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Noureddin Shikhuoni hat eine neue Heimat gefunden

Von Aleppo nach Marburg Noureddin Shikhuoni hat eine neue Heimat gefunden

Es sind unmenschliche Szenen – die ganze 
Grausamkeit des Krieges zeigt sich derzeit im syrischen Aleppo. Nour hat die Anfänge des Bürgerkriegs miterlebt. Für seinen Traum hat er Heimat und Familie verlassen.

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Noureddin Shikhuoni fotofrafiert in Marburg oft mit seinem Handy.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Der Frost, der sich um die Grashalme gelegt hat, glitzert im Sonnenlicht – ein Stillleben wie gemalt. Nour ist ganz dicht an die Pflanze heran gegangen, so dass auch die feinen Eiskristalle sichtbar werden. Ein Fotograf hat ihm gezeigt, worauf es bei wirklich guten Bildern ankommt. Die Fotos, die Nour in Marburg aufgenommen und der Redaktion geschickt hat, zeigen Ruhe und Frieden und damit das genaue Gegenteil von dem, was sich derzeit in seiner Heimat abspielt – denn diese liegt in Trümmern.

Noureddin Shikhuoni und seine Bilder, die er allesamt mit dem Handy in Marburg aufgenommen hat

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Täglich gibt es neue, noch schockierendere Nachrichten aus Aleppo. Bilder einer zerbombten Stadt, in der kein Stein mehr auf dem anderen zu stehen scheint: Presseagenturen berichten von einer katastrophalen Lage in der zweitgrößten Stadt Syriens. Nach dem erbitterten Kampf der vergangenen Wochen fehlt es dort an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

Leben in Aleppo genossen

Zehntausende Menschen sind auf der Flucht, im Ostteil der Stadt sind ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Die Vereinten Nationen sprechen von einem Blutbad, dem die Menschen zu entkommen versuchen. Nour erinnert sich an ein anderes Aleppo. Eines, in dem er gerne zur Schule gegangen ist und mit seinen Freunden das Leben genossen hat. Vor drei Jahren habe sich dann auf einmal alles geändert.

Seine Eltern, die noch immer im westlichen Teil der umkämpften Stadt ausharren, hoffen jeden Tag auf ein Ende des Krieges. Auf ein Verhallen der ratternden Maschinengewehre, der dröhnenden Raketen und fallenden Bomben.

Die Situation vor Ort sei „kompliziert“, sagt Nour. Derart kompliziert, dass auch die Fernsehberichte­ immer nur einen kleinen Teil der Wahrheit abbilden könnten. Das oftmals propagierte­ Bild vom Kampf „Gut“ gegen „Böse“ passe in diesem Fall einfach nicht: Zu viele unterschiedliche Interessen spielten in dem Konflikt eine Rolle.
Damals hat er lange mit seinen Eltern gesprochen.

Schleuser vertröstete ihn täglich

Die Entscheidung, mit 18 Jahren alles­ hinter sich zu lassen, war eine, die er nicht alleine getroffen hat. Was tun?: Gehen und auf eine Zukunft hoffen oder im Bürgerkriegsgebiet bleiben und sich von seinen Träumen verabschieden?

Schließlich machte sich das Jüngste von fünf Kindern der Familie allein mit seinem Schwager auf den langen und schweren Weg. Mehr als 4 000 Kilometer. Er trug dabei einen Rucksack mit Habseligkeiten und das Ziel: Deutschland im Kopf. Die meiste Zeit war Nour zu Fuß unterwegs. Vier Monate verbrachte der heute 20-Jährige in Griechenland, wo er nach der Überfahrt aus der Türkei „gestrandet“ war.

Nicht wissend, wann und wie es weitergeht. Und ob es überhaupt weitergeht. Die Schleuser, denen er sein Geld gab, vertrösteten ihn täglich. „Ohne Geld geht gar nichts“, weiß Nour. Wie einen Schatz führte er während der ganzen Zeit seiner Flucht das Abitur-Zeugnis mit sich. Nour kennt die schaurigen Geschichten der anderen Geflüchteten, die ihre­ Papiere verloren haben und welche Schwierigkeiten das bei den Behörden mit sich gebracht hat.

Auf seinem Weg, die Balkanroute entlang, musste er auch im Freien schlafen. „Das war schon sehr sehr kalt nachts“, sagt er und erinnert sich dabei an einige Nächte in Serbien.

Am liebsten Medizintechnik studieren

Die deutsche Sprache beherrscht Nour mittlerweile auf einem Level, das ihm bald erlauben wird, ein Studium zu beginnen. Bislang hat er alle Kurse an der Philipps-Universität bestanden. „Ich muss nicht immer jedes Wort verstehen, damit ich den Sinn verstehe“, sagt er.

Lesen falle im leicht, genau wie die Aussprache. Mehr Schwierigkeiten hat der junge Syrer, selbst Texte zu verfassen, sagt er. Dennoch hilft er anderen arabisch-stämmigen Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Dazu zählt auch das Übersetzen beim Arzt oder auf Ämtern. Besonders den Älteren falle es schwer, die Sprache zu lernen.

„Am liebsten würde ich Medizintechnik studieren“, sagt er etwas verlegen. Schon immer habe er sich für Technik und Apparate interessiert. Er wollte wissen, wie sie funktionieren und warum sie es eben manchmal nicht tun. In Marburg hat er nun das Fotografieren für sich entdeckt. Über eine Internetplattform hat er Gleichgesinnte getroffen, die bei gemeinsamen Treffen durch die verwinkelten Gassen der Uni­stadt ziehen, um besondere Motive zu finden. Marburg habe ihn auch allgemein „supernett“ empfangen, sagt Nour.

Ein wenig ratlos wirkt der junge Syrer, wenn es darum geht, einzuschätzen, wie die ­Zukunft seiner Heimatstadt aussieht. „Es ist sehr schlimm, was dort passiert, aber wir können leider nicht wissen, was noch alles kommen wird." Mit seinen Eltern hält er über das Internet Kontakt, wenn die Verbindung denn funktioniert.
Vielleicht zeigt er dann auch seine Bilder, die so voll Stille sind.

von Dennis Siepmann

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