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Netzwerkerin für die Rechte von Frauen

Christa Winter Netzwerkerin für die Rechte von Frauen

Fast 25 Jahre lang war Christa Winter Frauenbeauftragte der Stadt Marburg und Leiterin des Referats für Gleichberechtigung. Diesen Freitag wird sie in den Ruhestand verabschiedet.

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Christa Winter war 24 Jahre lang Frauenbeauftragte und Leiterin des Referats für Gleichberechtigung.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Als Christa Winter 1992 die Leitung des Gleichberechtigungsreferats übernahm, hatte Marburg noch keine guten Erfahrungen mit diesem vergleichsweise neuen Amt gemacht: Ihre Vorgängerinnen Christiane Ohlenburg und Helga Fef hatten ihre Tätigkeit jeweils nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Gleichstellungspolitik steckte noch in den Kinderschuhen, wurde in Verwaltung und Politik eher als „Hobby“ oder als „Nebensache“ wahrgenommen.

Christa Winter muss sich am Anfang ihrer Dienstzeit bei der Stadt Marburg entsprechend als Einzelkämpferin vorgekommen sein. Jedenfalls sagt sie heute rückblickend über ihre Dienstzeit: „Die schönste Zeit im Gleichstellungsreferat war ab 2012, als ich in Christine Amend-Wegmann eine direkte Arbeitskollegin ins Referat bekam.“ Die Hessische Gemeindeordnung und das Hessische Gleichstellungsgesetz hatten es möglich gemacht, dass die Stadt Marburg neben der Frauenbeauftragten eine weitere Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte einstellte, Dr. Christine Amend-Wegmann eben.

Erwerbstätigkeit von Frauen besonderes Anliegen

Überhaupt, sagt Winter, „haben uns die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen in die Hände gespielt“. Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, das Hessische Gleichstellungsgesetz oder auch das verbriefte Recht auf einen Kindergartenplatz hätten die Situation von Frauen in Familie und Beruf verbessert.

Apropos Beruf: Eine der ersten Herausforderungen für Christa Winter war die Erstellung eines Frauenförderplans für die Stadtverwaltung. Er wurde 1994 verabschiedet und hat unter anderem zum Ziel, dass mehr Frauen in Führungspositionen der Stadtverwaltung tätig sind. Die Frauenbeauftragte nimmt deshalb an Bewerbungsgesprächen teil, hat ein Veto-Recht bei Personalentscheidungen. Winter hat zudem ein Fortbildungsprogramm für die Stadtverwaltung entwickelt und immer darauf gedrungen, dass auch Männer, nicht nur Frauen, Erziehungsurlaub nehmen.

Inzwischen sind Frauen in Führungspositionen der Stadt besser vertreten, von der Leiterin des Rechtsservice Dr. Nicole Pöttgen über Ordnungsamts-Chefin Regina Linda und die Leiterin der Feuerwehr, Carmen Werner, bis zur Flüchtlingskoordinatorin Gudrun Fleck-Delnavaz oder die Vhs-Leiterin Kirsten Fritz-Schäfer, um nur einige zu nennen. Ein vom Gleichstellungsreferat entwickeltes Fortbildungsprogramm für Frauen, die für Führungspositionen infrage kommen, wird seit 1996 umgesetzt.

Das besondere Interesse von Winter galt aber vor allem auch jenen Frauen in der Stadtverwaltung, die in den unteren Lohngruppen ihren Dienst tun. Reinigungskräfte zum Beispiel - „bei denen wird immer als Erstes gespart“ - das Gleichberechtigungsreferat hat viel zur parteiübergreifenden Überzeugung beigetragen, dass diese Arbeit nicht outgesourct wird, sondern im Gegenteil: 80 Prozent der anfallenden Reinigungsarbeiten in städtischen Gebäuden wird durch eigene Kräfte erledigt, sagt Winter stolz. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Und: Einige von ihnen wurden weiterqualifiziert zu Objektbetreuerinnen.

Umfassender Begriff von Geschlechtergerechtigkeit

In diesen Zusammenhang gehört auch, dass Christa Winter sich für die Einstellung von Busfahrerinnen bei den Stadtwerken erfolgreich eingesetzt oder eine berufsqualifizierende Ausbildung für Sozialhilfeempfängerinnen bei Integral durchgesetzt hat, die danach als „Fachkräfte für Abfallwirtschaft“ arbeiten konnten. „Frauen fördern für die Erwerbstätigkeit, Männer für die Familie“, so lautet das Credo von Christa Winter. In der Verwaltung bietet das Gleichstellungsreferat regelmäßig ein Gender-Training an. Der seit 2009 alle zwei Jahre verliehene Marburger Gleichberechtigungspreis hat mehr Öffentlichkeit für die Notwendigkeit nach geschlechtergerechtem Handeln geschaffen.

Mit einer Vielzahl von Aktionen hat Christa Winter aus dem Amt heraus Fraueninitiativen unterstützt - sei es mit Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag am 8. März, sei es durch Sponsorenläufe oder Auktionen zugunsten von „Zastra“, dem Finanzierungsnetzwerk Marburger Mädchen-, Frauen- und Lesbenprojekte. Eine Vielzahl von Veröffentlichungen und Fortbildungen, vor allem aber die tägliche Beratungsarbeit bestimmten den Arbeitsalltag von Christa Winter. Das von Ex-OB Egon Vaupel initiierte „Marburger Bündnis für Familien“, das die Verbesserung der Lebenssituation von allen Familien in Marburg anstrebt, ist eines ihrer Herzensanliegen.

Besonders engagiert hat sich Winter gegen die Eröffnung des Großbordells in der Siemensstraße. „Wir haben es nicht verhindern können“, bedauert sie, aber zumindest hat sich die Stadt der Situation der Prostituierten angenommen, die Initiative „Frauenrecht ist Menschenrecht“ hat seit 2007 ein qualifiziertes Beratungsangebot aufgebaut - auch vor Ort.

Bei all ihrem Einsatz wird Christa Winter von einem umfassenden Bild von Geschlechtergerechtigkeit getrieben. „Man muss über den Tellerrand hinausgucken“, sagt sie und hat dabei besonders die Situation von Migrantinnen, aber auch von Frauen in der so genannten Dritten Welt im Blick. „Ohne sozialen Fortschritt keine Frauenrechte“, sagt sie und verweist etwa darauf, dass vor allem Frauen von fairem Handel profitieren.

Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand wird sich Christa Winter nicht aus der Frauenarbeit verabschieden. Ehrenamtlich macht sie natürlich weiter, ein Schwerpunkt wird die Frauenflüchtlingsarbeit sein, in der sie sich besonders um geflüchtete Frauen mit Kindern kümmern möchte.

von Till Conrad

 
Hintergrund
Die Landesarbeitsgemeinschaft Hessischer Frauenbüros definiert die Anforderungen an Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte so: „Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte stehen – extern – den Bürgerinnen und Bürgern als Ansprechpartnerinnen zum Thema Gleichberechtigung zur Verfügung. Sie entwickeln Maßnahmen und Konzepte zum Abbau diskriminierender Strukturen. Sie leisten interdisziplinäre Netzwerkarbeit mit dem Ziel einer Verbesserung der Chancengleichheit von Männern und Frauen und sind für die lokalen Frauenprojekte die Schnittstelle in die Verwaltung. Im internen Aufgabengebiet unterstützen die Frauenbeauftragten die Dienststellenleitung bei der Verwirklichung der tatsächlichen Gleichberechtigung der Geschlechter in der Verwaltung.“
 
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Von Redakteur Till Conrad

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