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"Nie Beweise, nur Vermutungen"

Missbrauchs-Prozess, zweiter Tag "Nie Beweise, nur Vermutungen"

Am zweiten Verhandlungstag gegen einen ­wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Mann berichtete der mutmaßlich dritte Geschädigte von einem versuchten Übergriff des elf Jahre
älteren Beschuldigten.

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Vor dem Landgericht muss sich ein Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Auch den früheren Spielkameraden seines eigenen Kindes soll der angeklagte 29-Jährige sexuell bedrängt haben. Mehrere Zeugen widersprechen indes ihrer polizeilichen Aussage.

Noch knapp im Kindesalter war der damals 13-jährige Geschädigte, als sich ihm der Beschuldigte im Jahr 2010 mit sexuellen Absichten genähert haben soll. Wie mehrere andere Jugendliche ging der Nachbarjunge in der Wohnung des Angeklagten und dessen damaliger Freundin in Biedenkopf regelmäßig ein und aus.

Er freundete sich mit dem erwachsenen Paar an, spielte regelmäßig mit dessen kleinem Sohn und übernachtete auf der Couch. Das Verhältnis zu dem Angeklagten sei „ganz gut“ gewesen, bei Problemen holte er sich mehrfach Rat bei dem Älteren. Dass mehrere Jugendliche aus dem Heim bei dem Paar übernachteten, bekam er mit, hörte auch von Gerüchten über sexuelle Kontakte zwischen dem Mann und den Jungen, so der Zeuge. Einmal habe sich der Beschuldigte nach einer Party auch ihm aufgedrängt. Während er selbst auf dem Sofa schlief, „wollte er sich zu mir legen“, gab der Zeuge zurückhaltend an.

Der betrunkene Angeklagte, nur mit Boxershorts bekleidet, soll versucht haben, sich auf ihn zu legen – der Junge stieß ihn weg, bat ihn aufzuhören. „Er weigerte sich, klammerte sich fest“, sagte der junge Mann. Mehrfach habe er sich gewehrt, der Erwachsene habe ihn schließlich gepackt, gegen eine Wand gedrückt und ins Gesicht geschlagen.

Widersprüche zur früheren Aussage bei der Polizei

„Er wurde immer aggressiver“, ließ schließlich von ihm ab, so der Geschädigte.

Seine Angaben vor Gericht ließen sich zum Teil nicht mit seiner früheren polizeilichen Aussage vereinbaren. Vor den Polizisten hatte er erzählt, den Angeklagten sowie einen der anderen vermeintlich Geschädigten bei sexuellen Handlungen gesehen zu haben. Dies stritt er vor der Strafkammer ab.

Von wachsender Gewalt und tätlichen Übergriffen innerhalb der Beziehung berichtete die Ex-Frau des Angeklagten. Nachdem das Paar Ende 2007 in eine gemeinsame Wohnung gezogen war, habe sich das Verhalten des Partners verändert, es soll vermehrt zu Vorfällen gekommen sein. Der Ex habe sowohl sie als auch einen der Jungen geschlagen, die Jugendlichen sexuell bedrängt. „Er schlief immer seltener im Ehebett“, übernachtete gemeinsam mit den Jüngeren auf der Couch, so die Zeugin. Von den angeklagten Taten etwas mitbekommen habe sie nur wenige Male, etwa als sie ihren Freund dabei erwischte, wie er einem der schlafenden Geschädigten die Unterhose herunterziehen wollte. „Ich hatte nie Beweise, nur Vermutungen“, sagte die junge Frau. Zahlreiche weitere Vorfälle hätten ihr die Jugendlichen anvertraut und von wachsenden Übergriffen berichtet, von gemeinsamen Bädern „bis hin zu Vergewaltigung“, teilte die Zeugin mit. Auf ihre Fragen nach seinen sexuellen Neigungen bestritt der Freund vehement, Interesse an männlichen Jugendlichen zu haben.

Angeklagter: Frühere Partnerin will sich rächen

Mehrfach schüttelte der Angeklagte während der Zeugenaussage aufgebracht den Kopf. Schon am ersten Verhandlungstag stritt er sämtliche Vorwürfe ab, verdächtige die Ex-Frau, nach zahlreichen gerichtlichen Auseinandersetzungen über Umgangs- und Sorgerecht der beiden gemeinsamen Kinder, eine Art Racheaktion gegen ihn zu führen.

Weitere Zeugen bestätigten, dass die Ex-Frau des Beschuldigten ihnen gegenüber von einer ungewöhnlichen Nähe zu den Jungen berichtet hatte.

Der Sohn einer Bekannten gab an, dass auch er „sehr oft“ bei dem Angeklagten übernachtet hatte. Zu Annäherungsversuchen sei es nicht gekommen, so der Zeuge. Zwei der mutmaßlichen Opfer hätten ihm gegenüber einen Übergriff bestätigt, sich zu dem Thema nicht weiter äußern wollen. Überraschend sei jedoch, dass sich einer der heute jungen Männer noch im vergangenen Jahr regelmäßig bei dem Angeklagten in dessen neuer Wohnung aufhielt und dort vorübergehend wohnte, vermutete der Zeuge.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 18. November, fortgesetzt.

von Ina Tannert

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