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Neue Option: Heim auf Vitos-Gelände

Bürgerforum Altenhilfe Neue Option: Heim auf Vitos-Gelände

Die Aufsichtsbehörde hat das bisherige Konzept der Stadt Marburg für die Altenhilfe abgelehnt. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) stellte neue Varianten vor.

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Fast 90 Zuhörer kamen zum Bürgerforum Altenhilfe ins Gemeinschaftszentrum am Richtsberg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Seit 21 Jahren besucht eine ältere Marburgerin die Angebote der Marburger Altenhilfe in der Sudetenstraße, kennt die Menschen und Räume dort. Daher hat sie die Bürgerversammlung am Donnerstag besucht, um zu erfahren, was aus dem Seniorenheim werden soll. Nach der rund zweistündigen Debatte vermag sie noch keine Einschätzung zu geben: „Das waren so viele neue Informationen“, sagt sie und fügt leise hinzu: Am liebsten hätte sie es, wenn das Heim dort bleibt wie bisher, nur ein wenig modernisiert wird - das sei nötig.

Dass das Gebäude aus den 70ern sanierungsbedürftig ist, steht außer Frage. Seit Jahren läuft die Debatte, wie die Altenhilfe konzeptionell verändert wird. Nun gibt es eine neue Entwicklung, auf die die Stadt reagieren muss: Die Betreuungs- und Pflegeaufsicht des Regierungspräsidiums hat den Plänen der Stadt, die Ende 2015 vom Parlament beschlossen worden waren, eine Absage erteilt. Intern ist dies nach OP-Informationen bereits seit mehreren Monaten bekannt.

„Ghetto der Sterbehilfe?“

Das ursprüngliche - nicht genehmigt - Konzept der Stadt in Kürze: In den Etagen 1 bis 4 gibt es je 12 Plätze nach einem Hausgemeinschaftsprinzip sowie je sieben stationäre Plätzen. Die Aufsichtsbehörde erklärt, dass Bewohner, die eine stationäre Pflege in Anspruch nehmen, andere Räume benötigen als diejenigen, die ambulant versorgt werden. Sie müssen auch strukturell sowie organisatorisch von anderen Bewohnern getrennt geführt werden. Leben aber WG-Bewohner und stationäre Bewohner auf einem Flur, müssten sie die gleichen Funktionsräume betreten. Auch das Personal für stationäre Pflege und Hausgemeinschaften müsse strenger getrennt werden. Darüber hinaus entstehe der Eindruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn es auf einer Etage unterschiedliche Betreuungsmöglichkeiten gebe, referierte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) die Aussagen der Aufsichtsbehörde. Ebenfalls problematisch sei, den laufenden Heimbetrieb während eines Umbaus fortzuführen. Dieser Aspekt war bereits in den vergangenen Jahren immer wieder in der öffentlichen Diskussion thematisiert worden.

Die Heimaufsicht schlägt vor, auf fünf Etagen je 16 Plätze zu schaffen, die an das WG-Prinzip angelehnt sind. „Dieses Konzept ist deutlich teurer“ und der Wunsch der Stadt, schrittweise stationäre Plätze abzubauen und stattdessen mehr ambulante anzubieten, werde schwieriger umsetzbar, so Spies. Eine WG wäre aus Sicht der Stadt nur mit bis zu zwölf Plätzen machbar.

Spies will zügig neu planen

Eine Alternative, die Spies jetzt als neue Planungsvariante vorstellte: Hausgemeinschaften und Pflegeplätze würden sich auf sechs statt bisher vier Etagen verteilen: Auf vier Etagen werden Wohngemeinschaften mit je zwölf Plätzen errichtet. Räumlich getrennt von den WGs sollen in diesen Etagen je acht Mietwohnungen entstehen. In den Etagen 5 und 6 sind jeweils 20 Plätze nach dem Prinzip der klassischen stationären Pflege vorgesehen. Etage 7 sieht 20 Mietwohnungen vor. Auch hier wäre der Nachteil, so Spies, dass der Umbau der einzelnen Stockwerke während des laufenden Betriebs erfolgen würde und die Menschen belasten würde. Außerdem müsste das städtische Tochterunternehmen während des Umbaus mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen.

Spies ging ausführlich auf ein weiteres Alternativkonzept ein, das einen Neubau auf dem Vitos-Gelände vorsieht. Die Marburger Altenhilfe würde damit einen weiteren Standort errichten. In der Sudetenstraße könnten das Betreute Wohnen, die Außenstelle des Ambulanten Dienstes, die Tagespflege sowie ein Begegnungszentrum ihren Sitz haben. Darüber hinaus würden dort Wohnungen - unter anderem für Studierende und Pflegeschüler des UKGM errichtet werden. Auf dem Vitos-Gelände würden nach dem vorgestellten Entwurf im Neubau stationäre Wohngruppen „angelehnt an das Hausgemeinschaftsprinzip“ entstehen. Wohngruppen für Demenzkranke und geschlossene Wohnformen für „Bewohner mit Weglauftendenz“ mit angeschlossenem Garten sind ebenfalls vorgesehen sowie Wohngruppen mit Palliativversorgung. Entscheide man sich für dieses Konzept, könnte man mit weiteren Trägern wie etwa der Vitos-Klinik kooperieren. Die Bewohner könnten erst dann aus der Sudetenstraße ausziehen, wenn der Neubau fertig ist. Spies erklärte, das Stadtparlament könne nun entscheiden, welche Variante weitergeplant werden soll. Im Oktober sollte es dazu einen ersten Beschluss geben. Aus den Reihen der Zuhörer, darunter viele Stadtverordnete, gab es viele Fragen. Die Sozialexpertin der Marburger Grünen, Dr. Christa Perabo, äußerte deutliche Skepsis und fragte, ob Spies ein „Ghetto der Gerontopsychiatrie und Sterbehilfe“ haben möchte? Zum Hintergrund: Auf dem Vitos-Gelände befindet sich bereits das Hospiz.

CDU-Stadtverordneter Joachim Brunnet lobte die Präsentation des OB und sagte zu Perabo: „Ihr Ziel ist, die so verhasste stationäre Pflege abzubauen.“ Sein Parteifreund, das Richtsberger Ortsbeiratsmitglied Professor Heinz Stoffregen, appellierte an die Stadt, nur den oberen Richtsberg als Standort zu wählen. Auch andere Zuhörer baten, dass nach geeigneten Grundstücken am oberen Richtsberg geschaut werde.

von Anna Ntemiris

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