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Nur in der Hundehütte gab es Schutz

Sexueller Missbrauch Nur in der Hundehütte gab es Schutz

Seit vor dreieinhalb Jahren sein Trauma ausbrach, lebt Markus Diegmann mit seinen schrecklichen Kindheitserinnerungen, Krämpfen und Schmerzen. Er fordert, dass sexueller Missbrauch an Kindern nicht verjährt.

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Markus Diegmann und sein Hund „Picasso“ ziehen mit dem „Tour41“-Wohnmobil im nächsten Jahr durch deutsche Städte, um Opfern zu helfen: Der 50-Jährige fordert, dass die Verjährungsfrist von sexuellem Missbrauch aufgegeben wird.     

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am 31. März 2013 kam die Erinnerung hoch. An dem Tag, als er sein Kündigungsschreiben erhielt. „Die Bilder schossen mir wie ein Blitzschlag durch den Kopf. Bilder, in denen ich auf dem Bett liege, ein kleiner blonder Junge mit schulterlangen Haaren. Nackt sehe ich mich auf dem Bett liegen, ein kleiner dicker Mann ebenso nackt wie ich neben mir. Es ist, als stünde ich jetzt daneben. Das lässt mich seither nicht mehr los“, sagt Markus Diegmann. Der 50-Jährige ist Opfer. Er ist Opfer sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Jahrzehnte hat er dies nicht wahrhaben wollen, verdrängt. Der nackte Mann im Kopf waren in Wirklichkeit zwei verschiedene Männer, die als Untermieter im Haus seiner Eltern lebten und sich unabhängig voneinander an dem Jungen vergingen.

Bis zum Zeitpunkt der Kündigung und des Trauma-Ausbruchs war Diegmann ein erfolgreicher IT-Mitarbeiter in einem weltweit tätigen Unternehmen. Er reiste zu seinen Kunden in ganz Deutschland und war auch in Marburg tätig. Diegmann war ein Grenzgänger, ein rastloser Mensch. Zum Ausrasten brachte ihn die Kündigung, mit dieser verlor er seine Bestätigung und damit den Boden unter den Füßen, wie er sagt.

Hilferuf an die Eltern: „Ich machte in die Hose“

Markus Diegmann kann die schrecklichen Bilder dank Therapeuten heute in Worte fassen, er will darüber sprechen, und er will sich für Opfer einsetzen. 41 davon gibt es in Deutschland täglich, so das Bundeskriminalamt. Mädchen und Jungen wie ihn, der von seinen berufstätigen Eltern als siebtes von neun Kindern keine Liebe erfuhr. Er  berichtet von ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Dorf bei Wipperfürth im Bergischen Land und von einem Vater, der ihn körperlich misshandelte, sobald er Schwäche zeigte. Die Frage, warum er sich nicht seinen Eltern offenbarte, beantwortet Diegmann schnell: „Ich machte in die Hose. Das war mein Zeichen.“ Wenn ihm das mal wieder passiert war und sein Vater dies mitbekam, musste er sich ausziehen – auch wenn Besuch da war. „Ich bekam einen Eimer mit heißem Wasser und Waschmittel und musste meine Unterwäsche von Hand waschen. Dazu gab es ausreichend Schläge von meinem Vater.“

Auch an diese Schmerzen und Demütigungen muss er heute noch denken, aber es sind nicht diese Bilder, die ihn aufzehren, sondern die Bilder vom körperlichen Missbrauch. Einer der beiden Untermieter teilte sich als damals junger Mann gemeinsam mit seiner Mutter einige Zimmer in der ersten Etage des Hauses Diegmann. Der kleine Markus musste täglich am Wohnzimmer seines Peinigers vorbei, sein Zimmer war im Dachgeschoss. Seine Eltern und ein Teil seiner Geschwister schliefen im Erdgeschoss.

Das erste Mal war der Besuch freiwillig: Der Untermieter lud ihn zu Cola und Chips ein, etwas, was der Junge zu Hause nie bekam und was ihm so wunderbar schmeckte. Später habe er es einfach nicht geschafft, dem Mann aus dem Weg zu gehen. „Oft stand er nur mit Bademantel bekleidet in der Wohnzimmertür und fing mich ab“, so der 50-Jährige. Immer wieder geriet er in die Falle, musste in das Zimmer, das mitten im Haus, aber doch abseits von jeglicher Wahrnehmung der Erwachsenen war. Er musste sich ausziehen, von dem Pädophilen anfassen lassen und anfassen. „Es war die Hölle“, sagt er.

Der schlimmste Übergriff sei 1980 geschehen. Er erwartete zum 15. Geburtstag ein Mofa. Dazu musste er mit dem „hilfsbereiten Nachbarn“ nach Köln fahren. Doch in Köln erklärte ihm der Mann, dass „irgendetwas dazwischen gekommen sei“. Eine Falle: Mit Zureden und Ankündigungen habe er ihn über das Wochenende in einer Mietwohnung seiner Freundin und späteren Ehefrau festgehalten – und sich mehrfach an ihm vergangen.  

Der andere Täter war ein Kollege seines Vaters, sagt Diegmann. Zwei Jahre lang lebte dieser Kollege bei der Großfamilie. Ob dies im Dorf zur damaligen Zeit nicht seltsam war? „Ja, das war es. Dass die alleinstehende Dame mit ihrem Sohn bei uns wohnte, war akzeptiert. Aber über den Kollegen wurde geredet“, erinnert sich Diegmann. Mehr weiß er aber darüber nicht. Er erinnert sich an Szenen: Manchmal habe er sich stundenlang in der Hundehütte versteckt, die Schäferhündin habe ihn draußen bewacht, sagt Diegmann. Heute ist der Frührentner nur noch mit seinem Hund „Picasso“ unterwegs, ein Australian Shepherd und ausgebildeter Rettungshund. Menschen könne er nicht mehr – auch wenn er es wolle – richtig vertrauen.

Warten auf einen Therapieplatz in der Klinik

Diegmann heiratete mit 18 Jahren, „um aus dem Haus zu kommen. Das war meine Lösung, nicht meine Liebe.“ Inzwischen ist er geschieden, hat einen erwachsenen Sohn, mit dem er sich sehr gut verstehe und der ihn unterstütze. Bis zum Ausbruch des Traumas wusste auch seine Familie nichts von seinen Kindheitserfahrungen.

Ärzte haben Markus Diegmann erklärt, dass er die Bilder in seinem Kopf, die Erinnerung an die schreckliche Kindheit nicht mehr ablegen kann. Er will den Umgang damit lernen, um ein möglichst schmerzfreies Leben weiterführen zu können.
Diegmann ist inzwischen von der Geschäftsstelle des „Fonds Sexueller Missbrauch“ beim Bundesfamilienministerium als Opfer anerkannt. Ein äußerst wichtiger Bescheid in seinem dicken Aktenordner. Ausschlaggebend dafür waren die Aussagen von zwei Brüdern, die  bestätigt hätten, dass auch sie von den Männern belästigt worden seien. Im Gegensatz zu dem Jüngeren hätten diese sich aber wehren oder den Tätern aus dem Weg gehen können. Zudem könnten sich die Geschwister daran erinnern, dass der Kollege des Vaters die Kinder oft filmte – auch wenn sie nackt waren.

1992 versuchte Diegmann, sich auf dem Friedhof das Leben zu nehmen, nachdem seine Mutter gestorben war und er wieder in die Heimat zurückkehrte. Wann sein Vater starb, wisse er nicht. Er schaffte es, zu überleben und wurde zum Überlebenskünstler. Kurze Zeit später gründete er eine Firma. Seine berufliche Laufbahn ist kurven- und facettenreich. Vom Hauptschüler zum Berufsschullehrer, vom Medienschaffenden zum  Softwarespezialisten – um nur einige Stationen zu nennen.

Eine Million Unterschriften gegen Verjährungsfrist

Mithilfe des Fonds hatte Markus Diegmann einen Therapieplatz in einer Spezialklinik bekommen. In den Mühlen der Bürokratie kam er aber nicht weiter. Da der Finanzbescheid für eine Verlängerung der Therapie zu spät eintraf, musste er diese abbrechen. „Ich hatte mich geöffnet. Mein Innerstes nach Außen gekehrt. Alles kam raus, und dann war ich wieder alleine damit. Das war noch schlimmer als vor der Therapie“, sagt er. Heute wünscht er sich einen der wenigen Plätze in einer speziellen Einrichtung für chronisch komplex traumatisierte Menschen. Seine ambulante Therapeutin habe ihm bisher geholfen, aber er benötige stationäre Hilfe.

Opfer-Organisationen haben die beiden Täter ausfindig gemacht. Diese hätten aber mit rechtlichen Schritten gedroht, das Ganze sei nicht weiter verfolgt worden. Nun steht der große hagere Mann vor vielen existentiellen Fragen. Weil er zu Hause nur in Depressionen verfalle und das Geld knapp sei, entschied er sich, in ein Wohnmobil zu ziehen. Aus dieser Entscheidung entstand eine Idee. Er will öffentlichkeitswirksam eine Gesetzesänderung erwirken. Im Namen vieler anonymer Opfer, wie er sagt. Diegmanns Vorhaben: Er startet die „Tour 41“ und will in deutschen Städten mit seinem Wohnmobil auf das Thema aufmerksam machen und Unterschriften sammeln. Tour41, weil 41 Kinder in Deutschland täglich missbraucht werden – das ist die offizielle Statistik. Die Dunkelziffer ist vermutlich weit höher.

Der 50-Jährige hat gemeinsam mit seinen acht Geschwistern und seinem Sohn den Verein „Tour41“ gegründet, der später eine Stiftung gründen soll, um eine Akuthilfestelle für traumatisierte Menschen zu errichten. „Wenn das Trauma ausbricht und sich mit voller Wucht als Hilflosigkeit, Verzweiflung und große seelische Not meldet, benötigen Menschen sofort Hilfe“, sagt er. Vor einem Jahr hatte er unter einem Facebook-Pseudonym seine Geschwister kontaktiert und traf sich nach 24 Jahren wieder mit ihnen. Ein erneutes Treffen würde ihn zu sehr belasten, sagt er. „Ich schaffe es nicht, obwohl sie für mich da wären.“ Er ist aber dankbar, dass sie ebenso wie sein Sohn sein Vorhaben unterstützen.

Er profitiere von Netzwerken, die er im Laufe seines Berufslebens geschaffen habe. Diegmann hat sich zum Ziel gesetzt, eine Million Unterschriften gegen die Verjährungsfrist zu sammeln. Laut Gesetz verjährt sexueller Missbrauch an Kindern zivilrechtlich nach 30 Jahren. Menschen wie Diegmann, die Jahrzehnte später ihre traumatischen Erlebnisse aufrollen, haben keine Chance auf eine Entschädigung.

von Anna Ntemiris

 
Hintergrund
Der Verein „Tour41“ will nach eigenen Angaben eine Stiftung gründen, um eine Akuthilfestelle für traumatisierte Menschen zu errichten. Pro Jahr sollen 20 Menschen dort wohnen können. 41 steht für 41 Kinder, die täglich in Deutschland sexuell missbraucht werden. Das sagt eine Statistik des Bundeskriminalamts. Die Tour startet im März 2017, dann wird Diegmann zusammen mit seinem Hund durch Deutschland fahren und Unterschriften sammeln. Eine Station ist auch in Marburg geplant.
Mehr Informationen unter www. tour41.net
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