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Noch teilt Rudi keine Keile aus

Frischling hat neues Zuhause Noch teilt Rudi keine Keile aus

Vor drei Wochen hat die Familie Muth in Wehrda ein außergewöhnliches „Haustier“ aufgenommen: einen Frischling. Jungkeiler Rudi bringt seither den Tagesablauf ordentlich durcheinander.

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Eine tierische Freundschaft: Noch sagt Schäferhund Diego, wo es lang geht. Wenn aus Frischling Rudi erst einmal ein Keiler geworden ist, dann wird gewiss zurückgeschubst.

Quelle: Tobias Hirsch

Wehrda. Vor gut drei Wochen wurde Heinrich Muth in Michelbach von seiner Nachbarin angesprochen. Der Jagdaufseher kam gerade aus seinem Revier und war auf dem Nachhauseweg.
Auf dem Weg irre ein sehr junger Frischling umher, berichtete sie. „Ich dachte zunächst an einen Wildunfall.

Doch von einer Bache war weit und breit nichts zu sehen“, berichtet Heinrich Muth. Doch dann sah er das Wildschweinjunge, zog seine 
Jacke aus, warf sie über den Winzling und brachte ihn zur Familie seines Sohnes Marc in den Lärchenweg nach Wehrda.

Frischling hätte nächste Nacht nicht überlebt

Familie Muth aus Marburg-Wehrda päppelt einen Frischling auf.

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Der erfahrene Jäger weiß, der wenige Tage alte Frischling hätte die nächste Nacht nicht überlebt. In den ersten Lebenswochen kann der Wildschweinnachwuchs seine Körpertemperatur nicht alleine regulieren und ist auf die Wärme von Mutter und Geschwistern angewiesen, die sich, wann es nur irgend 
geht, sehr eng aneinanderkuscheln.

Für eine Unterbringung im Stall, selbst unter Einsatz einer Wärmelampe, war es noch zu kalt. Der kleine Mann hätte das nicht überlebt. Also wurde die Küche zum vorübergehenden Quartier des Frischlings. Zwar verbrachte Rudi dort die meiste Zeit in einem geräumigen Kleintierkäfig, doch dabei blieb es nicht. Denn in der Familie lebt ein weiterer Vierbeiner: der fünf Monate alte weiße Schäferhund Diego.

Und der ist seither begeistert von dem neuen Spielgefährten. Diego 
treibt‘s recht wild mit dem kleinen Kerl. Er schubst in umher, packt ihn sanft mit den Zähnen, oder zeigt ihm mit den Vorderpfoten wo‘s lang geht.

Diego ist für Rudi
eine Art Mama-Ersatz

Jagdaufseher Heinrich Muth fand den Frischling alleine umherirren.

Quelle:

Und wenn die beiden keine 
Lust zum Spielen haben, dann kuscheln sie miteinander. Für Rudi ist Diego ganz offensichtlich eine Art Mama-Ersatz. Wenn die Familie den beiden beim Tollen zuschaut, fühlt sich Marcs Lebensgefährtin Birgit Korthals für all den Einsatz belohnt, der erforderlich war, um Rudi über die Runden zu bringen. Mit einem Milchpulver, 
einem sogenannten Kälberstarter, fütterte Birgit Korthals den Frischling.

Sie zog die mit Wasser angerührte, sehr nahrhafte Flüssigkeit in kleinen Spritzen auf. „In den ersten Tagen wurde Rudi 
alle zwei Stunden mit je 10 Milli­litern gefüttert, auch nachts“, betont sie. Das war nötig, denn eine Bache säugt ihre kleinen anfangs stündlich. Den zeitlichen Abstand zwischen den Fütterzeiten verlängerte sie kontinuierlich. Inzwischen frisst der Frischling aus seinem eigenen Napf, den ihm Diego zuweilen vor die Nase stellt.

Suche nach behütetem Zuhause für Nachwuchskeiler

Rudi wächst zusehends. Er fühlt sich an wie ein einziges Muskelpaket. Da deutet sich jetzt schon an, dass aus ihm ein stattlicher Keiler wird. Auch die 
Ansätze der Stoßzähne sind schon deutlich zu erkennen.
Wenn Rudi aus dem Gröbsten heraus ist, möchte ihn die Familie abgeben. Für Keiler ein 
neues Zuhause zu finden, sei bedeutend einfacher, als eine 
Bache unterzubringen, weiß Heinrich Muth.

„Gerade Tierparks suchen oft Keiler, um das Blut in ihrer Zucht aufzufrischen“, erklärt er. „Auf jeden Fall kommt der kleine Kerl nur in ein gut behütetes Zuhause. Wir geben ihn nur an Leute ab, die bereits Erfahrungen mit der Aufzucht von Wildschweinen haben“, betont Marc Muth. Auf keinen Fall soll Rudi an jemanden abgegeben werden, der ihn später schlachten will.

Wenn‘s über Anzeigen nicht klappt, ihn privat zu vermitteln, wird Marc Muth mit Parks Kontakt aufnehmen. Der Familie wird die Trennung gewiss nicht leichtfallen. Am meisten trauern wird womöglich Diego. 
Doch bis es soweit ist, werden Marc Muth, seine Lebensgefährtin und nicht zuletzt deren Kinder, die Zwillinge Jonas und Julian, weiterhin viel Spaß mit Rudi haben, ihn an der Leine spazieren führen oder dem Nachwuchskeiler und dem jungen Schäferhund beim Spielen zuschauen.

von Hartmut Berge

Hintergrund

In den ersten Wochen und Monaten des Frischlingsdaseins kommt es durchaus vor, dass ein Familienmitglied verloren geht. Frischlinge, die sich verlaufen haben, finden durchaus wieder zurück. Der geneigte Tierfreund sollte deshalb nicht jeden Frischling auflesen, der ihm am Wegesrand begegnet.

Denn, wenn das die Bache mitbekommt, wird sie versuchen, ihn zu verteidigen. Wer dennoch ein zurückgelassenes Tier eingesammelt hat, der sollte 
sich mit dem zuständigen Forstamt, dem Jagdpächter oder Jagdaufseher in Verbindung setzen. Das Mitnehmen eines Tieres ist Jagdwilderei.

Meist sind aufgefundene Frischlinge sehr geschwächt. Ein warmer Platz, eine 
Wärmelampe oder eine 
Decke mit Wärmflasche 
wecken sehr schnell die 
Lebensgeister.

Ideal als Futter ist zunächst Ferkel- oder Kälberaufzuchtmilch. Später 
kann man durchaus für Schweine geeignete und für den Menschen vorgesehene Babynahrung füttern.

Eine Auswilderung ist bei 
einem an den Menschen gewöhnten Wildschwein nicht mehr möglich. Ein Umzug in ein Wildgehege geschieht allerdings erst, wenn die Tiere alt genug sind, um sich in der neuen Rotte behaupten zu können.

 

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