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Notquartiere nerven Richtsberg-Mieter

Wohnheim-Brand Notquartiere nerven Richtsberg-Mieter

Ärger über die Notunterkünfte: Die Mieter des Studentenwohnheims Am Richtsberg 88, das im Juni bei einem Brand schwer beschädigt wurde, sind das Warten leid. Sie rufen mit einer Internet-Petition um Hilfe, hoffen auf baldigen Wiedereinzug.

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Viele der 280 Bewohner des Studentenwohnheims Richtsberg 88 – vor allem Familien – sind das Wohnen in Notquartieren und das Hin- und Hertragen ihres Eigentums leid (so wie Gül und Benno Hinkel, Bild unten).

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Auf den Brand-Schock folgt der Wohn-Frust: Die Hoffnung von Hunderten Mietern, wieder in ihre Wohnungen einziehen zu können, schrumpft - und kürzlich für Ausweichquartiere erhobene Mieten ärgern viele. „Man lebt in zwei Wohnungen, muss ständig, zwei, drei Mal die Woche hin- und herfahren. Für Kleidung oder Spielzeug etwa, weil in den Notunterkünften kein Platz ist“, sagt Amin Soltani. Der Physikdoktorand sagt, er lebe mit Frau und Baby auf 13 Quadratmetern - müsse dafür nun 250 Euro zahlen.






 
 
 
 
 
 
 
 
 


Das Ehepaar Hinkel schildert Ähnliches: „Das ist kein Zustand mehr, ständig fahre ich zum Richtsberg um etwa Ordner für das Semester zu holen. Kein Zuhause zu haben ist auf Dauer sehr anstrengend“, sagt Gül Hinkel. Bis vor vier Wochen lebte sie mit ihrem Ehemann Benno in einer Sechser-WG-Notunterkunft. Eine russische Studentin, eine arabische Familie mit Baby und das Ehepaar in vier kleinen Zimmern. „Privatsphäre war da null. Da mit so vielen Leuten zu leben, war schon mehr als grenzwertig“, sagt Benno Hinkel. Nun wohnen sie im Studentendorf, zahlen nach eigenen Angaben 280 Euro für 28 Quadratmeter. „Damit ist es in der Notunterkunft für uns teurer als am Richtsberg, wo wir fast doppelt so viel Platz hatten.“

Für Ausländer - die meisten Bewohner des Richtsbergs 88 sind ausländische Studenten und Akademiker-Ehepaare - ist die Situation noch anstrengender. „150 Euro mehr Miete zahlen wir für unser Notquartier, aber Anspruch auf Wohngeld, auf Zuschüsse haben wir nicht. Der Brand ist für uns doppelt hart“, sagt Mansour Gonbadi.

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Wenn klar wäre, dass man an diesem oder jenem Tag wieder einziehen könnte, hätte man etwas, an dem man sich orientieren, festhalten könnte“, sagt Ritu Raj. „Die werden im Studentenwerk doch einen Zeitplan haben. Wir wollen den kennen“, ergänzt Soltani. „Damals, im Juni, herrschte Chaos. Da haben Feuerwehr und Studentenwerk alles super gemacht, in kürzester Zeit Großes geleistet“, sagt Julia Rice. In den Folgemonaten seien sowohl Kommunikation als auch Stimmung immer schlechter geworden.

Zeitplan hat sich zerschlagen

Nach den ersten Schadensbewertungen und Reparaturen - etwa von Stromleitungen und Aufzug - ging das Studentenwerk davon aus, dass die meisten Mieter im Laufe des September wieder in ihre Wohnungen können. Der Zeitplan hat sich zerschlagen. „Wir wissen nicht, wann das Haus oder Teilbereiche davon, wieder bewohnbar sein werden“, sagt Franziska Busch, Sprecherin des Studentenwerks auf OP-Nachfrage. Grund seien noch ausstehende Brandschutzarbeiten.

„Sachverständige teilten uns im August mit, dass das Gebäude aus Brandschutzgründen im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung neu bewertet werden muss. Um aktuelle Brandschutzanforderungen zu erfüllen, wird gerade ein umfassendes Konzept erstellt, das dann abgearbeitet werden muss. Bislang liegt uns das Gutachten noch nicht vor“, sagt Busch. Wie umfangreich Arbeiten ausfallen, wie lange diese dauern und was das für den Wieder-Einzugstermin bedeute, sei daher noch unklar. Ritu Raj fürchtet, dass er samt Familie bis April 2015 - so lange läuft sein Mietvertrag in der Notunterkunft - ausharren müssen. „Das geht auf Dauer nicht mehr gut, die Situation strengt alle Betroffenen sehr an“, sagt Rice.

Alle 280 Nachbarn verbindet die Erinnerung an die Beinahe-Katastrophe vom Juni: „Das war surreal. Ich wachte durch den Rauch auf, habe im Halbschlaf gar nicht verstanden, was passiert. Erst als ich von anderswo im Gebäude Feuermelder hörte, verstand ich, dass etwas Schlimmes passiert sein muss“, sagt Jonas Fleer. Benno Hinkel, der aus dem 9. Stockwerk per Drehleiter gerettet wurde, sagt: „Das war echt richtig heftig.“

Unterstützung gibt es von Hunderten Marburgern und Ex-Bewohnern: 617 Unterzeichner (Stand: Donnerstag, 16 Uhr) zählt eine Internet-Petition, die die Mieter gestartet haben. Christiane Förster schreibt: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, monatelang in einem Provisorium zu leben und hoffe, dass so schnell wie möglich dauerhafte Lösungen gefunden werden.“ Alex Remich ergänzt: „Das sind unzumutbare Zustände.“

Bedauern beim Studentenwerk: „Dass es für Bewohner eine sehr unbefriedigende Situation ist, können wir vollkommen nachvollziehen“, sagt Busch. Gegen Kritik am Informationsfluss wehrt sie sich allerdings: „Sobald wir nähere Informationen haben, geben wir diese weiter.“ 100 Plätze in Wohnheimen seien an Opfer ohne Familien gegeben worden, im September sei diesen „ein reguläres Mietverhältnis“ in Wohnheimen angeboten worden. Einzelne Mieter hätten über die Gewobau neue Unterkünfte gefunden, 33 Familien lebten „weiterhin kostenlos in der alten Kita Deutschhausstraße, in Bedienstetenwohnungen der Uniklinik in der Sonnenblickallee und in Appartements des Seniorenzentrums St. Jakob“, erläutert Busch.

Begründung der Internet-Petition im Wortlaut:

https://www.openpetition.de/petition/online/perspektiven-fuer-die-bewohner-des-wohnheimes-am-richtsberg-88-marburg

von Björn Wisker

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