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Neue Fälle an der Waldorfschule

Masern in Marburg Neue Fälle an der Waldorfschule

In Marburg fürchten Eltern und Behörden nach dem vierten bestätigten Infektionsfall an der Waldorfschule eine Ausbreitung von Masern.

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Roten Hautflecken sind typische äußere zeichen für eine Masernerkrankung.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Mittlerweile sind vier Schüler aus drei Klassen der Waldorfschule Marburg an Masern erkrankt. Alle Schüler der Klassenstufen 9 bis 13 haben den Rest der Woche schulfrei.

Dienstagabend wurden zwei weitere Fälle von Masern an der Waldorfschule bekannt. Es handele sich um einen 18-jährigen Klassenkamerad des ersten Patienten und eine 14-jährige Neuntklässlerin, teilte das Gesundheitsamt mit.

Gesundheitsamt, Schule und die angrenzende Kindertagesstätte versuchen weiterhin eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Alle Schüler der Klassenstufen 9 bis 13 wurden für den Rest der Woche vom Unterricht befreit. Darüber hinaus dürfen bis zum 21. Mai nur ausreichend geimpfte Menschen die Einrichtungen besuchen.

Problem: Hohe Ansteckungsgefahr

Kinderarzt Dr. Stefan Nolte erklärt, warum in dieser Zeit auch andere Gemeinschaftseinrichtungen gemieden werden sollten: „Das Problem ist die hohe Ansteckungsgefahr, bevor die Krankheit sichtbar wird.“

Eine geplante Studienreise der zwölften Klasse nach Florenz findet jedoch statt. Vier Schüler dürfen allerdings nicht mitfahren, weil sie nicht ausreichend geimpft sind.

Der Elternbeirat der Waldorfschule betont, Impfschutz sei Privatsache. Die Masern seien nicht mit Epidemien wie Ebola zu vergleichen. Die Entscheidung von Eltern gegen ausreichenden Impfschutz erklärt Dr. Sigrid
Ley-Köllstadt vom Deutschen Grünen Kreuz damit, dass die Krankheit verharmlost und Risiken des Impfens falsch eingeschätzt werden.

Das Gesundheitsamt überprüft derzeit den Impfschutz aller Lehrer und Schüler der Waldorfschule. „Wir gehen zwar davon aus, dass das ausgesprochene Betretungsverbot und die Empfehlungen, der Schule und Gemeinschaftseinrichtungen vorerst fernzubleiben, greift. Aber um die weitere Ausbreitung zu verhindern, sind weitere Untersuchungen und Wachsamkeit nötig“, sagt Stephan Schienbein, Sprecher des Landkreises auf OP-Anfrage.

Vorgaben gelten für Kita und Schule

Ausreichend geschützt ist nur, wer in der Vergangenheit zweimal gegen die Masern geimpft wurde oder die Masern schon hatte. Dies kann mit dem Impfpass oder einem serologischen Nachweis einer Masern-Immunität durch einen Blutbefund nachgewiesen werden.

Auch die an die betroffene Schule angrenzende Kindertagesstätte rückt vermehrt in den Fokus der Gesundheitsexperten. „Noch haben wir dort keine Erkenntnisse über Masernfälle, nehmen die Kita aber verstärkt in den Blick“, so Schienbein.

„Für die Kinder und Mitarbeiter des Kindergartens gelten genau dieselben Vorgaben wie die der Schule“, versichert Martin Jennemann, Mitglied der Schulleitung der Waldorfschule. Wer nicht ausreichend geimpft ist, darf bis einschließlich 21. Mai weder Schule noch Kindergarten betreten. Diese Frist orientiert sich an der Inkubationszeit, also der Zeit zwischen dem Anstecken und dem Ausbrechen der Krankheit. Bis dahin werden auch weiterhin die Namen aller fehlenden Kinder an das Gesundheitsamt weitergegeben, das dann Kontakt zu den Familien aufnimmt, um sich über den Gesundheitszustand des Kindes zu informieren. Falls das erkrankte Kind mögliche Masernsymptome zeigen sollte, können sie die Familien so mit Ratschlägen unterstützen.

„Wir können nur immer wieder dazu raten, sein Kind gegen Masern zu impfen“, betont Schienbein. Alle nicht geimpften Schüler und Lehrer sollten der Schule und anderen Gemeinschaftseinrichtungen fernbleiben. Weitere Informationen stellt das Gesundheitsamt auf der Homepage des Landkreises bereit.

Elternbeirat: „Impfen ist eine private Sache“

Der Elternbeirat der Waldorfschule rät den Eltern, sich genau an die Vorgaben der Schule
und des Gesundheitsamtes zu halten. In den Impfschutz reden sie den Eltern jedoch nicht rein. „Ob jemand sein Kind impft oder nicht, ist eine rein private Sache“, sagt Berthold Janssen, Mitglied des Elternbeirates, gegenüber der OP. Masern sei nicht Ebola, betont der Biologe. Sie seien nicht so lebensbedrohlich, wie sie in den Medien oft dargestellt werden.

Die Symptome der Krankheit seien nicht zu unterschätzen, aber auch nicht das Gefährlichste an den Masern, entgegnet der Marburger Kinderarzt Dr. Stefan Nolte. „Das Problem ist die hohe Ansteckungsgefahr, bevor die Krankheit erst sichtbar wird“, erklärt Nolte, der auch als Autor medizinischer Ratgeber für Eltern tätig ist.

Warum viele Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen, erklärt Dr. Sigrid Ley-Köllstadt, die Medizinische Leiterin des Deutschen Grünen Kreuzes mit dem Zusammenspiel mehrerer Umstände: Zum einen werde die Krankheit schlichtweg verharmlost, insbesondere von Menschen, die die Krankheit ohne bleibenden Eindruck überstanden haben. „Man darf die Krankheit nicht unterschätzen.“

Krankheit verharmlost, Risiken falsch bewertet

Aber eben das passiere, so Ley-Köllstadt, weil die Krankheit seit vielen Jahren nicht mehr so präsent und vielen jungen Eltern gar nicht bekannt ist. „Das führt dazu, dass die Nebenwirkungen der Impfung als häufiger und schwerer eingeschätzt werden als die Symptome der Erkrankung.“ Die Zahlen hingegen widersprechen diesen Argumenten vieler Impfgegner (siehe Hintergrundkasten). Außerdem hatte 1998 eine britische Studie einen Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Impfung hergestellt – mittlerweile stellte sich heraus, dass die Ergebnisse gefälscht waren.

Die vielfältigen Informationen und damit verbundenen Meinungen für oder gegen eine Masernimpfung verunsicherten  viele Eltern. „Die Ängste spuken in den Köpfen der Eltern herum und sie können die Informationen nicht richtig einordnen“, fasst Ley-Köllstadt die Problematik zusammen und rät zu einer ausreichenden Impfung, auch bei Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden.

In der Debatte um das Impfen bringen Gegner zahlreiche Argumente an, die dessen Sinn in Frage stellen. Antworten auf die „20 häufigsten Einwände“ hat das Robert-Koch-Institut gesammelt.

von Ruth Korte, Philipp Lauer und Björn Wisker

Zahlen im Vergleich  
Die typischen Symptome der Masern sind Ausschlag und Fieber. Diese treten bei 98 Prozent der Erkrankten auf. Nur bei 2 Prozent der Patienten tritt in Folge der Impfung ein Ausschlag auf, 3–5 Prozent kriegen Fieber.
Etwa sieben bis acht Prozent der Patienten erleiden bei einer Masernerkrankung Fieberkrämpfe, weniger als ein Prozent in Folge einer Impfung.
In Einzelfällen können die Masern eine Enzephalitis (Entzündung des Hirns) nach sich ziehen. Die Wahrscheinlichkeit
schwankt nach Altersgruppen zwischen 1/250 und 1/10 000. Die Wahrscheinlichkeit als Folge einer MMR-Impfung an einer Enzephalitis zu erkranken liegt bei weniger als 1/1 000 000, wobei der Zusammenhang noch nicht gesichert wurde.
Säuglinge sind von den Masern besonders gefährdet, weil sie noch nicht geimpft werden können. Erkrankt ein Säugling, steigt die Gefahr einer besonders schweren Entzündung des Gehirns (SSPE) auf 5/10 000.
Quelle: Deutsches Grünes Kreuz e.V.
 

 

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Masern an Waldorfschule
Möglicherweise ist auch die Mittelstufe an der Marburger Waldorfschule von der Masern-Krankheit betroffen. Foto: dpa

An der Waldorfschule gibt es vier weitere begründete Masern-Verdachtsfälle. Diese betreffen auch zwei Schüler der Mittelstufe. Somit kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Klassen, die außerhalb des Haupthauses untergebracht sind, von der Masern-Infektion betroffen sind. Das teilte Kreissprecher Stephan Schienbein am Mittwoch mit.

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