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Nur eine kleine Minderheit

Marburger Verbindungen Nur eine kleine Minderheit

Rechtlich ist die Auseinandersetzung um den Martkfrühschoppen noch eine Hängepartie, politisch hat sich zumindest die Parlamentsmehrheit festgelegt.

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Marburger Korporationsstudenten bei einem Marktfrühschoppen vor dem Marburger Rathaus.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Kern geht es bei der Frage, ob der Martkfrühschoppen stattfinden soll, um eine politische Frage: Soll die Stadt Mitgliedsbünden der als extrem rechts geltenden Deutschen Burschenschaft den Marktplatz überlassen, um sich zu präsentieren, oder nicht?

Das Stadtparlament hat diese Frage klar beantwortet: Einstimmig beschlossen die Parlamentarier, dass politische und öffentliche Aktivitäten studentischer Verbindungen und ihrer Mitglieder, die der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft angehören, in Marburg „nicht erwünscht“ sind. Hintergrund: Die Deutsche Burschenschaft, früher einmal einziger Dachverband studentischer Burschenschaften, hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich offen nach rechts entwickelt.

"Deutschstämmige Männer" erwünscht

Der Dachverband akzeptiert als Mitglieder lediglich „deutschstämmige Männer“. Im vergangenen Jahr wurde beim Deutschen Burschentag in Eisenach eine Mannheimer Verbindung scharf kritisiert, weil die einen deutschen Studenten chinesischer Abstammung aufgenommen hatte. Unter dem Begriff „Ariernachweis“ machte der Streit bundesweit Schlagzeilen. Der frühere Chefredakteur der Burschenschaftlichen Blätter, Norbert Weidner, war im vergangenen Jahr aufgefallen, als er den NS-Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ und dessen Hinrichtung „rein juristisch“ als gerechtfertigt bezeichnet hatte.

Weidner wurde inzwischen von seinem Amt abberufen. Der Dachverband steht inzwischen dennoch vor der Spaltung, weil einige liberalere Burschenschaften den strammen Rechtskurs nicht mittragen. Im März trafen sich knapp 50 reformorientierte Verbindungen, um über die Gründung eines eigenen Dachverbandes zu beraten. Und: Seit dem Jahr 2012 sind mehr als 20 Burschenschaften aus dem Dachverband ausgetreten, darunter die Marburger Teutonia-Germania.

In Treue fest stehen dagegen die Marburger Burschenschaften Germania, Normannia-Leipzig und Rheinfranken zu ihrem Dachverband - offenbar unbeeindruckt auch von den personellen Verquickungen zwischen Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft und der NPD. Der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel etwa ist „Alter Herr“ der Gießener Burschenschaft und war Mitglied der Marburger Burschenschaft Normannia-Leipzig - bis zum Jahr 2000, nachdem aus Gansels Luftgewehr vom Verbindungshaus aus geschossen worden war. Danach flog er aus dem Verband (die OP berichtete).

So einig sich Politik und große Teile der Gesellschaft über die Bewertung der Deutschen Burschenschaft sind, so unterschiedlich sind die Auffassungen über die Konsequenzen bezüglich des Marktfrühschoppens. Befürworter des Festes argumentieren unter anderem, bei den drei Burschenschaften handele es sich um eine „Minderheit“, von denen man sich ein schönes Volksfest nicht kaputt machen lassen dürfe.

OB Vaupel bezweifelt den "Studentencharakter"

Dass es sich bei dem Martkfrühschoppen, der seit 1951 jeden ersten Sonntag im Juli stattfindet, tatsächlich noch um ein Fest der Marburger Bürger und ihrer Studenten handelt, daran zweifelt OB Vaupel. Vaupel griff im OP-Gespräch das gelegentlich vorgetragene Argument an, der Marktfrühschoppen sei das traditionelle Fest der Marburger und ihrer Studenten. „Schon längst nicht mehr repräsentieren die Korporationen die Marburger Studentenschaft“, so Vaupel Tatsächlich repräsentierten die Korporationen in der Vergangenheit die Marburger Studentenschaft. So waren im Wintersemester 1930/31 von den damals knapp 2500 Studierendenan der Philipps-Universität 63 Prozent Mitglied einer Korporation. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Großteil der Studenten Mitglied einer Korporation.

Der erste Markt frühschoppen wurde aber 1951 offiziell aus Anlass des Brunnenfestes gefeiert. Er geht laut Wikipedia auf einen jährlichen Frühschoppen zurück, den Marburger Studenten seit 1903 auf dem Marktplatz gefeiert haben. Heute sind die korporierten Studenten eine Splittergruppe unter der Marburger Studierendenschaft. Selbst wenn die 26 Marburger Verbindungen jeweils 20 aktive Mitglieder hätten, läge die Gesamtzahl der Korporationsstudenten bei 520 - und hätte damit einen Anteil von gerade zwei Prozent an der Gesamtzahl der Marburger Studierenden.

von Till Conrad

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