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Neue Gebetsräume, aber keine Moschee

Marburg Neue Gebetsräume, aber keine Moschee

Die Ahmadiyya-Gemeinde, eine Reformbewegung innerhalb des Islam, wünscht sich in Marburg langfristig eine eigene Moschee.

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Mohammed Ilyas (rechts) und Mubashir Sabir zeigen die neuen Gebetsräume der Ahmadis in Marburg. In diesem Raum versammeln sich nur Männer zum Beten.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Der Aufenthaltsraum wirkt noch etwas improvisiert eingerichtet. Blaue Plastikstühle sind auf dem roten Teppichboden aufeinandergestapelt. Koranverse, Bilder und eine Dartscheibe schmücken die hohen Wände. Seit einigen Monaten hat die Ahmadiyya-Gemeinde in Marburg neue Versammlungs- und Gebetsräume in einer gemieteten 110-Quadratmeter-Wohnung in der Bunsenstraße/Ecke Uferstraße. Seit einigen Wochen weisen große Schilder mit Koranversen in Deutsch und Arabisch auf die Gemeinde hin. „Seitdem sind schon viele Passanten und Nachbarn auf uns aufmerksam geworden. Wir haben bisher nicht daran gedacht, hatten auch wenig Zeit, um unseren Umzug bekannt zu geben“, sagt Mohammed Ilyas.

Bislang hatte die Ahmadiyya-Gemeinde ihre Versammlungsräume neben dem Lebensmittelladen von Ilyas im Wehrdaer Weg. Der 45-jährige studierte Mathematiker und Vater von vier Kindern stammt aus Pakistan, wie so viele Marburger Ahmadis. „Wir sind alle Moslems, es gibt nur einige Unterschiede im Glauben“, erklärt Ilyas über die islamische Gruppe.

Die Ahmadiyya-Bewegung innerhalb des Islam wurde 1889 im heutigen Indien von Mirza Ghulam Ahmad gegründet. Eine göttliche Offenbarung soll ihm nach eigenem Bekunden eröffnet haben, dass er der Reformer seiner Zeit, der christliche Messias und der islamische Mahdi in einer Person sei.

„Das glauben wir, andere Moslems glauben das nicht. Aber wir haben dennoch die gleiche Religion. Auch im Christentum gibt es ja unterschiedliche Glaubensrichtungen“, sagt Mubashir Sabir. Der 19-jährige Auszubildende aus Stadtallendorf engagiert sich ebenso wie Ilyas ehrenamtlich in der Gemeinde, er gestaltet die Internetseite für die Deutschlandzentrale der Ahmadiyya-Gemeinde. In Marburg gehören fast 100 Männer, Frauen und Kinder zur Gemeinde, ein Teil von ihnen kommt aus den umliegenden Kommunen, erklärt Sabir. Einmal in der Woche findet für die Kinder Koranunterricht statt. Zum Freitagsgebet kommen rund 25 Gläubige, die Predigt wird meist in Urdu, der Sprache der Pakistanis, gehalten und auf Deutsch übersetzt. Die Koranverse und Gebete werden auf Arabisch gesprochen.

Moschee nennen die Ahmadis ihre – für Frauen und Männer getrennten – Gebetsräume bewusst nicht. Eine Moschee sei nur dann eine Moschee, wenn das Gebäude eigens dazu gebaut wurde. Auch sei eine Moschee immer eine Moschee und könne nicht einfach umziehen. Die Moschee des Vereins Orientbrücke im Marbacher Weg könnte nach dieser Definition streng genommen keine Moschee sein, weil das Haus – seit einigen Jahren – nur als solches genutzt wird. „Wir akzeptieren aber, dass es Moschee genannt wird“, sagt Ilyas. Eine neue Moschee oder ein islamisches Kulturzentrum, wie es Orientbrücke seit Jahren fordert, wäre begrüßenswert, so Ilyas, aber dennoch würden die Ahmadis diese nicht als ihre Moschee betrachten. Sie wünschen sich daher eine Mitsprache beim Runden Tisch der Integration und eine eigene Moschee in Marburg. Motiviert werden sie durch den weltweiten Leiter der Gemeinde, den in England lebenden Kalifen. Er hat den Gläubigen in Deutschland ein Ziel gegeben, erklärt Ilyas. Aus den derzeit rund 35 Ahmadiyya-Gemeinden in Deutschland sollen 100 werden. Bislang finanziere sich die Gemeinde nur aus Spenden aus Deutschland.

„Wir wollen eine Moschee, die für alle Menschen offen ist“, sagt er. Sabir und Ilyas betonen, dass ihnen Toleranz, Gleichberechtigung und ein friedliches Miteinander sehr wichtig sind. Ahmadis engagieren sich für humanitäre Projekte und leis ten Sozialarbeit. In Marburg zum Beispiel kehren sie an Neujahr freiwillig die Straßen. „Islam ist nicht Heiliger Krieg und Gewalt gegen andere. Das lehnen wir ab“, sagt Sabir. Und Ilyas fügt hinzu: „Wir wollen Liebe und den Dialog“. Bei Mangosaft und Kokosplätzchen erklärt er, dass er für jede Frage und jedes Thema offen sei. Die Frage nach dem Kopftuch ist daher an der Reihe. Das sei ein Muss für eine gläubige Frau. Aber man könne keiner 15-Jährigen von heute auf morgen dies aufzwingen. Wenn sie islamisch erzogen werde und man sie mit dem Koran aufkläre, dann akzeptiere sie das – oder eben nicht. „Aufzwingen kann man das nicht“.

Wer die Räume der Ahmadiyya-Gemeinde besichtigen möchte, kann dies ohne Voranmeldung meist abends von 18.45 Uhr bis 19.15 Uhr tun. „Wir treffen uns um 18.30 Uhr zum Beten, danach ist immer jemand hier“, sagt Ilyas. Nur wer informiert sei, könne sich eine Meinung bilden, sagt er.

von Anna Ntemiris

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