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Nur Linke feiern ausgelassen

Wahlparty-Rundgang Nur Linke feiern ausgelassen

Die Linke feiert. Gedrückte Stimmung bei der CDU.Die SPD weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Die Grünen sind müde, und bei der FDP sind schon alle gegangen.

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Die CDU bibberte im Keller: Stefan Heck, Wieland Stötzel und Stefan Klenner checken die Ergebnisse am Tablet. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Prost prost. Das Bier schwappt in großen Gläsern, die Blicke sind gebannt auf das riesige Bild des Beamers gerichtet. „Ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll“, sagt Jörg Chylek und nippt an seinem Glas. Als Mitglied des Marburger SPD-Ortsverbands ist es für Chylek selbstverständlich, auf der Wahlparty im Rotkehlchen die Hochrechnungen zu verfolgen, die gerade an die Wand projiziert werden. Es ist kurz nach acht. Die Stimmung ist gut. Nicht unbedingt ausgelassen. Dafür sind sich die anwesenden Genossen noch zu unsicher, was sie aus diesem Abend mitnehmen können.

Zwei Fähnchen unter den Roten

„Wir haben sicherlich einiges aufgeholt, was wir bei der letzten Wahl verloren haben. Aber dass die CDU so weit vorne liegt, ist schon heftig“, sagt Chylek. Das miserable Abschneiden der FDP sei auch eine Quittung für ihre politische Arbeit, sagt Chylek, denn diese sei an den Wählern vorbeigegangen. Genau in diesem Moment sieht man tatsächlich zwei FDP-Fähnchen durch das überwiegende Rot vorbeihuschen. Eine der gelb bedruckten Fahnen hält Torsten Sawalies, Fraktionsvorsitzender der FDP in Marburg. Die Fehler, die zur deutlichen Niederlage geführt haben, seien schon weit vor der heutigen Wahl begangen worden, sagt Sawalies.

Wohlfühlen unter den Sozis

Jetzt gelte es, die Partei neu aufzustellen, „wobei ich viele Hoffnungen in die Arbeit von Christian Lindner setze“. Zudem sei die Zweitstimmen-Kampagne, die nach dem Debakel bei der Landtags-Wahl in Bayern gestartet worden war, mehr als unglücklich. Nein, unwohl fühlt er sich nicht unter all den „Sozis“ hier im Rotkehlchen. „Das passt schon. Die meisten kenne ich ja aus dem Stadtparlament“, sagt Sawalies, nimmt einen tiefen Schluck und klammert sich weiter an sein Fähnchen.

In der „Wunderbar“, in der die Wahlparty der FDP stattfinden sollte, ist gegen neun Uhr niemand mehr anzutreffen. Etwa zwanzig Personen seien dagewesen, sagt Betreiber Detlef Cordes. Ob sie besonders niedergeschlagen waren, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen.

Nicht weit entfernt feiern die Grünen ihre Wahlparty im KFZ. Wobei von Feiern nicht unbedingt die Rede sein kann. Viele seien schon gegangen, sagt der Stadtverordnete Marco Nezi. In der Tat: Viele Stühle sind verwaist. Die Übriggebliebenen stehen in einer Ecke vor den Laptop gedrängt und verfolgen die einlaufenden Ergebnisse. „Natürlich sind wir enttäuscht vom Gesamt-Ergebnis. Vor Ort haben wir aber nichts falsch gemacht“, sagt Nezi mit Blick auf das starke Ergebnis der Grünen in Marburg (17,55 Prozent, Bundestagswahl). Auf Bundes- und Landesebene seien die Stärken nicht richtig zur Geltung gekommen. „Natürlich war auch die Debatte um Trittin ein Thema, aber ich glaube nicht, dass es für die Wahl entscheidend war.“ Im Foyer des KFZ steht ein weiterer Wahlparty-Wanderer: Nils Rullkötter war bereits bei den Partys der FDP - als noch Gäste da waren - und bei den Linken. Dort sei die Stimmung am besten, sagt er. Warum er sich diese Ochsentour am Wahlabend antut? „Ich wollte mir das alles mal persönlich anschauen und habe Kontakt zu den einzelnen Parteien aufgenommen. Ich habe auch von jeder Partei eine persönliche Einladung bekommen - außer von der SPD“, sagt Rullkötter und verabschiedet sich Richtung Kreishaus zur Wahlparty der CDU.

Dort schauen die Christdemokraten gebannt auf ihre Handys und Laptops. Die Wiederwahl von Angela Merkel können sie im Moment noch überhaupt nicht feiern - das eigene politische Überleben steht auf dem Spiel, und das denkbar knapp. Stefan Heck und Finanzminister Thomas Schäfer sind nervös, Marian Zachow lässt sich nach der Niederlage im Keller von seiner Freundin und den Parteikollegen trösten.

Gegen viertel vor Zehn herrscht noch immer gute Laune im „Malibu“ - dem Ort, an dem die Linken die Wahlberichterstattung verfolgen. „Wir freuen uns einfach“, sagt der Kreisvorsitzende Jan Schalauske. Besonders darüber, dass man drittstärkste Kraft auf Bundesebene geworden sei. „Das zeigt, dass wir unsere unterschiedlichen Wurzeln aus Ost und West erfolgreich miteinander verknüpft haben und eine Partei für Gesamtdeutschland geworden sind.“ Die Feier wird hier noch ein wenig weitergehen.

von Dennis Siepmann

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