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Neue Hoffnung für Krebspatienten

Partikeltherapiezentrum Marburg Neue Hoffnung für Krebspatienten

Einst totgesagtes Projekt, später Politikum, nun Anlass zur Freude über Ländergrenzen hinweg: Die hochmoderne Partikeltherapieanlage zur Behandlung von Tumoren ist in Betrieb.

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Am Mittwoch wurde die Marburger Partikeltherapieanlage, in der im jahr mehr als 750 Patienten aus der ganzen Welt behandelt werden sollen, offiziell eröffnet.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg . Es ist bei Eröffnungsfeiern nicht ungewöhnlich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, die Entstehungsgeschichte in Erinnerung zu rufen. Bei der gestrigen Einweihung des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums (MIT) – sieben Jahre nach dem Richtfest – war dies jedoch mehr als Rhetorik und unweigerlich nötig.

Einweihung "MIT" - Partikeltherapieanlage in Marburg. Foto: Nadine Weigel

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Rhön-Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Siebert sprach von einem Projekt, das „offiziell totgesagt war“.  2011 hatte die Rhön-Klinikum AG erklärt, dass sich die Therapie mit der mehr als 100 Millionen Euro teuren Anlage nicht rechne, und stieg aus dem Projekt aus. Ein Schritt, den die Krebs-Forscher aus Heidelberg – dort gibt es eine solche Anlage – nicht verstehen konnten und wollten, erklärte die Kaufmännische Direktorin der Uni-Klinik Heidelberg, Irmtraud Gürkan.

In Heidelberg hatte sich die Partikeltherapieanlage von Anfang an gerechnet, so Gürkan. Das Heidelberger Team wollte nicht, dass deutsche Spitzentechnologie abgebaut wird und entschloss sich, die Anlage in Marburg zu betreiben. Doch der Weg war lang, die Verhandlungen mit allen Beteiligten schwierig. Das Land Hessen drohte der Rhön AG zwischendurch mit einer Klage, weil diese sich im Zuge der Klinik-Privatisierung vertraglich verpflichtet hatte, die Anlage zu eröffnen.

50 Verhandlungsrunden und 35 unterzeichnete Verträge waren nötig

Eine Klage hätte vielleicht dazu geführt, dass das Land Geld zurückerhält, aber keinem Patienten geholfen, sagte Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU). Damit seit zwei Wochen die ersten Patienten im MIT behandelt werden können, waren 50 Verhandlungsrunden und 35 unterzeichnete Verträge nötig, berichtete Professor Guido Adler, Vorstandsvorsitzender der Uni-Klinik Heidelberg. Letztendlich sei ein „Vorzeigeprojekt für länderübergreifende Zusammenarbeit entstanden“.

Dass die Heidelberger darauf bestanden, Mehrheitsgesellschafter einer eigens für die Anlage gegründeten MIT GmbH zu werden, habe dem Rhön-Aufsichtsratsvorsitzenden Eugen Münch zunächst nicht gefallen, sagte Gürkan. Münch war einer  ihrer 150 Zuhörer.

Bis zu 750 Patienten aus der ganzen Welt, darunter auch Kinder und Schwangere, sollen später pro Jahr behandelt werden. Am MIT hält Rhön 24,9 Prozent, das Uni-Klinikum Heidelberg 75,1 Prozent. Zu den Partnern zählen auch die Universität Marburg, da auch die Grundlagenforschung eine wichtige Rolle spielt, wie Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause betonte. Professor Jürgen Debus, Geschäftsführer der MIT GmbH und Ärztlicher Direktor des Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums, wies darauf hin, dass bisher vom „Partikeltherapiezentrum“, kurz PTZ, die Rede war. Man habe sich aber für den Firmennamen MIT entschieden, weil der auch das „MIT“einander der Kliniken und Universitäten in Marburg und Heidelberg, der Firmen Siemens und Rhön-Klinikum AG sowie dem Land Hessen und Baden-Württemberg beschreibe, sagte Debus augenzwinkernd.

von Anna Ntemiris

Hintergrund

Die Partikeltherapie soll Krebspatienten helfen, bei denen herkömmliche Strahlentherapien erfolglos sind. Etwa dann, wenn Tumore tief im Körper liegen oder das umliegende, gesunde Gewebe sehr empfindlich ist – zum Beispiel im Gehirn oder an der Wirbelsäule. Der Vorteil der Therapie ist, dass Tumorzellen punktgenau zerstört werden können, das umliegende Gewebe aber geschont wird. Dafür werden winzige Teilchen – hochenergetische positive Ionen – auf bis zu drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann auf den Tumor gelenkt. Dadurch wird die DNA in den Zellkernen zerstört, die Zellen sterben ab und der Tumor entwickelt sich zurück. Der Patient spürt nichts. Wichtig ist dabei auch, dass der Patient exakt unter der Strahlenquelle positioniert wird. Im MIT liegen die Patienten daher auf robotergesteuerten Behandlungstischen.

Mehr zum Hintergrund und der Funktionsweise des MIT erfahren Sie unter "Mehr zum Thema".

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