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Nordstadt-Verkehr nervt die Taxifahrer

Unmut über Verkehrsführung Nordstadt-Verkehr nervt die Taxifahrer

Der Radfahrerclub ADFC fordert in der Nordstadt eine Schritttempo-Zone, während unter Taxi-Unternehmern Wut über die seit zwei Monaten geltende Verkehrsreform herrscht.

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Gestresst und genervt: Taxi-Unternehmer Hassan Sorany leidet unter der Verkehrsreform in der Nordstadt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Hassan Sorany ist verärgert: „Taxifahren macht aufgrund der Umstände überhaupt keinen Spaß mehr“, sagt der Inhaber von Taxi Sorany und City-Taxi. „Wie kommt die Stadt dazu, zu behaupten, die Verkehrsreform sei erfolgreich? Das ist der größte Mist! Egal ob morgens oder mittags: Der Verkehr fließt überhaupt nicht durch“, sagt er. Taxifahrer seien davon abhängig, dass der Verkehr reibungslos laufe. „Das hier ist eine Politik gegen Autofahrer.“

Dass die Robert-Koch-Straße in beide Richtungen geöffnet wurde, verstehe er überhaupt nicht: „Wenn ich vom Bahnhof in die Stadt oder egal wohin fahre, nehme ich diese Route nicht. Nur wenn ich von da unbedingt zur Deutschhausstraße will, fahre ich diesen Weg und spare vielleicht 50 Meter. Dafür erstickt der Verkehr in der Bahnhofstraße.“ Er fordert eine Rücknahme der Verkehrsreform. Denn: „Je weniger Autos hier fahren, desto weniger Touristen und desto weniger Kaufkraft gibt es.“

„Viel hat das alles nicht gebracht“

Hakan Toker, Inhaber von VIP Car, berichtet Ähnliches: „Unsere Fahrgäste sind sauer.“ Wenn man jemanden während des Berufsverkehrs vom Bahnhof oder den nahegelegenen Hotels auf die Lahnberge oder zu den Behringwerken fahren wolle, könne das statt sieben Minuten nun auch 17 dauern. „Das kostet die Gäste natürlich auch mehr Geld.“

Das Verkehrsproblem rund um den Hauptbahnhof sei nicht neu, es sei eben kein Platz etwa für eine zusätzliche Spur. Aber: „Es wurde ja schon mehrmals was geändert, viel hat das alles nicht gebracht“, sagt der 46-Jährige.

Lydia Brunett, Inhaberin von Tax-Ruf-Wehrda, bestätigt den zunehmenden Kundenfrust: „Die Fahrgäste ärgern sich. Inzwischen fragen wir sie, ob sie langsam oder schnell vorwärts kommen wollen, also über die Autobahn oder durch den Verkehr.“ Hotels könnten nicht mehr pünktlich angefahren werden, vom Bahnhof kämen die Taxis schlecht weg. „Die Autos kommen einfach nicht mehr schnell genug durch die Stadt, um die Leute zufrieden-zustellen.“

Wolfgang Schuch vom Fahrradclub ADFC sieht durch die Neuregelung hingegen Vorteile für Radfahrer: „Die Robert-Koch-Straße war schon lange ein Ärgernis. Radfahrer, auch mit Anhängern, in denen Kinder sitzen, sind über den Bürgersteig gefahren. Das hat sich durch die Öffnung der Straße in beide Richtungen drastisch verbessert.“

Radfahr-Club fordert
weitergehende Reform

Jedoch ist auch Schuch, als Mitglied des Radverkehrsbeirats, mit der Verkehrsreform unzufrieden. „In der Bürgerbeteiligung ist herausgekommen, dass zwar die Robert-Koch-Straße geöffnet werden soll, aber auch, dass die Elisabethstraße für den Personenkraftverkehr gesperrt werden soll – 
beides in einem Paket.“

Schuch wirft den Einzelhändlern vor, „massiv Druck“ gemacht zu haben, so dass eine weiter
gehende Veränderung verhindert worden sei. „Erstrebenswert“ sei die Ausweisung von Schritttempo in der Elisabethstraße. „Das wäre eine riesige Aufwertung, und es würde eine ganz andere Art von Lebensqualität entstehen.“ Besser wäre es noch, wenn Autos „gar nicht mehr hindurchfahren dürften“.

Taxi-Unternehmer Sorany entgegnet: „Dann gibt es ja nur noch eine Möglichkeit vom Bahnhof aus in die Stadtmitte zu kommen: über die Robert-Koch-Straße. Das wäre ja noch schlimmer, und es würde noch mehr Stau geben.“ Schuch meint, dass es „Zeit braucht, bis Otto Normalverbraucher sich gewöhnt hat, andere Routen zu fahren“.

Verspätungen wirken sich auf Busnetz aus

„Zu Beginn der Umstellung gab es teilweise Verspätungen von mehr als 20 Minuten“, sagt Pascal Barthel, Stadtwerke-Sprecher. Diese seien inzwischen jedoch während der Stoßzeiten auf „zwei bis fünf Minuten zurückgegangen“. Durch die vergangene Woche eingerichtete zusätzliche Busspur auf der Bahnhofstraße sei die Situation entschärft worden.

Jedoch: „Natürlich können sich auch solche Verspätungen auf das gesamte Busnetz auswirken. Teilweise können Anschlüsse innerhalb des Netzes nicht mehr gehalten werden.“ Das Einbiegen von der Deutschhaus- in die Bunsenstraße sei zudem ein bestehendes Problem, weil dort die Busse warten müssten, bis kein Verkehr mehr aus der Bunsenstraße komme. Grund: Die Stadtwerke-Fahrzeuge müssten in Richtung Hauptbahnhof in den Gegenverkehr fahren, erklärt er.

„Keine Straße ist geperrt, jeder kann die Bahnhof- und Elisabethstraße weiter langfahren – nur eben langsamer und rücksichtsvoller“, sagt Christiane Dörbecker, die 31 Jahre für Tempo 30 in dem an das Nordviertel angrenzenden Wehrdaer Weg kämpfte. Es sei ein „Glaubenskampf geprägt von Gewohnheiten“, der die Verkehrsdebatte präge.

„Unglaubliche Arroganz
und Ignoranz der Planer“

„Die Nordstadt ist doch nicht mehr attraktiv, mit der stinkenden Luft und dem hohen Verkehrsaufkommen.“ Wenn der Campus Firmanei erstmal fertig sei, würden Tausende Fußgänger und Radfahrer zusätzlich in dem Viertel unterwegs sein. „Die Stadt muss da etwas ändern, sonst wird es in der Ecke zu großen Problemen und Unfällen kommen.“ Sie befürworte das Reformkonzept.

Die FDP übt hingegen Kritik: „Es zeugt von unglaublicher Arroganz, Ignoranz und Unfähigkeit, dass die verantwortlichen Planer ihre Augen vor dem sichtbaren Scheitern ihres sogenannten Verkehrsversuchs verschließen und ohne signifikante Änderungen weitermachen“, sagt Christoph Ditschler, Parteichef. Die Verkehrsführung in der Bahnhof-, Bunsen- und Robert-Koch-Straße „muss korrigiert werden“, dafür sei eine zweite Spur stadteinwärts „dringend nötig“.

von Björn Wisker
 und Suria Reiche

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