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Nebenklägerin hatte Familienprobleme

Landgericht Nebenklägerin hatte Familienprobleme

Der Prozess, in dem ein Marburger Arzt wegen sexuellen Missbrauchs einer jungen Patientin vor dem Marburger Landgericht angeklagt ist, ging gestern in die nächste Runde.

Marburg. Hat ein niedergelassener Marburger Allgemeinarzt am 3. April 2009 unter dem Vorwand gynäkologischer Untersuchungen eine damals 13-jährige Patientin in den Räumen seiner Praxis mit „beischlafähnlichen Handlungen“ sexuell missbraucht? Diese Frage steht seit Januar im Mittelpunkt eines Prozesses vor dem Marburger Landgericht. Der Arzt bestreitet den Anklagevorwurf und macht vor Gericht nach wie vor keine Aussage zur Sache. Da der beschuldigte Arzt nur jeweils drei Stunden pro Prozesstag verhandlungsfähig ist, zieht sich die Verhandlung voraussichtlich noch bis Ende Juni hin. Im Falle einer Verurteilung droht dem Angeklagten neben einer Strafe auch ein Berufsverbot für die Behandlung von Patientinnen unter 16 Jahren.

Bei der gestrigen Verhandlung erläuterte zunächst ein im Jahr 2009 bei der Jugendkonflikthilfe angestellter Diplom-Pädagoge, wieso er damals zunächst ­anonym bei der Polizei angerufen habe, um sie auf den Fall hinzuweisen. Dieses sei nach Rücksprache mit einer Mitarbeiterin der Jugendkonflikthilfe geschehen, die sich im Auftrag des Jugendamtes um die Familien- Probleme des jungen Mädchens kümmern sollte. Damals sei von den Eltern des Mädchens zur Sprache gebracht worden, dass es an ihr ohne Einwilligung der Eltern eine gynäkologische Untersuchung gegeben haben soll. Zudem sei ihr auch ohne elterliche Einwilligung die Pille verschrieben worden. Die Eltern wüssten die Angaben der Tochter nicht richtig einzuschätzen und seien zudem unsicher, weil der Arzt ein langjähriger Freund der Familie sei, hatte es geheißen. Da er nach Rücksprache mit der Leitung der Juko geglaubt habe, dass es sich bei dem geschilderten Vorfall um einen Straftatbestand handeln könne, habe er den Fall am Telefon geschildert, ohne die Namen des Arztes und des mutmaßlichen Missbrauchs-Opfers zu nennen. Dieses habe auch dazu gedient, um abzuklären, wie in einem solchen Fall weiter vorgegangen werden solle.

Im Frühjahr 2009 hatte die junge Frau wegen ihrer familiären Probleme auch drei ambulante Gesprächstermine bei der Kinder- und Jugend­psychiatrie des Uni-Klinikums. Die danach gestellte Diagnose lautete „Störung des Sozialverhaltens und depressive Störung“, berichtete die damals mit der Untersuchung betraute Psychologin als Zeugin vor Gericht. Im Gespräch habe die 13-Jährige unter anderem über Streit mit den Eltern und mehrfaches Schule-Schwänzen berichtet. Zudem habe sie gesagt, dass sie sich mehrfach oberflächlich die Haut „geritzt“ habe und oft niedergeschlagen sei. Zusammengenommen hätten diese Symptome auf eine leichte Form einer psychischen Störung hingewiesen, die aber schwerwiegender als die üblichen Pubertätsprobleme zu bewerten gewesen seien. Über den sexuellen Missbrauch in der Arztpraxis sei während der Gesprächs auf Bitten der Eltern nicht geredet worden. Auf Befragen der Verteidigerin sagte die Psychologin, dass sie bei der jungen Frau keine Auffälligkeit erlebt habe, die auf einen Missbrauch hingedeutet habe.

Noch einmal im Jahr 2009 kam die vor Gericht als Nebenklägerin anwesende junge Frau in Kontakt mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Am 15. August 2009 wurde sie aufgrund einer polizeilichen Einweisung in alkoholisiertem Zustand mit 1,06 Promille für eine Nacht stationär aufgenommen. Sie habe aufgrund von Streitigkeiten im Elternhaus nicht nach Hause kommen wollen, habe sich mit einer Messerklinge leicht verletzt und sei dann auf ein Dach geklettert, berichtete die damals diensthabende Ärztin. Bei der Aufnahme habe die junge Frau ängstlich gewirkt, später habe ihre Stimmung zwischen Weinerlichkeit und Aggressivität geschwankt. Gegen ärztlichen Rat sei sie dann aber am nächsten Tag wieder entlassen worden, berichtete der Oberarzt als Zeuge vor Gericht. Im Fortgang des Prozesse steht noch das Gutachten einer Psychologin als Sachverständiger zu Frage der Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin an.

von Manfred Hitzeroth

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