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Nicht kriminell, nicht selbstverständlich

Sterbehilfe Nicht kriminell, nicht selbstverständlich

Fachleute aus Politik, Rechtswissenschaft, Medizin, Sterbebegleitung und Religion diskutierten am Mittwoch über Sterbehilfe. Mehr als 150 Zuhörer interessierten sich für dieses schwere Thema.

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Die Podiumsteilnehmer (von links) Dr. Hans Albrecht Oehler, Julia Kunz, Sören Bartol, Professor Georg Freund, Helmut Wöllenstein und Dr. Christian Walther diskutierten über das Thema Sterbehilfe.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Es wurde voll am Mittwoch im Marburger TTZ, mehr als 150 Zuhörer nahmen an der Podiumsdiskussion der SPD teil, zu der Bundestagsabgeordneter Sören Bartol geladen hatte. Nicht ohne Grund: Innerhalb dieser Wahlperiode will der Bundestag zu einer Neuregelung der Sterbehilfe kommen.

„Die Frage ist, was wir regeln müssen oder auch nicht“, so Bartol. Das Thema sei eines der am meisten diskutierten und umstrittenen Punkte, der Entwicklungsprozess befinde sich noch „ganz am Anfang“.

Dies wurde auch während der Podiumsdiskussion deutlich. Neben Bartol nahmen Dr. Hans Albrecht Oehler vom St.-Elisabeth-Hospiz, Hospizdienstmitarbeiterin Julia Kunz, Professor für Strafrecht Georg Freund, Propst Helmut Wöllenstein und Neurobiologe Dr. Christian Walther an der Debatte teil.

Hauptproblem: Unklare Gesetzeslage

Ein Hauptproblem der Thematik stellen nach wie vor unklare Begriffe aus der Gesetzesgrundlage dar. Die Annahme, dass aktive (Sterbe-)Beihilfe zum Suizid in Deutschland generell strafbar sei, ist nach wie vor in der Öffentlichkeit weit verbreitet - aber falsch, betonte Professor Freund.

Er fasste die Rechtslage zusammen: Während eine Tötung auf Verlangen gesetzlich strafbar ist und die Selbsttötung keine Straftat darstellt, sind die feinen Nuancen der Gesetzesgrundlage hier ausschlaggebend und für Laien nur schwer zu entschlüsseln. Erlaubt und damit nicht strafbar ist die (aktive) Beihilfe zur Selbsttötung - jedoch nur unter der Voraussetzung, dass die Selbsttötung freiverantwortlich vom Betroffenen geschieht, also keine wesentlichen Willensmängel vorliegen.

Eine aktive Beihilfe zu einer solchen „freiverantwortlichen Selbsttötung“ ist demnach ebenso erlaubt wie das Abschalten eines lebenserhaltenden medizinischen Gerätes oder die Gabe von schmerzlindernden Medikamenten mit unvermeidbar lebensverkürzenden Nebenwirkungen gemäß dem Willen des Betroffenen, erklärte der Strafrechtler.

Dies treffe auch auf Mediziner zu: Verbote, wie sie in manchen Berufsordnungen vorkommen, verstoßen gegen höherrangiges Recht und seien damit unwirksam. „Der Patient entscheidet, was ihm gegenüber Recht ist“, so Freund.

Sterbebegleitung statt Sterbehilfe

Ärzte sollten in der Lage sein, Patienten mit eindeutigem Sterbewunsch helfen zu können, erklärte Neurobiologe Dr. Christian Walther. Eine humanitäre Suizidhilfe sollte denjenigen zur Verfügung stehen, die eine solche auch wollen und aufgrund schwerster Erkrankungen nur noch eine kurze Zeitspanne zu leben haben. Das Strafrecht gebe hierbei schon einen großen Freiraum, mache aber auch eine Neuformulierung notwendig.

„Zu assistiertem Suizid schweigt der Gesetzgeber aus gutem Grund“, betonte dagegen Palliativmediziner Dr. Hans Albrecht Oehler. Kein Arzt sollte diese Aufgabe regelmäßig ausführen müssen, hier sei die nicht überschreitbare Grenze der Medizin erreicht. Auch eine Tötung auf Bitte sollte darüber hinaus nicht erlaubt sein und müsse per Gesetz vermieden werden, betonte Oehler.

Hospizdienstmitarbeiterin Julia Kunz sprach sich für eine „Sterbebegleitung statt Sterbehilfe“ aus. Hinter einem Sterbewunsch verberge sich häufig ein Lebenswunsch. Im Sinne der Sorgfaltspflicht und Vermeidung von Selbsttötungen oder dem Wunsch danach befürwortete sie einen Ausbau der Hospiz- und Palliativdienste.

Publikum ist geteilter Meinung

Auch Propst Helmut Wöllenstein sprach sich kritisch gegen eine mögliche Liberalisierung aus. Es sei verständlich, dass schwer leidende Menschen die „mögliche Reißleine in der Nähe“ haben wollten, allerdings gebe es kein wertloses Leben und sollte keinen Weg geben, einem Menschen seine Würde zu nehmen, betonte der Theologe.

Auch das Publikum zeigte sich geteilter Meinung. Mancher sprach sich für eine gesetzliche Verschärfung des Themas aus. Der Großteil stimmte eher für eine breitere Handlungsebene der Medizin, ärztliche Assistenz bei Selbsttötung sowie für verantwortungsvolle, humane Tötungsmittel aus - ohne das Ganze aber zu kommerzialisieren.

„Suizidhilfe sollte nicht kriminalisiert, aber auch keine Selbstverständlichkeit werden“, fasste ein Teilnehmer zusammen.

von Ina Tannert

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