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Nervenkitzel auf dem Räder-Basar

Drei, zwei, eins... verkauft! Nervenkitzel auf dem Räder-Basar

Marburg auf Schnäppchenjagd: Hunderte duellieren sich im Bieterwettkampf um die besten Fahrräder bei der Zweirad-Auktion in der Leopold-Lucas-Straße.

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Die ersten Sieger der Fahrradauktion: Fabian Schneider (9, rechts) mit seinem Bruder Ole (7) und Vater Markus Schneider (44). Für fünf Euro ersteigerten sie das blaue Zweirad.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Rost blättert vom Rahmen. Federn quillen aus dem Sattel. Der Hinterreifen ist platt. Ein Traum von einem Fahrrad. Für Jonas Brenner jedenfalls. „Das klaut wenigstens niemand“, sagt der 24-Jährige. Fünf Euro legt er während der Fahrradauktion für das klapprige Gestell auf den Tisch - und hastet zurück in die Menge. „Ich kaufe noch eines.“ Die Konkurrenz ist groß: mehr als 200 Marburger duellieren sich im Bieterwettkampf um 106 Fahrräder.

 

In sechs Reihen parken sie Lenker an Lenker. Manches Rad ist so ramponiert, dass der Ständer umknickt. Das Unglück nimmt seinen Lauf, die Schwerkraft reißt die Nachbarn wie Dominosteine zu Boden. Silvana Hassler umkurvt die Hinder-nisse, steuert auf ihren Favoriten zu: ein silbernes Damenrad, abgebrochene Klingel - „sonst nichts, was die Luftpumpe nicht hinbekommt“, sagt die 20-Jährige. Eine Stunde Zeit haben alle Interessenten, die Ware zu besichtigen. Dutzende schlängeln sich durch die schmalen Gänge zwischen den ausgestellten Objekten, kritzeln Notizen in Spiralblöcke, manche fachsimpeln über Technik, Ausstattung und Zustand der Zweiräder. Heiko Amberger etwa schrieb vorab eine Checkliste: Stabiler Rahmen, Kette und Dynamo intakt, Gepäckträger - die bescheidenen Anforderungen erfüllen einige mehr oder weniger. Er rüttelt an einem Rad, merkt sich die Nummer, die auf einem weißen Zettel geschrieben und auf den Sattel geklebt ist. Schauen, anfassen, notieren, weiterziehen: das ist der Rhythmus der Besichtigung.

Um die begehrtesten Stücke wird der Kampf früh entfesselt: Kleine Gruppen bilden sich um die vermeintlich besten Fahrräder, schotten sie gegen neugierige Blicke der Konkurrenz ab. Kaum weicht jemand einen Zentimeter, drängen andere ins Sichtfeld. Die Liste manches Bieters zählt fünf, sechs Nummern. „Ich habe alles nach Priorität geordnet“, sagt Linda Neumann. Die Geografiestudentin hat es auf mehrere Fahrräder abgesehen, die ihr später allesamt weggeschnappt werden. Zu viele andere hatten ihre Favoriten ebenfalls auf der Liste und waren bereit, mehr zu zahlen.

Herr der Gebote ist Stefan Masloff. Der Auktionator eröffnet das Ringen um die Räder mit Nummer 1200-701. Ein blaues Kinderfahrrad. Masloff überlegt kurz, ruft das Startgebot auf: fünf Euro. Los geht’s. Plötzlich, eine Männerstimme erwidert den Betrag. Warten. Masloff: „Wer bietet mehr?“. Er startet den Countdown: „Zum ersten“. Inmitten der Menschentraube, die sich um Masloff bildet, wippt Fabian Schneider auf und ab. „Zum zweiten“. Der Neunjährige ist angespannt. „Zum Dritten, verkauft“. Fabian jubelt, fällt seinem Vater Markus Schneider (44) in den Arm. „Das ist der Knaller! Dass niemand dieses super Teil haben wollte, fasse ich nicht. Ich zittere immer noch“, sagt der Schüler. Er ist der erste Sieger des Tages, starrt seinen Vater noch Minuten nach der Versteigerung ungläubig aber glücklich an. „Das Tretlager ist hinüber, die Beleuchtung fehlt - das sind Kleinigkeiten bei der Reparatur“, sagt Schneider. Was auf andere abschreckend wirkt, reizt den gelernten Schlosser. Das Basteln liegt ihm im Blut, speziell das Rumdoktoren an Fahrrädern. Er jobbte einst in einem Fahrradladen.

Die Auktion ist ein El-Dorado für Bastler

Typen wie ihn kennt Sabine Wallus (48), Auktions-Organisatorin aus dem Stadtbüro. „Manche Bastler ziehen hier mit sechs, sieben Rädern ab“, sagt sie. Sie kennt die Herkunft jedes verwaisten Rads. „Viele liegen lange irgendwo herum, lehnen an Gartenzäunen, liegen im Gebüsch, werden vergessen“, sagt sie. Ein halbes Jahr bewahre die Stadt die Zweiräder mindestens auf, dann stehe eine Auktion an. Einmal im Jahr, eine Woche nach Start des Sommersemesters. Zuletzt gab es aufgrund der Nachfrage und der vollen Lagerräume zwei Auktionen. Aufbewahrt werden die Fundstücke in einem Keller an der Leopold-Lucas-Straße sowie nahe des Hauptbahnhofs. 2000 Euro spült die Auktion nach Auskunft der Stadt in die Kasse.

Vorab ermitteln Masloff und Co. den Startpreis. Technischer Zustand und Aussehen sind entscheidend. Null, fünf oder zehn Euro ruft er auf. In fünf-Euro-Schritten werden die Gebote erhöht. Und Masloff drückt aufs Tempo. Noch während Charlotte Albert (20) ihr braun-goldenes Rad - Kaufpreis 65 Euro - durch die Schneise schiebt, die ein Ordnungspolizist aufgrund des Andrangs ständig aufs Neue freihalten muss, verkauft Masloff schon das nächste Stück. Mit lockeren Sprüchen sorgt er für Lacher: „Komm, willst du dir das durch die Lappen gehen lassen?“, fragt er einen Studenten, der zu unterliegen droht. Die finanzielle Schmerzgrenze mancher ist hoch. An diesem Tag liegt der Rekordpreis bei 155 Euro für ein Mountainbike.

Andere hamstern: Die unbeliebten Räder schnappt sich Ramzah Asalini (31) gegen Ende der Auktion für Mini-Eurobeträge. Aufeinander gestapelt und ineinander verkeilt manövriert er vier Fahrräder in Richtung Radestraße. Rost blättert von den Rahmen, Sattel fallen ab, die Reifen haben Löcher. Traumfahrräder eben.

von Björn Wisker

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