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Niedrige Preise, hoher Wettbewerbsdruck

Milchbauern-Kritik Niedrige Preise, hoher Wettbewerbsdruck

Der Frust sitzt tief bei vielen Milcherzeugern. Das bekam Udo Folgart, Milchpräsident des Deutschen Bauernverbandes, bei seinem Besuch in Damshausen zu spüren.

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Milchpräsident Udo Folgart (rechts) und der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal, diskutierten mit Milchbauern aus der Region.

Quelle: Björn-Uwe Klein

Damshausen. Sven Hehn ist enttäuscht vom Bauernverband: „Wir entfernen uns von der Gesellschaft“, sagte der Landwirt aus Ober-Ramstadt in Südhessen. Landwirte seien gezwungen, in immer größeren Mengen zu produzieren. Das mache größere Höfe erforderlich. Aber: „Die Gesellschaft will die großen Höfe nicht.“

Dass die Menge immer entscheidender werde, sei Teil eines großen Problems: „Alles steigt im Preis, nur unsere eigenen Produkte nicht.“ Dieser Zustand, so seine Auffassung, müsse vom Bauernverband angeprangert werden - und zwar noch viel deutlicher als bislang.

Sven Hehn war einer von rund 30 Milchbauern aus der Region, die sich auf Einladung des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf im Dorfgemeinschaftshaus Damshausen eingefunden hatten, um mit dem Vize- und Milchpräsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Udo Folgart, ins Gespräch zu kommen. Der 58-jährige Landtagsabgeordnete aus Brandenburg war bereits zum zweiten Mal zu Gast in dem Dautphetaler Ortsteil. Bereits vor vier Jahren diskutierte er mit heimischen Milchviehwirten. Damals seien es noch ein paar mehr gewesen, stellte der SPD-Mann fest.

Für Folgart, der sich klar gegen eine staatliche Mengenregulierung aussprach, sind positive Entwicklungen nur durch genaues Beobachten der Gesamtstruktur der Wertschöpfungskette zu erreichen. Im Zuge solcher Beobachtungen sei dann auch über die produzierte Menge zu sprechen. Die einzelnen Akteure müssten an einem Strang ziehen, Molkereien aufhören, sich gegenseitig zu unterbieten und die Politik müsse mit ins Boot.

Koch fordert: „deutschen Markt in Ordnung bringen“

In den acht Jahren, die er sein Amt nun bekleide, habe er - auch bei den Molkereien - einen Wandel in der Diskussionskultur erlebt, der ihn optimistisch stimme.

Ein großer Teil der knapp 30 Anwesenden teilte diesen Optimismus nicht. Dass vonseiten großer Molkereien eine für die Milcherzeuger positive Entwicklung ausgehe, bezweifelte Erwin Koch, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf. AufWiderspruch stieß zudem Fol-garts Aussage, die vergangenen zwei Jahre seien hinsichtlich der Preisentwicklung insgesamt gut verlaufen - abgesehen von den Einbrüchen, die zuletzt im Geschäft mit Russland und Ostasien zu verzeichnen waren. Karl-Heinz Fluck aus dem Landkreis Limburg-Weilburg bemerkte dazu: „Wir kommen nicht von einem hohen Niveau, auch wenn 38 Cent pro Liter besser sind als 30 Cent.“ Wenn man bedenke, dass der Erzeuger-Literpreis 1988 noch 80 Pfennig betragen habe, so sei die leichte Steigerung der vergangenen zwei Jahre kaum aussagekräftig.

Folgart betonte, dass die Preisentwicklung in Deutschland und Europa von globalen Faktoren abhängig sei. Allerdings böten die Märkte in Asien und Afrika den deutschen Milcherzeugern enorme Chancen für die Zukunft - eine Ansicht, die auch Karsten Schmal, neuer Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands, teilte. Wie sehr Milchprodukte „made in Germany“ beispielsweise in Vietnam gefragt seien, habe er bei einer Reise in das südostasiatische Land kürzlich selbst erfahren, sagte Folgart, während Schmal von seinen persönlichen Eindrücken aus China berichtete.

Erwin Koch vermisste eine klare Positionierung Folgarts zu den Problemen auf dem deutschen Milchmarkt. Bevor man über das Asien-Geschäfte rede, gelte es, „den deutschen Markt in Ordnung zu bringen“. Denn dort seien die dringendsten Probleme auszumachen: etwa der Preisdruck durch Lebensmitteldiscounter. Koch ist sich sicher: Höhere Preise für Milchprodukte würden in Deutschland sogar akzeptiert - aber leider nicht deutlich genug eingefordert. Folgart sagte, dass die Lage auf dem deutschen Lebensmittelmarkt „nicht loslösbar“ von globalen Faktoren sei. Es sei unrealistisch, „die europäische Abschottungsfrage zu stellen“. Aus einem freien Markt werde man sich nicht loslösen können. „Durchhalteparolen, seit 40 Jahren“, kommentierte ein anderer Veranstaltungsteilnehmer die Ausführungen Folgarts.

Der DBV-Milchpräsident ließ ein unzufriedenes Publikum zurück, dem er versicherte: „Ein solcher Abend ist auch für mich ein Abend der Erkenntnis. Ich nehme die Themen mit, wir werden die Unzufriedenheit auswerten.“

von Björn-Uwe Klein

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