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„Nicht alles auf Gastronomen schieben“

Nachtleben „Nicht alles auf Gastronomen schieben“

In der Stadt wird über eine Veränderung der Sperrzeit diskutiert. Danach müssten die Kneipen bereits um 3 Uhr dicht machen. Für einige Gastronomen und Studenten wäre dies eine Katastrophe.

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Über Lärm und Schmutz gibt es immer wieder Beschwerden. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Es gibt Probleme in der Oberstadt, aber es ist nicht so, dass wir ignorant sind“, sagt Turan Toyran. Er ist Betreiber des Desbarado, ein Lokal in der Reitgasse, das bei den Anwohnern in der Kritik steht. Dort würde zu laute Musik gespielt und die ganze Nacht durchgefeiert.

„Was das Ordnungsamt an Auflagen gemacht hat, habe ich erfüllt“, so Toyran: Angefangen von Schallschutzfenstern, über Regler in der Musikanlage, um die Bässe zu dämpfen, bis hin zu einem Security-Dienst, der für Ordnung sorgt. Auch einen Raucherraum habe er eingerichtet, damit seine Gäste nicht vor der Tür stehen und keine Anwohner stören.

Zudem müssten Gäste, wenn sie das Lokal verlassen und erneut einkehren wollen, auch erneut Eintritt zahlen. Damit solle verhindert werden, dass sie sich im Freien aufhalten, um sich an anderer Stelle mit Alkohol einzudecken.

Seit vier Monaten gebe es keine Beschwerden mehr über sein Lokal, versichert Toyran. Er und sein Anwalt Dr. Hans-Berndt Ziegler seien regelmäßig in Kontakt mit dem Ordnungsamt.

Hans-Joachim Noell, der 38 Jahre in der Gastronomieszene tätig war und unter anderem die Club Lounge und die Brasserie betrieben hat, versteht die derzeitige Aufregung über die Situation in der Oberstadt nicht. „Die Oberstadt muss lebendig bleiben“, sagt er. Früher sei das Ordnungsamt regelmäßig Streife gelaufen. „Heute sieht man keinen mehr“, sagt er. Wildes Urinieren zum Beispiel sei nicht Sache der Gastwirte, so Noell.

Susanne Kreuscher, 24-jährige Studentin, geht gern ins Desbarado. „Ansonsten ist in Marburg ja wenig los. Es gibt kaum Discos, wo man richtig feiern kann“, beklagt sie. Wenn dann noch um 3 Uhr alle Betriebe schließen müssten, wäre gar nichts mehr los.

Auch Timm Gieker (28) will das Desbarado nicht missen. Wenn es das Lokal nicht gäbe, müsste man woanders hinfahren, zum Beispiel nach Gießen. Er gibt zu, dass in der Oberstadt Wodka- und Sektflaschen herumliegen und dass es auch zu Pöbeleien komme. Die Verursacher seien aber nicht die Leute, die zuvor in der Kneipe gesessen hätten. Nach Giekers Auffassung werde es in der Oberstadt immer Krawall geben. Aber der ginge von Leuten aus, die im Freien feiern und trinken würden.

In der Stadt Korbach wurde eine Verlängerung der Sperrzeit umgesetzt (die OP berichtete). Und die Stadt machte damit gute Erfahrung. Laut Dr Hans-Berndt Ziegler sei diese Stadt tot. Dies könne in Marburg nicht gewollt sein. Marburg müsse konkurrenzfähig zu anderen Studentenstädten bleiben.

Regina Linda, Leiterin des Ordnungsamtes, verzeichnete zuletzt 100 Beschwerden und zwischen 30 und 40 Ordnungswidrigkeiten. Dazu zählten unter anderem offene Fenster und eine Überschreitung der Zeit für Außenbestuhlung.

In der Reitgasse sei es zuletzt ruhiger geworden, „weil die Auflagen stärker sind“, sagt sie.

Insgesamt sei das Problem in der Oberstadt nicht beseitigt. Beschwerden kämen von der Marktgasse ebenso wie von der Neustadt oder dem Steinweg.

Ordnungsamt und Polizei würden sehr wohl in der Oberstadt Streife laufen, erklärt Regina Linda. Doch das Problem sei nur dann in den Griff zu bekommen, wenn an jeder Ecke die ganze Nacht hindurch ein Uniformierter stehen würde. Soviel Personal stehe aber nicht zur Verfügung.

Wenn die Gäste die Kneipe verlassen hätten, seien sie meist nicht mehr zuzuordnen, gibt Regina Linda zu.

Würde aber die Sperrzeit verlängert gäbe es weniger Lärm und weniger Verschmutzung ist sich die Leiterin des Ordnungsamtes sicher. In anderen Kommunen habe die Verlängerung geholfen, so zum Beispiel in Fulda. Sie hält es für sinnvoll eine Verlängerung der Sperrzeit auf Probe einzuführen.

von Heike Horst

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