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Nur ein harmloser Traditionsverein?

Marburger Jäger Nur ein harmloser Traditionsverein?

Nach der Veröffentlichung einer Studie der Marburger Geschichtswerkstatt über die Marburger Jäger beginnt nun die Debatte über deren Historie neu.

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Kundgebung der Ostermarschierer 2013 vor dem Denkmal für die Marburger Jäger im Schülerpark: Karsten Engewald von der Bürgerinitiative gegen das Kriegsdenkmal in Bortshausen setzt sich mit der Geschichte der Jäger auseinander.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. In der seit eineinhalb Jahren schwelenden Auseinandersetzung um einen Gedenkstein in Bortshausen und die Geschichte der Marburger Jäger hatte das Marburger Stadtparlament beschlossen, die Marburger Geschichtswerkstatt mit der Erforschung der Geschichte der Marburger Jäger zu beauftragen. Diese Arbeit liegt nun vor.

Leitmotiv ist die Frage, ob die Kameradschaft Marburger Jäger ein harmloser Traditionsverein ist oder, wie etwa die „Bürgerinitiative gegen das Kriegsdenkmal in Bortshausen“ sagt, eine rückwärtsgewandte und militaristische Organisation.

  • In der Studie belegen die Autoren jedenfalls, dass die Marburger Jäger seit ihrer Gründung immer wieder an Gewalttaten und anderen Verbrechen beteiligt waren. Eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse:
  • Nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich 1871 beteiligt sich das Marburger Jäger-Bataillon an der Niederschlagung de „Pariser Kommune“. Marburger Soldaten schossen auf Flüchtende oder hinderten sie an der Flucht.
  • Freiwillige des Kurhessischen Jäger-Bataillons beteiligten sich 1900/1901 an der Niederwerfung des Boxer-Aufstands in China.
  • 23 Marburger Jäger beteiligten sich am Völkermord an den Herero und den Nama in der Kolonie Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia.
  • Im August 1914 war das Marburger Jägerbataillon Nr. 11 unter dem Kommando von Graf von Soden an Kriegsverbrechen gegen die belgische Zivilbevölkerung beteiligt. In der belgischen Kleinstadt Dinan starben 674 Zivilisten durch „Säuberungsaktionen der Deutschen, von den Marburger Jägern „Großes Strafgericht“ genannt.
  • Das Reserve-Jäger-Bataillon 11 meldete sich nach dem 1. Weltktrieg für den „Heimatschutz Ost“ genannten Grenzschutz in Oberschlesien; dabei wurden im Januar 1919 durch die Marburger Reservejäger bei einem Aufstand in Königshütte mindestens 16 Menschen getötet.

All diese Geschehnisse sind dokumentiert und in der Studie durch Quellen belegt.

Die Kriegsteilnehmer der Jägerbataillone schlossen sich ab 1919 zu ersten Kameradschaften zusammen. Die Marburger SA trat ab Juli 1933 als „SA-Standarte Marburger Jäger 11“ auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unter anderem auch die Traditionsgruppen der Marburger Jäger von den Alliierten verboten. Ab 1979 nahm die heute noch aktive Kameradschaft Marburger Jäger/2. PzGrenDiv ihre Tätigkeit auf.

Vaupel für Bemühen um gemeinsame Einschätzung

Kann über Taten der Marburger Jäger im Lauf der Jahrzehnte kein Zweifel bestehen, ist die Frage nach der Rolle der Traditionsvereine schwerer zu beantworten. Die Kameradschaft Marburger Jäger nimmt für sich in Anspruch, lediglich die Gefallenen zu ehren und dadurch Friedensarbeit zu leisten.

Für die Geschichtswerkstatt wirft Thomas Werther der Kameradschaft vor, sie leugne ihre Verantwortung der Geschichte gegenüber, indem sie die dunklen, verbrecherischen Seiten der Tradition bewusst oder nicht-wissen-wollend verdränge. Bei Klaus J. Böckler, dem Vorsitzenden der Kameradschaft, klingt das so: „Ich kann nicht für das verantwortlich gemacht werden, was meine Urgroßväter getan haben“, sagte Böckler gestern gegenüber der OP.

Die Marburger Linke fordert einen öffentlichen Diskurs über die Studie und hat einen entsprechenden Antrag im Stadtparlament gestellt. Sie will, dass die Ergebnisse der Marburger Geschichtswerkstatt öffentlich präsentiert werden. Und: „Die Marburger Jäger müssen sich mit ihrer Militäreinheit und ihrer Geschichte auseinandersetzen“, sagt der Stadtverordnete Jan Schalauske.

Vaupel will, dass die Studie öffentlich vorgestellt wird

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hegt eine gewisse Sympathie für die Vorstellung von einer öffentlichen Präsentation. Er wolle zwar dem Beschluss des Parlaments nicht vorgreifen, sagt der OB, „aber ich halte es für richtig, die Studie öffentlich vorzustellen.“ Vaupel will erreichen, dass die Kameradschaft Marburger Jäger bei einer solchen Präsentation dabei ist. „Dann wäre die Studie und die Diskussion darüber eine gute Grundlage für eine gemeinsame Einschätzung der Geschichte“, sagte Vaupel.

Ob es tatsächlich zu einer solchen gemeinsamen Einschätzung bleibt, ist aber offen. Böckler sagte der OP, er habe die Studie (die den Marburger Jägern vor zwei Wochen per Post zugestellt wurde) noch nicht gelesen. „Aber nehmen wir mal an, alles sei erstunken und erlogen, hielte ich es für unter meiner Würde, an einer öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen.“

von Till Conrad

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Karsten Engewald zeigt Dr. Olga Karumuao aus Namibia das Kriegerdenkmal in Bortshausen. Sie ist entsetzt.

Dr. Olga Karumuao (57) ist eigens nach Marburg gereist, um das Denkmal zu sehen, mit dem auch der Soldaten gedacht wird, die an dem Völkermord an den Herero 1904 bis 1908 beteiligt waren.

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