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Noch vier Wochen bis zum Gipfel

Kletterhalle Noch vier Wochen bis zum Gipfel

Die Marburger Sektion des Deutschen Alpenvereins ist mit 2300 Mitgliedern einer der größten Vereine der Region. Das eigene Bergsportzentrum zu errichten, war trotzdem ein Mammutprojekt.

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Marburg . Die Besichtigung der Marburger Kletterhalle beginnt mit einem ersten Balanceakt: Glastüre aufschieben und mit der Kamera in der Hand und einem großen Schritt – rein in die Halle. Das Volksbank-Logo auf dem Boden ist noch feucht, die letzten Arbeiten im DAV Bergsportzentrum haben begonnen.
Der leere Raum hat etwas Sakrales. Andächtig wandert mein Blick über die bunt gespickten Wände zur Hallendecke. Fast 15 Meter ist sie hoch – über unzählige bunte Griffe und Tritte, Kanten und Überhänge werden die Kletterer ab dem 15. Dezember zu ihr hochklettern.
Wenn Armin Schwiderski (Foto unten links) auf die Wände schaut, sieht er viel mehr als grau, grün und rot beschichtete Platten, bunte Griffe und hängende Haken. Er sieht das Holzgerüst, das die Kletterwände trägt (Foto unten rechts: DAV). Er sieht den Turm, der in die ehemalige Universitätsreithalle hineingebaut wurde. Er sieht, wie das denkmalgeschützte Gebäude vor den Bauarbeiten vor etwas mehr als einem Jahr aussah.

Mehr als 3000 Arbeitsstunden

„Als erstes mussten wir die alte Halle entrümpeln und entkernen“, erzählt Schwiderski. Die Architekten vom Gießener Architekturbüro Zieske sagten den Freiwilligen, welche Wände weg mussten und sie packten an. So haben 150 Vereinsmitglieder insgesamt mehr als 3000 Stunden lang freiwillig gearbeitet. „Ein paar von uns haben hier jeden Tag nach der Arbeit angepackt und jede Drecksarbeit gemacht. Wir hatten fast überall die Finger mit drin – nur Böden, Heizung und Elektrik haben wir ganz den Profis überlassen“, sagt Schwiderski.

Der Blcik vom Boulderblock durch in den Giebel der ehemaligen Marburger Reithalle.

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Er selber gehört zu denjenigen, die sich besonders für die Marburger Kletterhalle eingesetzt haben. Der selbstständige Erlebnispädagoge stellte sich zu Beginn des Projekts als erster Vorsitzender der Alpenvereinssektion zur Verfügung. Als die Bauarbeiten dann an Fahrt aufnahmen, stellte sich schnell heraus, dass die professionellen Betriebe, die am Bau beteiligt waren, einen festen Ansprechpartner brauchten. Diese Rolle übernahm der erste Vorsitzende zunächst freiwillig. „Ich musste schon privat und beruflich zurückstecken, um 160 Stunden im Monat für das Projekt da zu sein“, sagt Schwiderski. Im Winter wurde aus seinem Engagement zunächst ein Minijob und als der Verein im Juni einen Betriebsleiter für das neue Bergsportzentrum suchte, wurde es eine Festanstellung. Allerdings keine mit geregelten Arbeitszeiten.
Die Arbeit von Freiwilligen, Architekten und Handwerksbetrieben kann sich sehen lassen. Die Kletterhalle ist fertig, die Griffe sind geschraubt – innen, außen an der Fassade der Halle und im Boulderbereich.
Bouldern kommt vom englischen Wort Boulder, das Felsen heißt. Gebouldert wird nur bis etwa vier Meter Höhe – dafür aber ungesichert und großteils im Überhang mit dem Rücken zum Boden. Was erstmal langweiliger klingt als in die Höhe zu klettern, hat sich als eigenständiger, anspruchsvoller Teil des Sportkletterns etabliert und bekommt in der Halle auch seinen eigenen Bereich: Über Empfang, Café und Büro, im Dachgeschoss der alten Reithalle wird bald unter den Fachwerkbalken gebouldert.

Die Kletterhalle in Zahlen

Kletterhalle in Zahlen: 840 Quadratmeter Kletterfläche, weitere 340 zum Bouldern – die 240 Quadratmeter Kletterwand an der Fassade eingeschlossen – kann die neue Halle es mit der nächsten Kletterhalle der Region aufnehmen. Das Cube Kletterzentrum in Wetzlar hat insgesamt 1200 Quadratmeter Kletterfläche zu bieten.
Echte Konkurrenz machen sich die Hallen aber eher nicht. Beide gehören Sektionen des Alpenvereins an und der Sport ist beliebt und wächst. Kein Wunder: Klettern kann jeder – zumindest kann es jeder lernen. Es gibt kinderleichte Routen für Anfänger, aber auch Routen, die so weit Schwiderski weiß, kein Marburger schafft (Schwierigkeitsgrad 10 von 12). Wer noch nicht klettern und vor allem sichern kann, sollte sich allerdings erst für einen Kurs anmelden bevor er spontan in die Halle kommt.
Der Alpenverein wird gleich von Beginn an Kurse anbieten. Es soll einen Schnupperkurs geben, in dem Anfänger ausprobieren können, ob ihnen das Klettern Spaß macht. Danach kommt der „Einsteiger-Kurs“. Darin lernen die Teilnehmer, mit „Toprope“ zu klettern und zu sichern. Das heißt, dass das Seil am oberen Ende der Route befestigt ist. Dadurch ist der Kletterer vom ersten Schritt an gesichert und kann die Sorge ums Seil dem Sicherer überlassen. Im Gegensatz dazu nimmt der Kletterer das Seil beim Vorstiegsklettern vom Boden aus mit. Er muss es in regelmäßigen Abständen in Doppelkarabiner einhaken (siehe Bild). Gesichert ist er erst dann, wenn er das Seil im ersten Haken befestigt hat. Auch das Sichern ist beim Vorstiegsklettern etwas komplizierter und muss sicher beherrscht werden, bevor es selbstständig an die Wand geht. Entsprechend heißt der dritte Kurs „Vorstiegskurs“.

Klettern im Unterricht

Ein weiterer Grund, warum Kletterhallen so beliebt sind, ist, dass sie relativ ausgedehnte Öffnungszeiten haben und Städtern die Möglichkeit geben, nach der Arbeit „in den Bergen“ an ihre Grenzen zu gehen. Das wird in Marburg besonders komfortabel gehen, weil die Volksbank Kletterhalle im Gegensatz zu vielen anderen Hallen in der Innenstadt steht und nicht auf der „Grünen Wiese“.
Auch Schulen und die Blindenstudienanstalt (Blista) werden die Halle in ihre Kursangebote einbauen.
Rainer Naumann betritt die Halle, legt den Kopf in den Nacken und schaut einen Moment lang auf das künstliche Bergpanorama. „Seit zwei Jahren fahre ich zweimal wöchentlich zum Klettern nach Wetzlar. Ich weiß noch nicht, was passiert, wenn ich nächsten Monat auf einmal eine Kletterhalle gegenüber der Schule habe“, sagt er. Der Erlebnis- und Abenteuerpädagoge ist auch ausgebildeter Klettertrainer und Lehrer gegenüber an der Käthe-Kollwitz-Schule. Er ist gekommen, um jetzt schon einen Schülerkurs anzumelden. Möglichst gleich in der ersten Woche nach der Eröffnung, sagt Naumann.

Hintergrund:

Das Projekt wird mit Gesamtkosten von rund 1,6 Millionen Euro abschließen.

  • 55% öffentliche Zuschüsse (Land Hessen, Universitätsstadt Marburg, Landkreis Marburg-Biedenkopf),
  • 30% DAV-Hauptverband (Beihilfen und Darlehen),
  • 15% Eigenmittel, Darlehen und sonstige Finanzierungsbestandteile.
  • Neben dem Hauptsponsor, der Volksbank Mittelhessen, ist Intersport Begro ein Großsponsor des Projekts. Die Stadt Marburg hat finanziell und mit dem Erbpachtmodell für das Gebäude geholfen.

Aktuelle Informationen über die Marburger Kletterhalle gibt es hier.

von Thomas Strothjohann

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