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Nicht die Milch ist sauer, sondern die Viehhalter sind es

Milchpreisverfall Nicht die Milch ist sauer, sondern die Viehhalter sind es

Beim Milchgipfel in Berlin hat Bundesagrarminister Christian Schmidt den Milchbauern 100 Millionen Euro Soforthilfen versprochen. „Das hilft uns nicht“, sagen heimische Milchviehhalter und fürchten weiter um ihre Existenz.

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Zum Abschluss des Gesprächs genehmigten sich Heinz-Wilhelm Trümner (von links), Tierarzt Heiko Sodemann, Wilfried Herbst, Jörg Dersch und Wolfgang Rauch ein Glas frisch gezapfte Milch im Melkstand.

Quelle: Manfred Schubert

Niederwald. Von diesen 100 Millionen Euro werden bei unseren Betriebsgrößen im Landkreis Marburg-Biedenkopf 500 bis 1000 Euro in einen Betrieb gehen. Das decke gerade die Kosten, die ein Milchviehhalter derzeit alle zwei bis drei Tage drauf­lege, rechnet Heinz-Wilhelm Trümner, Vorstandsmitglied im hiesigen Kreisbauernverband, vor. Bei 100 Kühen mache man zurzeit 8000 bis 10.000 Euro Verlust im Monat.

21 bis 22 Cent Grundpreis pro Liter Milch zahlen die Molkereien den Landwirten derzeit. 35 Cent müssten es sein, um einen Betrieb mittelfristig am Laufen zu halten, ab 40 Cent käme man auf einen Gewinn. Diese Situation und den Milchgipfel in Berlin am Montag hatten einige Landwirte zum Anlass genommen, ihren eigenen kleinen Milchgipfel zu veranstalten. Das Ziel: Die Menschen im Landkreis darauf aufmerksam zu machen, dass dies auch ein lokales Problem ist und wie bedrohlich die Situation für die Milchbauern vor Ort ist.

Kein Bezug mehr zur Landwirtschaft

Nur noch 151 Betriebe mit 8262 Tieren im Landkreis Marburg-Biedenkopf listete der Hessische Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen in der Tierzucht in seiner Jahresübersicht 2014 zur Milchgüteprüfung auf. Viele Menschen hätten heute keinerlei Bezug mehr zur Landwirtschaft. „Selbst Kindergartenkinder vom Dorf sind erstaunt, wenn sie bei einer Betriebsbesichtigung erfahren, dass die Milch ursprünglich nicht aus der Packung kommt“, sagten die Landwirte.

An deren Existenzen hängen weitere, beispielsweise von Landmaschinenhändlern. Oder Tierärzten. So nahm auch Tierarzt Heiko Sodemann aus Wetter an dem Treffen auf dem Hof von Jörg Dersch in Niederwald teil, zu dem Heinz-Wilhelm Trümner aus Schiffelbach sowie die Milchviehhalter Wolfgang Rauch aus Burgholz und Wilfried Herbst aus Wohra gekommen waren.

Milchmengen müssen begrenzt werden

Im Gespräch verdeutlichten sie vor allem, dass sie keine Beihilfen wollen, sondern dass sie einen angemessenen Preis für ihr hochwertiges Produkt erhalten, von dem sie und ihre Familien leben können. Ein Mindestpreis müsse her, waren sich am Ende alle einig. Und die in Europa erzeugte Milchmenge müsse wieder begrenzt werden. Seit im vergangenen Jahr die Milchquote, auch mit Unterstützung des Bauernverbandes, abgeschafft wurde – der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter war für eine Beibehaltung in flexibler Form – ist mit dem wachsenden Überangebot der Preis stetig gefallen.

„Wir machen dem Verbraucher keinen Vorwurf, wir wissen, dass er bereit wäre, mehr zu zahlen, wenn er wüsste, dass das Geld beim Erzeuger ankommt“, meinte Trümner. Einen Rat an die Menschen, wie sie mit ihrem Einkaufsverhalten direkt die heimischen Milchbauern unterstützen könnten, konnten sie nicht geben. Auch bei einer teuren Markenmilch käme vom Verkaufspreis nicht mehr beim Erzeuger an als bei der Billigmilch. Anders sei es bei Biomilch. „Ich befinde mich derzeit in der Umstellung und hoffe, ab 2018 Bio-Milch liefern zu können“, erklärte Herbst.

„Ich kann das keine paar Monate mehr aushalten“

Aber bis dahin gilt es durchhalten. „Die Bankleute meinen, man könne das noch ein bis zwei Jahre aushalten, aber ich kann das keine paar Monate mehr aushalten“, betonte er. Man müsste es hinkriegen, dass sich die Erzeuger einig sind, hofft Trümner. Die Milchmenge müsste freiwillig für ein halbes Jahr zurückgefahren werden und in dieser Zeit müsse die Politik aktiv werden und zum Beispiel den von ihm favorisierten Mindestpreis durchsetzen.

„Wir haben heute so gut ausgebildete Landwirte wie nie zuvor, und wenn diese jetzt unverschuldet ihre Betriebe in den Sand setzen, dann muss man überlegen, ob an unserer Gesellschaft etwas faul ist. Ich möchte nicht der ‚Versager’ sein, der etwas über Jahrhunderte aufgebautes an die Wand fährt“, schilderte einer der Landwirte seine Lage.

Dersch erklärte, er könne nachts kaum noch ruhig schlafen, weil ihm ständig die Zahlen durch den Kopf gingen. Ganz zu schweigen von abzuzahlenden Krediten. Allein die Lieferlizenz unter der damals noch geltenden Milchquote habe vor fünf Jahren 400.000 Euro gekostet, nun sei das weggeworfenes Geld.

  • Am Sonntag, 3. Juli, findet der zweite Tag der Landwirtschaft in Amöneburg statt. Diesen wollen die Milchbauern nutzen, um auch dort über ihre Probleme und Forderungen zu informieren.

von Manfred Schubert

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