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Nordstadt-Händler genervt von Staus

Verkehrsversuch Nordstadt-Händler genervt von Staus

Die Kritik am Verkehrsversuch Nordstadt ebbt nicht ab. Mehrere Unternehmer aus der Bahnhofstraße klagen über stundenlange Staus – und sorgen sich um Marburgs Zukunft als Einkaufsstadt.

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Optiker Ralf Wagner klagt, wie andere Unternehmer in der Nordstadt, über die Auswirkungen des seit mehr als einem Jahr laufenden Verkehrsversuchs. Sein Resümee: „Man hat aus etwas Unbefriedigendem etwas Unerträgliches gemacht.“

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Meter für Meter ruckeln die Autos in der Ernst-Giller-Straße vorwärts, Stop-and-Go. Blecherner Nachschub, der in die Warteschlange drängt, steht unter der B3-Brücke bereit: zwei Stadtbusse, ein Reisebus. Von der Stadtautobahnabfahrt schieben sich derweil elf Autos, ein Umzugswagen und ein Baustellenfahrzeug auf die Kreuzung.

Ein Radfahrer balanciert sich an den Außenspiegeln vorbei – und muss hinter einem Paketdienst absteigen, der den schmalen Radstreifen zugeparkt hat. Es ist Freitag, 11 Uhr – keine Hauptverkehrszeit.

Ralf Wagner steht vor seinem Optiker-Geschäft in der Bahnhofstraße und schüttelt den Kopf über die Szenerie. „Eine Katastrophe, jeden Tag, jede Stunde aufs neue“, sagt der 51-jährige Inhaber von Optik Wagner in der Bahnhof-straße. Seit 16 Jahren betreibt er das Geschäft an dem Standort, eine perfekte Verkehrssituation habe es dort nie gegeben, aber so schlimm wie seit einem Jahr sei es nie gewesen. „Man hat aus einem unbefriedigenden einen unerträglichen Zustand gemacht.“

"Verschlechterung auf allen Ebenen"

Die Spur-Wegnahme habe für eine „Verschlechterung auf allen Ebenen gesorgt – Staus, Abgasgestank, Lärm, Verärgerung von Kunden“. Daran habe weder die nachträglich eingerichtete Busspur, noch die vor einigen Monaten angepasste Ampelschaltung etwas geändert.

Der von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) entwickelte Plan, den von Norden in die Stadt fließenden Verkehr über Fahrspurmarkierungen auf der B3 zu zähmen, macht Wagner, der selbst täglich aus dem Ebsdorfer Grund in sein Geschäft fährt, wütend: „Flickwerk aller Orten ist das! Die Wurzel allen Übels ist die weggenommene Spur, dieses Problem haben die Politiker selbst geschaffen – und jetzt weigern sie sich, den Fehler anzuerkennen.

Als Unternehmer, der nicht zu den Pharmakonzernen gehöre, habe man im Marburger Rathaus „keine Lobby“, man solle nur „eifrig seine Gewerbesteuern zahlen“ und sonst „still zusehen“, wie entgegen aller gegenteiligen Bekundungen „die Nordstadt, und über diese Verkehrsregelung letztlich auch die Innenstadt, systematisch kaputtgemacht wird“.

Das sieht Lydia Homberger, Inhaberin des gleichnamigen Herrenausstatters, ähnlich: „Die Lage hat sich deutlich verschlechtert. Aufgrund der Verkehrsführung, schon beginnend mit der Neuregelung auf dem Bahnhofsvorplatz, meiden immer mehr Kunden die Nordstadt. Sie werden ja angesichts von Staus bis auf die Stadtautobahn auch regelrecht zum Vorbeifahren gezwungen, vom Einkauf hier abgehalten.“

Staus stadteinwärts morgens, Staus stadtauswärts ab dem Nachmittag – mit der Bürde des Verkehrschaos‘ auch noch den Kampf gegen Internetversandhändler zu bestehen, ist nach Auffassung vieler Geschäftsinhaber schwer möglich. Dass in dieser Situation in der Nordstadt ab 1. Januar 2017 auch noch die Parkgebühren auf einen Euro pro 30 Minuten erhöht werden, hält er für „absurd, weil das Großstadtniveau hat“. Und sollte es überdies tatsächlich zur perspektivisch geplanten Verengung der Elisabethstraße kommen, „kollabiert hier alles“, sagt Wagner.

"Verkehrsversuch ist krachend gescheitert"

Sowohl er als auch Homberger wollen eine Rückkehr zur Altregelung, der Wiedereinführung der Robert-Koch-Straße als Einbahnstraße samt Doppel-Geradeausspur in Richtung Elisabethstraße und Wehrdaer Weg. „Sonst werden wir zu den vergessenen Kindern der Stadt“, sagt Homberger. Unverständnis herrscht bei ihr über die positive Bewertung des Verkehrsversuchs seitens der Stadtverwaltung und Kommunalpolitikern. „Wollen oder sollen die Probleme nicht gesehen werden? Wie kann man ignorieren, dass das Vorhaben offensichtlich gescheitert ist? Es wäre so leicht, das alles rückgängig zu machen, die neue Spur nach links nutzt doch sowieso fast niemand“, sagt Homberger.

Die FDP fordert den Magistrat zur sofortigen Beendigung des Verkehrsversuchs auf. „Der ideologisch motivierte Verkehrsversuch ist krachend gescheitert“, sagt der FDP-Christoph Ditschler.

Der OB solle allen Marburgern statt „Realitätsverweigerung und politischem Starrsinn“ ein „Weihnachtsgeschenk“ machen, indem er das eingestehe und rückgängig mache. Die angedachte durchgehende B3-Fahrspur ist laut der Liberalen eine „merkwürdige Idee“, zumal es bereits jetzt Staus auf die Stadtautobahn gebe – eine Negativentwicklung, die „künstlich herbeigeführt wurde“ und von der die ganze Stadt samt Behringwerke-Verkehr betroffen sei.

Der Großteil der OP-Leser will die Abschaffung der momentanen Verkehrsführung: 72 Prozent sprachen sich gegen die Fortsetzung des Verkehrsversuchs aus, 28 Prozent wollen, dass die Stadt die Linksabbiegespur in die Robert-Koch-Straße beibehält. Insgesamt stimmten 580 Teilnehmer ab.

von Björn Wisker

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