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Neue Chancen für die Uni-Karriere

Renate Renkawitz-Pohl Neue Chancen für die Uni-Karriere

Im Wissenschaftsrat setzte sich die Marburger Biologie-Professorin Renate Renkawitz-Pohl für die bessere Karriereplanung in der Forschung ein.

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Professorin Renate Renkawitz-Pohl (links) setzt sich für die Förderung und Absicherung junger Akademiker ein.Foto: Martin Schäfer

Marburg. Renate Renkawitz-Pohl macht Forschung sichtlich Spaß. Mit Elan stürzt sich die Biologieprofessorin in die Unterlagen und wissenschaftlichen Dokumente auf ihrem Schreibtisch und im PC. Quirlig eilt sie durch die verwinkelten Flure und Labore im Fachbereich Biologie der Universität Marburg auf den Lahnbergen. Sie ist Forscherin, Managerin und Organisatorin. Und ohne die dreifache Fähigkeit hätte die 65-Jährige die letzten sechs Jahre vielleicht nicht gemeistert: Für diesen Zeitraum hatte sie der Bundespräsident in den Wissenschaftsrat berufen. Der Wissenschaftsrat ist das Spitzengremium, das die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in Sachen Wissenschaft und Forschung berät.

„Da kommt man nicht einfach so rein“, sagt die Forscherin. Man muss passende Erfahrungen vorzuweisen haben. Zwei Kriterien kommen bei der Biologieprofessorin zusammen: Spitzenleistung und Bekanntheit in der Forscherzunft sowie ein frühes Engagement in den Gremien der Forschung, etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Meine Motivation war, die Forschungsbedingungen und die Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs durch meine Arbeit im Wissenschaftsrat zu verbessern“, sagt die Biologin.

Im Januar ist Renate Renkawitz-Pohl nach den maximal zulässigen zwei Amtsperioden, von jeweils drei Jahren Dauer, aus dem Wissenschaftsrat ausgeschieden. Mit ihrer Erfahrung dürfte sie nun zu einer der besten Kennerinnen des bundesdeutschen Bildungs- und Hochschulsystems avanciert und ihr Rat auch künftig gefragt sein.

Die Arbeit im Wissenschaftsrat ist ein reines Ehrenamt ohne Dotierung. „Rund 20 Prozent meiner Arbeitszeit ging in den Wissenschaftsrat“, schätzt die Biologin. Der Feierabend verschob sich daher mehr nach hinten.

Während der dritten Runde der Exzellenzinitiative leitete Renkawitz-Pohl mit ausländischen Kollegen die vor Ort-Begutachtung der Zukunftskonzepte der Technischen Universität München, der Humboldt-Universität in Berlin sowie der Universität Mainz. Die ersten beiden Unis erhielten bekanntermaßen den Rang einer „Elite-Uni“.

Chancen für Marburg in Kooperation mit Gießen

„Die Exzellenzinitiative hat viel bewegt“, sagt die Forscherin, auch in Bundesländern wie Hessen, die im Vergleich nicht so gut weg kamen. So hat die hessische Landesregierung mit der Initiative LOEWE ihr eigenes Förderprogramm aufgelegt, das auch in Marburg und Gießen Früchte trägt. „Die zukünftige Forschungsförderung des Bundes wird wahrscheinlich mehr auf Cluster setzen“, prognostiziert Renkawitz-Pohl. Dabei können die Chancen erhöht werden, durch ortsübergreifenden Verbünde.

Die Universitäten Gießen und Marburg beispielsweise seien gemeinsam in etwa so groß wie die LMU-München mit 50000 Studierenden. Kooperationen und Schwerpunktsetzung in den mittelhessischen Standorten könnten also das Forschungsprofil schärfen und die nationale wie internationale Schlagkraft erhöhen. Die jüngste Initiative einer Forschungsallianz zwischen Gießen und Marburg gehe in die richtige Richtung. „Auch jetzt schon gibt es gute Kooperationen zwischen beiden Universitäten“, kommentiert Renkawitz-Pohl. Das gelte es auszubauen.

Eine besondere Form der Kooperation zwischen Gießen und Marburg lebt und lebt sie auch in der Familie: Ihr Ehemann ist Professor für Genetik an der Uni Gießen. „Für uns war das ein Glück, dass wir unsere Arbeitsstellen so nahe beieinander gefunden hatten“, sagt die Biologin, die seit dem Jahr 1991 an der Uni Marburg arbeitet und das Fachgebiet Evolutionsbiologie der Tiere leitet.

Herzensanliegen war der Forscherin, sich im Wissenschaftsrat für bessere Karrierechancen in der Forschung, insbesondere an den Universitäten, einzusetzen. Bislang gleicht es einem Roulettespiel, ob ein Wissenschaftler eine Professur erlangt. Klappt der Sprung nicht, steht der Forscher im Abseits, da es für 40- bis 50-Jährige meist keine guten Alternativen mehr gibt. Hier soll es zukünftig nach dem amerikanischen Vorbild des „Tenure Track“ einen kalkulierbaren und transparenten Entwicklungspfad geben. Ein Forscher bewirbt sich dann nach der Promotion und Postdoczeit um eine Tenure Track-Position. Anschließend begibt er oder sie sich auf einen rund sechsjährigen Entwicklungs- und Bewährungspfad (dem „Track“), auf dem die Leistung nach jeweils drei Jahren begutachtet wird. Stimmt die Leistung, dann erhält der Nachwuchs die permanente Professur („Tenure“).

„Wenn ich hier in der Erstsemestervorlesung vor 250 Studierenden spreche, dann schafft es statistisch nur eine oder einer zur Professur“, erklärt Renkawitz-Pohl. Für alle anderen - wenn man von den Lehramtsstudierenden absieht - müsse es alternative Karrierewege geben, etwa in die Wirtschaft oder den wissenschaftlichen Mittelbau.

Auch darin, hofft die Forscherin, haben die jüngsten „Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten (2014)“ des Wissenschaftsrats unter ihrer Beteiligung einige Weichen gestellt.

von Martin Schäfer

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