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Neuer OB nimmt im Morgengrauen Ziele in den Blick

Im Laufinterview Neuer OB nimmt im Morgengrauen Ziele in den Blick

Vor Beginn seiner offiziellen Tätigkeiten im Rathaus führte Dr. Thomas Spies am Dienstag beim Laufen ein Interview mit der OP.

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Am Dienstagmorgen begann Marburgs neuer Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) seinen ersten Tag als Marburger Oberbürgermeister mit einem Interview beim Laufen mit OP-Redakteurin Anna Ntemiris.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Nach der Amtsübergabe am Montagabend lagen nur wenige Stunden Schlaf hinter ihm. Thomas Spies war am Dienstag um 7.25 Uhr fit und gut gelaunt. Für neue Ideen und Abenteuer sei er immer zu haben, sagte er.

OP: Es hat aufgehört zu regnen. Sie wollten aber auch bei strömenden Regen laufen.
Dr. Thomas Spies: Ja, ich laufe auch bei Regen. Außerdem finde ich die Idee gut, dabei ein Interview zu führen. Früher bin ich um diese Zeit eine Stunde unterwegs gewesen, um nach Wiesbaden zu fahren. Jetzt kann ich die Zeit zum Laufen nutzen.

OP: Wären Sie auch ohne Interviewtermin heute gelaufen?
Spies: Ja, nur noch früher. Ich habe schon die OP gelesen, normalerweise räume ich morgens erst einmal E-Mails auf, bevor ich aus dem Haus gehe. Das habe ich noch nicht gemacht, so viele neue Mails kann es heute noch nicht geben.

OP: Was haben Sie heute vor?
Spies: Erst mal, sozusagen, den Stift auf den Tisch legen. Ich werde mit meiner Sekretärin Renate Heinisch und meiner persönlichen Referentin Elke Siebler die Abläufe besprechen und schauen, wo in den nächsten fünf Tagen noch Termine untergebracht werden können. Mehrere Vereine und manche Fachdienstleister wollen mich bald oder nochmal sprechen.

OP: Was ist ihr erster öffentlicher Termin?
Spies: Die RMV-Aufsichtsratssitzung.

OP: Die ist nicht öffentlich.
Spies: Entschuldigung. Ich gehe am Mittwoch zur Informationsveranstaltung über die Bebauung auf dem Vitos-Gelände. Das ist ein Termin von Bürgermeister Franz Kahle, aber ich werde die Veranstaltung auch besuchen.

(c) Ruth Korte

Quelle:

OP: Wie war es eigentlich, erstmals die Amtskette zu tragen?
Spies: Cool.

OP: Ein emotionaler Moment?
Spies: Ja, genau so wie schon der Amtseid vergangene Woche. Noch emotionaler wurde es, als mich am Montagabend jemand vom Fachdienst Brandschutz nach meiner Handynummer fragte, um mich bei Hochwasser zu informieren. Da war es auf einmal ganz real, Oberbürgermeister zu sein.

OP: Ärgert es Sie, wenn wir jetzt wegen des Hochwassers vom Weg abkommen? Sie planen ja gern.
Spies: Nein. Hindernisse sind Herausforderungen. Es gibt welche, die kommen natürlicherweise. Die sind okay. Und es gibt welche, die haben gute Gründe. Die finde ich noch besser. Manchmal gibt es welche, die kann ich gar nicht verstehen. Die ärgern mich schon.

OP: Sie haben am Montag bei der Amtsübergabe gesagt, Oberbürgermeister ist man immer. Woraus wollen Sie Kraft für diesen anstrengenden Job schöpfen?
Spies: Hier, beim Laufen. Manchmal beim Gewichte­stemmen – im Maschinenpark. Ich habe ein Buch gekauft, damit ich die Übungen auch zu Hause machen kann. Ansonsten komme ich nach Hause und dann sorgt meine Frau erst einmal, dass ich alles draußen lasse. Ihr gelingt das. Das hält aber nicht immer lange vor.

OP: Wir laufen jetzt an den Stadtwerken vorbei. Beim Festakt saßen die Stadtwerke-Führungskräfte vor bedeutenden Managern und Unternehmern. Das hatte Symbolkraft, oder?
Spies: Ich habe die Sitzordnung nicht entschieden. Wenn man über Kommunalpolitik redet, ist der Betrieb der Daseinsfürsorge das Kerngeschäft der öffentlichen Hand und ihrer Unternehmen. Das ist eines der zentralen Dinge. Strom, Gas, Wasser, Busse. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich private Unternehmen, auch wenn sie ein Eigeninteresse haben, nach vorne schieben. Aber für die Funktionalität der Lebensverhältnisse ist das nicht richtig.

OP: Der Stromausfall war ja schon heftig. Gibt es da eigentlich noch eine Entschädigung für Verbraucher?
Spies: Eine spannende Frage, da müssen wir auch schauen, wer das Kabel kaputtgemacht hat. Als das Licht in Marburg ausging, dachte ich, das ist jetzt auch dein Job.

OP: Wie ist Ihre Position zum Schloss-Schrägaufzug?
Spies: Ich finde die Idee von Vaupel ausgezeichnet. Ich hoffe, dass das Land die Frage der Neubauten für das Uni-Institut der Physik regelt. Wenn das Land den Neubau forciert, kann auch der Umzug schneller stattfinden und der Aufzug kann gebaut werden. Aber wenn das Land 20 Prozent aus dem Heureka-Programm kürzt, ist das dafür nicht hilfreich.

OP: Was sagen Sie dazu, dass die Familie Pohl die Millionen-Spende, die für den Bau des Aufzugs gedacht war, zurückgefordert hat, um das Geld jetzt für andere wohltätige Zwecke auszugeben?
Spies: So habe ich das nicht verstanden. Dr. Reinfried Pohl hat der Stadt ein großzügiges Geschenk gemacht. Vier Millionen Euro sind kein Pappenstiel. Er hat das aus Respekt für Egon Vaupel und für das Projekt von Egon Vaupel gemacht.Ich kann gut nachvollziehen, dass die Familie Pohl sagt, sie möchte nicht, dass das Geld auf der Bank liegt, sondern dass dieses Geschenk im Sinne des Verschenkers verwendet wird. Ich finde, dass Vaupel mit Pohls ­eine gute Lösung gefunden hat. Das scheint mir in trockenen Tüchern zu sein.

(c) Tobias Hirsch

Quelle:

OP: Sind wir zu schnell? Haben Sie generell Ausdauer?
Spies: Ja. Manchmal muss man aber auch im richtigen Moment zupacken. In der Politik muss man viel Ausdauer haben – für das Bohren dicker Bretter.

OP: Vaupel hat Ihnen am Montagabend keine Bohrmaschine, sondern ein Lot geschenkt.
Spies: Ein sehr schönes Geschenk. Man muss immer schauen, dass man etwas sozialdemokratisch aufhängt und anschließend alles ins Lot bringt. Ich hatte im Landtag immer ein Stethoskop an der Wand hängen, ich werde jetzt das Lot daneben hängen.

OP: Ein roter Faden in Vaupels Biografie ist der Fußball. Kaum eine Veranstaltung, bei der er nicht über Fußball spricht. Werden Sie jetzt auch Fußballfan?
Spies: Ich bin 53 Jahre alt. Ich finde Fußball interessant, aber ich habe selbst als Kind nie Fußball gespielt und daher nie eine Beziehung dazu gehabt. Wenn ich das jetzt nachahme, wäre das lächerlich. Ich würde bei den Leuten nicht glaubwürdig sein. Wer unbedingt einen Fußballfan als Oberbürgermeister haben wollte, hätte mich nicht wählen dürfen.

OP: Was kommt beim Thema Flüchtlinge noch auf uns zu?
Spies: Ein Promill von Flüchtlingen in Deutschland lebt in Marburg. Das ist sicherlich eine Herausforderung. Es gilt, die Willkommenskultur, die national vorbildlich ist, in eine Bleibekultur umzuwandeln. Die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens, die wir in Marburg haben, hat sich am Sonntag in der Synagoge in ganz besonderer Weise symbolisiert  (Anmerk. der Redaktion: Der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde, Dr. Bilal El-Zayat hat sich an der Fertigschreibung der Thora beteiligt). Wir haben ein hohe Offenheit füreinander. Es gilt, dies zu pflegen und auszubauen sowie dringend darauf zu achten, dass die Bürger, die wenig haben nicht gegen Flüchtlinge ausgespielt werden. Marburg, das soziale Herz Deutschlands, hat immer darauf geachtet, dass sich keiner aus dem Zusammenleben ausgeschlossen fühlt.

OP: Wie lange wollen Sie das Nordviertel-Experiment weitermachen?
Spies: Das werde ich mir ganz in Ruhe anschauen. Ich kann mich daran erinnern, dass zehn Jahre, nachdem die Einbahnstraßenregelung in der Elisabethstraße eingeführt wurde, Leute versucht haben, verkehrt herum reinzufahren. Ich merke an mir selber: Man muss sich das erst bewusst machen, dass man in beiden Richtungen in die Robert-Koch-Straße fahren kann. Und wer wie ich zehn Jahre lang das vom damaligen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch proklamierte „staufreie Hessen“ erlebt hat, relativiert die Dimension hier ein wenig. Ich habe Stunden im Stau auf der A 5 verbracht und abends auf der Friedberger Landstraße in Frankfurt im Verkehr gestanden. Wer den Vergleich dazu in Marburg zieht, wird gelassener. Ich habe im Moment keinen Anlass, die Verkehrsführung zu ändern, sondern in Ruhe zu schauen, wie sich die Situation der Nordstadt entwickelt. Man muss sich bei Veränderungen in gewohnten Abläufen Zeit lassen.

OP: Wir sind fast da. Am Trojedamm. Schöne Kulisse.
Spies: Ja, ein Bild mit genau diesem Motiv hängt auch in Vaupels Amtszimmer. Ich muss mir überlegen, ob ich es stehen lasse oder einen Spies aufhänge.

OP: Eines ihrer Gemälde ihres Vaters?
Spies: Ja. Ich muss nochmal in den Raum schauen und es wirken lassen.

von Anna Ntemiris

 
Nachgefragt

Welche Folgen haben die beiden Stromausfälle? Stadtwerke-Sprecher Pascal Barthel erklärte, dass das städtische Unternehmen für den Ausfall vergangene Woche in Cappel haftbar gemacht werden könne. Privatkunden können Schäden bei den Stadtwerken anmelden und müssen diese nachweisen. Laut Barthel erhalten Geschädigte bis zu 5000 Euro.

Vor zwei Wochen war es bei Spülbohrungen in der Gisselberger Straße zur Beschädigung von Mittelspannungskabel gekommen. Hunderte Haushalte mussten knapp 90 Minuten lang ohne Strom auskommen, auch die Straßenbeleuchtung sowie die Ampelanlagen fielen aus. Noch sei unklar, wer für diesen Schaden haftbar gemacht werde, so Barthel. Aber auch in diesem Fall können Kunden eine Entschädigung verlangen.

 
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Rund 800 geladene Gäste verfolgten in der Georg-Gassmann-Halle die offizielle Verabschiedung von Oberbürgermeister Egon Vaupel und dessen Übergabe der Amtskette an seinen Nachfolger Dr. Thomas Spies (beide SPD).

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