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„Nur die Spitze des Eisbergs“

Aus dem Landgericht „Nur die Spitze des Eisbergs“

Schmuck, Besteck, Elektronik und Bargeld stahl ein notorischer Einbrecher in den vergangenen Jahren in Marburg. Er muss sich seit Dienstag wegen Wohnungseinbruchdiebstahls vor Gericht verantworten.

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Durch eingeschlagene Fenster – wie auf diesem gestellten Foto – stieg der Einbrecher in Wohnungen ein.

Quelle: Daniel Maurer (Archiv)

Marburg. Am Dienstag begann der Prozess gegen den 48 Jahre alten Dieb vor der ersten Strafkammer des Landgerichts. Insgesamt zwölf Handlungen wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor.

Von Dezember 2015 bis April vergangenen Jahres war der Täter regelmäßig auf Diebestour in Marburg unterwegs, brach dafür mehrfach in Wohn- und Geschäftshäuser ein. Mit Steinen, einem Gartentisch oder was er gerade so fand, warf er Fenster und Terrassentüren ein, hebelte Rollläden auf, um ins Innere zu gelangen. Dort durchsuchte er die Räume nach Geld und Wertgegenständen für den Verkauf.

Auf diesem Wege erbeutete der Einbrecher neben Bargeld und Schmuck diverse Uhren, Silberbesteck und Geschirr, eine Digitalkamera und eine Münzsammlung.

Ziel seiner Einbruchsserie waren verschiedene Unternehmen, einmal ein Marburger Kindergarten, ein Gebäude der Universität und vor allem Privatwohnungen. Meist vergewisserte sich der erfahrene Täter zuvor, dass er nicht erwischt werden konnte - einige Male wurde er dennoch von Bewohnern überrascht. Nach seinem letzten Einbruch spürte die Polizei den flüchtenden Dieb auf und nahm ihn fest. Seit Anfang April sitzt er in Untersuchungshaft.

Vor Gericht gab der Beschuldigte die Vorwürfe mit wenigen Worten zu, bezog Stellung zu den einzelnen Vorwürfen und beschrieb, scheinbar gelassen und ganz sachlich, sein Handeln. Stets war er zu Fuß unterwegs, nahm Gelegenheiten wahr, schaute sich in jedem Haus ausgiebig um. Wenn es die Zeit erlaubte, durchsuchte er ­alle Möbel - „dann alles in die Tasche rein und weg“.

Er räumte alle zwölf Punkte „vollständig ein“, ergänzte Verteidiger Thomas Strecker. Alle, bis auf einen Hinweis in der Anklageschrift: Als der Mann bei einem Einbruch ertappt wurde und flüchtete, soll er der Bewohnerin gedroht haben, noch einmal zurückzukommen. Das bestreitet der Täter. „Meine Intention war nur noch: raus aus dem Haus“, betonte er vor Gericht.

Die Sache ereignete sich Anfang vergangenen Jahres: Bevor der Dieb in ein weiteres Wohnhaus einstieg, klingelte er mehrfach an der Haustür. Als niemand öffnete, warf er eine Terrassentür ein. Die Bewohnerin, eine ältere Frau, hörte die Klingel, bemerkte zwar niemanden, aber war dennoch alarmiert, erinnerte sich die Zeugin vor Gericht. Sie ging durch die Zimmer ihres Hauses und ertappte den Einbrecher auf frischer Tat. „Er stand direkt vor mir - so etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Täter soll gedroht haben: „Ich komme wieder“

Die Seniorin begann zu schreien, alarmierte dadurch Passanten vor dem Haus, welche die Polizei riefen. Beherzt forderte sie den Fremden auf, zu verschwinden.

Dem kam der Mann nach kurzer Zeit auch nach und soll beim Hinausgehen gedroht haben: „Ich komme wieder“.

Gerade dieses Versprechen des Täters entsetzte die Rentnerin zutiefst, bis heute habe sie mit dem Erlebten zu kämpfen. „Seitdem hat sich mein Leben verändert, es belastet mich.“ Nach ihrer Aussage wandte sich der Angeklagte an die Seniorin: „Es tut mir leid, ich komme mit Sicherheit nicht wieder“, betonte der Mann. Er wies darauf hin, dass er zwar ein Einbrecher sei, „aber niemand, der anderen Menschen droht“.

Als Grund für seine zahlreichen Einbrüche nannte der Angeklagte seinen Drogenkonsum. Er nahm damals täglich Marihuana, Haschisch sowie Alkohol zu sich. „Ich habe jeden Tag getrunken und Cannabis geraucht, sicher drei bis fünf Gramm am Tag“, berichtete der Angeklagte. Eine Arbeit hatte er keine. Er finanzierte sich durch Einbrüche seine Suchtmittel. Bei dem überwiegenden Teil seiner Taten habe er sich daher in einem Rauschzustand befunden, ergänzte die Verteidigung, die auf eine verminderte Schuldfähigkeit spekuliert. Ein Sachverständiger begleitet das Verfahren.

Der Angeklagte gilt als Wiederholungstäter - die Diebestour in Marburg war zudem nicht seine erste. Er ist bereits mehrfach einschlägig vorbestraft. Auch die aktuellen Vorwürfe seien wohl „nur die Spitze des Eisbergs“, teilte Staatsanwalt Nicolai Wolf mit. Angeklagt seien nur jene Taten, die ihm auch zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten.

Das war auch der Grund, warum der Anklagevertreter ­eine gerichtliche Verständigung, also­ ein vereinbartes maximales Strafmaß gegen ein Geständnis des Angeklagten, ablehnte. Für diese verfahrensvereinfachende­ Maßnahme sah er keinen Grund. Dafür seien die Taten zu eindeutig sowie keine übermäßig schwere Beweisführung zu erwarten.

Der Prozess wird am Freitag ab 11.30 Uhr im Marburger Landgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert

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