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Neue Thorarolle wird feierlich vollendet

Jüdische Gemeinde Marburg Neue Thorarolle wird feierlich vollendet

Ein Tintenglas und eine Truthahnfeder: Das sind die Utensilien, die eine wichtige Rolle spielen - für das Beschriften einer neuen Thorahrolle für die Synagoge. Diese Zeremonie findet nur ganz selten statt - die jetzigen Bücher sind 170 Jahre alt.

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Monika Bunk (von links), und Amnon Orbach von der Jüdischen Gemeinnde beobachteten bei der Zeremonie 2010, wie Vorbeter Beni Pollak und den Schreiber Josef Chranovski beim Ausfüllen der letzten Worte in der Thora unterstützt.

Quelle: Archivfoto: Nadine Weigel

Marburg. Ein Sofer, ein Schreiber hebräischer Texte, wird am Sonntag im Hessischen Staatsarchiv eine bedeutende Aufgabe verrichten: Nach jüdischem Brauch schreibt der Experte die letzten Sätze aus dem fünften Buch Mose in die neue Thorarolle der Jüdischen Gemeinde Marburg. Der Schreiber muss beim Tuschen auf Pergamentpapier Konzentrationsarbeit leisten.

Jeder einzelne Buchstabe hat eine genau vorgeschriebene Schreibweise in Althebräisch, an die er sich akribisch halten muss. Beim Einfügen der letzten Buchstaben dürfen gemäß der Tradition einige Rabbiner und Mitglieder der Jüdischen Gemeinde seine Hand anfassen.

Prozession in Liebigstraße, Sicherheitsvorkehrungen

Die Jüdische Gemeinde Marburg hat mithilfe von Spenden, die der Förderverein eingeworben hat, in diesem Jahr ihre zweite neue Thorarolle - die die fünf Bücher Mose enthält - erworben. Für den Gottesdienst sind zwei Rollen nötig, erklärt die Gemeinde. Die heiligen Bücher wurden in Israel hergestellt und kosten rund 25000 Euro, erklärt Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg, im OP-Gespräch.

Und dem religiösen Gesetz entsprechend ist die neue Thorarolle bisher unvollendet gewesen. Daher ist nicht nur der Kauf der Kostbarkeit etwas Besonderes, sondern auch die Vollendung. Die Übergabe einer neuen Rolle findet nur ganz selten statt.

„In Anbetracht des Alters der bisher genutzten Thorarollen von zirka 170 Jahren wird es die letzte neue Thora für lange Zeit sein, es steht uns also ein nahezu historisches Ereignis bevor“, erklärt Bunk. Dass der Festakt in einem Gebäude stattfindet, das während des Nationalsozialismus errichtet worden war, macht die Zeremonie erst recht zu einer historischen.

2010 erste Thorarolle vollendet

Als Sofer hat die Marburger Gemeinde Josef Chranovski aus Belgien eingeladen. Er hatte 2010 bereits die erste neue Thorarolle der Marburger Gemeinde vollendet. Nach der Fertigschreibung im Staatsarchiv am Friedrichsplatz werden die Ehrengäste und Gläubigen die Thora in die wenige Meter entfernte Synagoge tragen - begleitet von Musik. Beim Tanz mit der Thora haben die Teilnehmer der Zeremonie Gelegenheit, sie aus nächster Nähe zu betrachten - und auch zu berühren. Für die Prozession, die ab 16 Uhr beginnt, wird der Verkehr für zirka eine halbe Stunde gesperrt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind nach Informationen der OP hoch, sollen aber den Besuchern und Anwohnern möglichst nicht ins Auge fallen. Sprengstoffhunde werden eingesetzt, verschärfte Einlasskontrollen wird es aber wohl nicht geben.

Die Marburger Gemeinde macht am Sonntag eine Ausnahme und erlaubt auch zwei Nichtjuden, sich an der religiösen Praxis zu beteiligen. Der scheidende und der künftige Oberbürgermeister, Egon Vaupel und Dr. Thomas Spies, werden ebenfalls Buchstaben in die Thorarolle schreiben dürfen. Vaupel hatte diese Ehre bereits im Jahr 2010, als damals ebenfalls eine Thorarolle erworben wurde. Neben Vaupel legte damals auch Erhart Dettmering vom Förderverein der Synagoge und des jüdischen Kulturzentrums seine Hand auf.

Das Programm

Heute beginnt Fest mit Gottesdienst und Konzert

Die Fertigstellung der heiligen Schriftstücke verbindet die Gemeinde mit einer Feier des zehnten Geburtstages der neuen Synagoge in der Liebigstraße 21a. Das Programm hierzu beginnt bereits am Freitag um 19 Uhr mit dem Gottesdienst zum Empfang des Schabbat in dem Die Drei Kantoren zu Gast sind und das Gebet musikalisch begleiten. Es handelt sich um die drei Israelis Ido Ben-Gal (Tenor), Amnon Seelig (Bariton) und Assaf Levitin (Bass), die in Berlin leben und eine Mischung jüdischer Liturgie und israelischer Virtuosität bieten. Am Samstag um 10 Uhr schließt sich ein weiterer, musikalischer Gottesdienst zum Schabbat an.

Am Samstag um 19 Uhr lädt die Jüdische Gemeinde zu einem öffentlichen Konzert in die Synagoge ein. Die Drei Kantoren konzertieren zusammen mit der Kantorin Aviv Weinberg mit einem schwungvollen Programm. Karten gibt es laut Veranstaltern nur an der Abendkasse.

von Anna Ntemiris

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