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Neun Jahrzehnte gebündelte Energie

Erich Möller Neun Jahrzehnte gebündelte Energie

Beeindruckend. Dieses eine Wort genügt, um eine Begegnung mit Erich Möller zu beschreiben. Mit seinem täglichen Sportprogramm bewegt sich der 93-Jährige in einem Leistungsbereich von dem andere Senioren nur träumen können.

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„Das ist mein Reich“, sagt Erich Möller über seinen kleinen Keller an dessen Wände Fotos, Plakate und Auszeichnungen hängen.

Quelle: Dennis Siepman

Marburg. „Das ist doch überhaupt kein Problem“, sagt Erich Möller und hastet aus seinem Wohnzimmer. Gefühlte 30 Sekunden später ist er zurück. Der 93-Jährige hat sich seiner Hauskleidung entledigt und trägt nun Hallenschuhe, blaue Sporthose und das passende Trikot. Die Frage, ob er denn eventuell auch ein sportliches Outfit für das obligatorische Foto habe, ist damit eindeutig beantwortet. Auf dem Weg in den Garten geht es noch einmal kurz in den Keller.

An den weißen Wänden hängen Erinnerungen einer wirklich langen und außergewöhnlichen Sportlerkarriere: Fotos, die Erich Möller mit seinen Söhnen auf Skiern im italienischen Bormio zeigen. Daneben eine Aufnahme aus dem Jahr 1947. Das Gruppenbild zeigt die erste Fußball-Mannschaft seines VfL Marburg. „Auf dem Platz war ich damals wohl nicht so beliebt“, sagt der ehemalige Postangestellte mit einem verschmitzten Lächeln. Als rechter Verteidiger ging Möller kompromisslos im Zweikampf zu Werke.

Die "National-Hyäne" und der Täufer

Die Lust an der Bewegung, am Wettkampf ist ihm jedoch bis heute geblieben. Jeden Montag kramt er das blaue Trikot, auf dessen Rückseite die Nummer 90 prangt, aus dem Kleiderschrank. Ab 20 Uhr trifft sich dann die Altersturnergruppe des VfL. „Los geht es immer mit ein wenig Gymnastik, danach spielen wir Fußball und Prellball“, sagt der 93-Jährige. Das Nesthäkchen der Turngruppe ist immerhin 66 Jahre, der Durchschnitt liegt bei etwa 70 Jahren. Von Altersmüdigkeit ist bei den etwa 30 Aktiven jedoch keine Spur. Ehrgeizig sind die Teilnehmer - allen voran Erich Möller.

Aber auch der Spaß kommt nicht zu kurz: Das Absingen der „National-Hyäne“ ist nur eine von vielen absurd-komischen Ritualen. Möller selbst tritt auch mal als Täufer in Erscheinung, der die Neu-Mitglieder offiziell nach einjähriger Probezeit in den Kreis aufnimmt.

Sport habe schon immer eine entscheidende Rolle in seinem Leben eingenommen, sagt Möller, der sich bei den Südviertel-Anwohnern vor allem als passionierter Fahrradfahrer ins Gedächtnis eingebrannt hat. Unzählige Touren hat er unternommen. Unter diesen zumeist schönen Erinnerungen ist aber auch die, an die schlimmste Verletzung seines Lebens: Es ist ein verregneter Sonntag im Jahr 1989, als sich Möller mit seinem damals zehnjährigen Adoptivsohn auf dem Weg zum Gottesdienst befindet. In der Unterführung am Rudolphsplatz passiert dann das Unglück. Genau in dem Moment, in dem Möller die Rampe herunterfährt, bricht der Rahmen seines Fahrrads. Der Sturz auf das nasse Kopfsteinpflaster ist nicht zu vermeiden.

Wie der Vater, so die Söhne

Ohnmächtig und blutüberströmt liegt Möller auf dem kalten Boden, bis die Hilfe eintrifft, die sein Sohn herbeigerufen hat. Ganze sechs Wochen verbringt Möller anschließend im Krankenhaus, um sich von den schweren Kopfverletzungen zu erholen. Sechs Operationen sind notwendig. Bezeichnend ist jedoch die Reaktion des Familienvaters nachdem die Rekonvaleszenz abgeschlossen ist: Möller zögert nicht und steigt sofort wieder aufs Rad. Die Familie halte alles zusammen, sagt Möller, der im vergangen Jahr die Eiserne Hochzeit (65 Jahre) mit seiner Frau Irmgard feierte.

Alle vier Söhne sind dem sportlichen Vorbild ihres Vaters gefolgt und denken dabei vor allem an die ausgedehnten gemeinsamen Skiurlaube. „Die Berge waren immer meins“, sagt Möller, der noch bis zu seinem 75. Lebensjahr regelmäßig verschneite Pisten bezwang.

Kriegseinsatz in der Ukraine

Ernst wird Möller und sein Gesicht etwas nachdenklicher, wenn es um die derzeitigen Ereignisse in der Ukraine geht. Wird in Fernsehen oder Radio über die Krise berichtet, beginnt für den Marburger eine ungewollte Zeitreise. Dann ist er plötzlich wieder vor Ort: „Mit 17 wurde ich eingezogen. Ich war praktisch auf allen Kriegsschauplätzen im Einsatz - auch in der Ukraine“.

Manchmal schreckt Möller nachts hoch, weil seine Träume ihn zurück auf die Schlachtfelder von damals führen. Während all der Kriegsjahre habe ihn der Tod Tag und Nacht begleitet. „So etwas kann man nicht vergessen“, sagt Möller. In Frankfurt an der Oder habe er das Kommando über eine Einheit gehabt, die komplett aus Schülern bestand: „Niemand von ihnen kam nach Hause zurück“, sagt Möller, der selbst in Gefangenschaft der Amerikaner geriet.

Zwei Mal sprang er von einem Gefangenentransport, um schließlich den Weg zurück nach Marburg zu finden. Das war 1946 - ein Jahr später stand er für seinen VfL auf dem Fußballplatz - glücklich überlebt zu haben. Die Schrecken des Kriegs lassen sich auf keinem Sportfeld der Welt abschütteln. Erich Möller gelang es jedoch, ein neues Leben zu beginnen.

von Dennis Siepmann

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