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Negt: Suche nach Eliten ist ein Irrweg

Bildungssystem Negt: Suche nach Eliten ist ein Irrweg

In Krisenzeiten müssen die Menschen mit neuen Grundkompetenzen ausgestattet sein. Das hat Professor Oskar Negt vor 300 Zuhörern gefordert.

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Professor Oskar Negt unterstrich seine Thesen mit lebhaften Gebärden.Foto: Heiko Krause

Marburg. Der emeritierte Soziologe sprach auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW).

Die Veranstaltung mit dem Titel „Emanzipation statt Anpassung: Was müssen Menschen in einer Welt der Umbrüche wissen“ bildete den Abschluss der Reihe „Ökonomisierung oder Demokratisierung? Was wird aus unserem Bildungswesen?“

Und wie groß das Interesse am Thema ist, zeigte der voll besetzte Saal, in dem viele Besucher nur noch Stehplätze fanden.

„Wir leben in einer Gesellschaft, die fundamental von Umbrüchen gezeichnet ist“, betonte Negt zu Beginn. Zugleich gebe es eine Bindungslosigkeit der Menschen. Und diese werde von der derzeitigen Wirtschaftsform noch gefördert. Und gerade deshalb sei Bildung mehr denn je gefordert, Orientierung zu geben.

In Zeiten von Krisen seien alte Werte nichts mehr wert, gleichzeitig suche die Gesellschaft nach neuen Werten. Negt sprach von einem „Zeitalter intensiver Suche“.

Tatsache sei es, dass die derzeitige Suche nach Eliten - oder wie es im universitären deutsch heiße Exzellenzen - nicht der richtige Weg sei. Eliten seien noch für alle Krisen verantwortlich gewesen. Und ein Bildungssystem als betriebswirtschaftliche Dienstleistung mit kurzen Abschlüssen und verständnisschwachem Lernen sei auch falsch.

Negts Ansicht nach seien es nicht einmal die Inhalte von Bildungsgängen, die er kritisiere, vielmehr sei es die fehlende Zeit, die ihm Sorgen bereite. Der Professor hob hervor, dass es seiner Ansicht nach eine Reihe von Kompetenzen gebe, die die Menschen vermittelt bekommen sollten, allen voran müsse ein Wirklichkeitssinn entwickelt werden, Dinge zu drehen und zu wenden. Mittels einer Identitätskompetenz sollte die eigene Identität reflektiert werden.

Referent fordertmehr Zeit für Bildung

Ökonomie- und Ökologiekompetenzen müssten vermittelt werden. Letztere könne den pfleglichen Umgang mit Menschen, Dingen und Natur fördern. Eine Gerechtigkeitskompetenz sei ebenfalls vonnöten. Denn es gelte Recht von Unrecht oder Gleiches und Ungleiches zu unterscheiden. Zuletzt müssten Kompetenzen entwickelt werden, die es ermöglichen, Geschichte nicht nur zu erfahren, sondern aufzuarbeiten, um Energie für zukünftige Entwicklungen aufzubauen.

Negt forderte mehr Zeit für Bildung. „Bildung ist Vorratshaltung.“ Vieles, was man lerne, brauche man nicht sofort, aber irgendwann sei es von Nutzen, so der Soziologe. Werde nur noch für die Produktion gelernt, verliere die Gesellschaft ihre kreativen Potenziale, so Negt abschließend. Ganz wichtig sei es, dass die Menschen sich emanzipieren und Zusammenhänge herstellen könnten.

von Heiko Krause

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