeit, sagt Czarny. Nur 20 Minuten entfernt in Gießen soll es Samstag vor einer Woche am Rande der „Free-Gaza-Demo“ antisemitische Beleidigungen gegeben haben, berichteten Medien unter Berufung auf ein Bürgerbündnis.

„In Marburg rechnen wir nicht mit Eskalationen. Hier ist es friedlich“, sagt Dr. Klaus Dorn, der katholische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Marburg. „Das ist im Wesentlichen Amnon Orbach, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, zu verdanken. Mit seinem Charisma und seiner Offenheit gibt er der jüdischen Gemeinde ein positives Image. Jeder kann am Gottesdienst in der Synagoge teilnehmen, Orbach sucht immer die Diskussion“, sagt Dorn über den Ehrenbürger Marburgs. Dorn erinnert an einen Fall vor einigen Jahren, als ein Jugendlicher, der einen jüdischen Friedhof mit rechtsradikalen Parolen beschmiert hatte, Sozialstunden in der jüdischen Gemeinde leistete. Orbach hatte es geschafft, dass der Junge gänzlich von seiner extremistischen Einstellung abrückte, so Dorn. „In Marburg trauen sich Rassisten nicht aus der Deckung“, sagt Dorn. Hier dominiere die große Pluralität. Dennoch: „Auch in Marburg gibt es Antisemitismus.“ Er meine damit nicht nur die anonymen Schmähanrufe, die ab und an in der Synagoge eingehen. „Der Antisemitismus ist in Deutschland latent vorhanden.“ Wo fängt Antisemitismus an? Der Publizist Henryk M. Broder schrieb in der „Welt“: „Die Frage, woran man einen Antisemiten erkennt, ist keine akademische, man kann sie sehr einfach beantworten, ohne bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf Projektförderung zu stellen: Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übel nimmt, ist ein Antisemit.“

Trennung von Staat und Religion in Israel schwierig

Dorn hat diese Definition bisher nicht geteilt, sagt aber nach kurzem Nachdenken: Da sei was dran. Antisemitismus liege vor, wenn zum Beispiel ein Jude in Deutschland für die Politik des Staates Israel mitverantwortlich gemacht werde. Doch ergänzt der Marburger Theologe, dass es bei der Trennung von jüdischer Religion und dem Volk Israel eine Schwierigkeit gibt: Juden verstehen sich als Volk. Der Staat Israel sei aber nicht wirklich säkular.

Dorn bevorzugt daher lieber den Ausdruck vom Judentum als Schicksalsgemeinschaft. „Amerikanische Juden und deutsche Juden fühlen sich Israel verbunden. Aber es gibt auch muslimische und christliche Israelis. Das darf man nicht außer Acht lassen“, so Dorn.

Viele Menschen verwechseln Judentum und Israel

Die Israel-Kritik nehme zu und mit ihr der Antisemitismus, registriert Dorn. Beim Sechstagekrieg 1967 äußerten sich viele Deutsche positiv, „ja mit Bewunderung gegenüber der israelischen Politik“. Seit Jahren schlage dies ins Gegenteil um. Die Siedlungspolitik der Israelis, der Einzug im Westjordanland „und natürlich auch einseitige Berichterstattung“ seien Gründe dafür. Sollten sich Deutsche zurückhalten in der Kritik gegenüber Israel - aufgrund der Vergangenheit? „Nein. Wenn ich einen Freund habe, muss ich ihn zurechtweisen, wenn ich in einem Konflikt anderer Meinung bin“, sagt Dorn. „Aber man sollte so mit den Israelis sprechen, wie man mit den Franzosen und Amerikanern sprechen würde.“

Dass in Deutschland Anti-Israel-Demonstrationen vor Synagogen und nicht vor Konsulaten stattfinden, sei für ihn nachvollziehbar. Viele Menschen vermischen das Judentum und Israel. „Aber, was kann ein Jude in Marburg für den Nahostkonflikt?“, fragt Dorn. Genauso wenig wie ein Marburger Muslim, erklärt er.

Der Dachverband der Christlich-Jüdischen Gesellschaften in Deutschland hat jetzt in einer Resolution mit der Überschrift „Wir klagen an...“ die Zunahme von Judenhass in Deutschland beklagt. Ein Schwerpunkt der Resolution widmet sich allerdings auch der Kritik gegenüber der Hamas.

Zur GCJZ

In Deutschland gibt es rund 80 Ortsgruppen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). In Marburg wurde sie 1960/61 von Willy Sage gegründet. Seit 1999 ist Dr. Klaus Dorn Vorsitzender. Der Theologe  vertritt die Katholiken in der GCJZ Marburg. Weitere gleichberechtigte Vorsitzende sind Propst Helmut Wöllenstein sowie Amnon Orbach, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Der Verein ist religiös geprägt.

„Das Judentum ist unsere Mutterreligion. Die Wurzel des Christentums“, erklärt Dorn. In der religiösen Orientierung unterscheidet sich die GCJZ von den Deutsch-Israelischen Vereinen, wenngleich der Kulturaustausch zwischen Juden und Christen zum Programm gehören – ebenso wie die Veranstaltung von Vorträgen, Konzerten, Lesungen und Begegnungstreffen.

Der Verein hat 250 bis 300 Mitglieder in Marburg. Eine Besonderheit der Marburger Ortsgruppe: Die Geschäftsführung der Gesellschaft hat ihr Büro in der Synagoge, wahrscheinlich einzigartig in Deutschland. Das zeige, wie offen die Marburger jüdische Gemeinde sei. Aber es sei auch ein klares Statement für die Synagoge. „Wir beachten natürlich die religiösen Vorgaben dort“, betont Dorn.
Zur jüdischen Gemeinde gehören 400 bis 500 Mitglieder, die meisten von ihnen sind Einwanderer aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

von Anna Ntemiris

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