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Nazi-Belastung höher als bekannt

Vergangenheitsbewältigung Nazi-Belastung höher als bekannt

Die Nazi-Prägung der Stadtverordnetenversammlung zwischen 1945 und 1989 ist stärker als vermutet. Rund ein Drittel aller Nachkriegs-Parlamentarier, die bis 1928 geboren wurden, waren NSDAP-Mitglieder.

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In der Galerie der Oberbürgermeister Marburgs im Rathaus fehlt ein Foto von Walter Voß, der im Dritten Reich jahrelang Bürgermeister und dann kommissarischer OB war. Auch die Vergangenheit von Karl-Theodor Bleek wird im Zuge der neuen Stadtgeschichts-Studie kritischer betrachtet als in den vergangenen Jahrzehnten.

Quelle: Thorsten Richter (Fotomontage)

Marburg. Politische Karrieren setzten die Stadtverordneten vor allem in SPD und CDU fort. Das ist das Ergebnis einer Studie der Philipps-Universität im Auftrag des Magistrats. Die Marburger Sozial- und Christdemokraten weisen bei Nazipartei-Mitgliedschaften demnach „deutlich höhere Prozentsätze als beispielsweise in den Landtagen auf“ - anders als bei der Liberalen ­Partei Deutschlands, der heutigen FDP. Insgesamt waren laut der Untersuchung 30,6 Prozent der 176 erforschten Parlamentarier, die bis zum Jahr 1928 geboren wurden, NSDAP-Mitglieder.

Vergleichsgrößen der Forscher sind abgeschlossene Untersuchungen in Landtagen. Ergebnis: „Sehr auffällig ist, dass vor allem viel mehr Marburger Sozialdemokraten eine NSDAP-Geschichte haben als es etwa in der Schwesterfraktion im Hessischen Landtag der Fall ist - es sind fast dreimal so viele“, sagt Sarah Wilder, Studienautorin. „Insgesamt weist nur Schleswig-Holstein noch höhere Werte auf als Marburg“, sagt Alexander Cramer, Co-Studienautor. Insbesondere seit Mitte der 1950er-Jahre bildeten ehemalige NSDAP‘ler eine „signifikante Gruppe unter den Parlamentariern“ in der Universitätsstadt, sagt Wilder. Das 1981 gewählte­ Gremium war das erste ohne Ex-Naziparteimitglieder. Auch im Magistrat waren diese vertreten - in der Amtszeit 1956 bis 1960 waren es mit fünf ehemalige Nazis die meisten im obersten städtischen Verwaltungsgremium.

Viele Biographien im Dritten Reich seien geprägt von „Schattierungen und Ambivalenzen“. Im Gegensatz zu einigen, die die Studienautoren als „Grenzakteure“ bezeichnen, konnte­ manchen Marburger Kommunalpolitikern eine „stärkere Beteiligung am Nationalsozialismus“ nachgewiesen worden. Prägendste Figur war der in Ebsdorf geborene Friedrich Frohwein. Der Jurist beteiligte sich an der Verfolgung von NS-Gegnern, fällte viele Gefängnis- und Zuchthausurteile. Als Oberstrichter der Luftwaffe verhängte er nach eigenen Angaben mindestens sechs Todesurteile. In den Nachkriegsprozessen, so die Studienautoren, „zeichnete er das Bild einer sauberen Wehrmacht“ und entwickelte sich der Anwalt in Marburg, auch als Magistratsmitglied und persönlich befreundet mit Größen aus NSDAP, SS und SA zu einer „herausragenden Figur des rechten Spektrums“.

Nur Krummbogen-Debattelöst „Verdrängungskonsens“

Über die NS-Vergangenheit wurde in der Lokalpolitik jahrzehntelang geschwiegen, auch Kommunisten thematisierten sie in Zeiten des Kalten Kriegs nicht - lediglich in der Debatte um die Wieder-Umbenennung des Krummbogens in „Hindenburgring“ (eine Forderung Frohweins bei scharfer Ablehnung Erna Dükers) traten den Studienautoren zufolge die „politische und vergangenheitspolitische Einstellungen deutlich zu Tage“. Auch die in den 1960er- und 1970er-Jahren bundesweit aufkommende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ließ Marburg „vergleichsweise unberührt“. Es habe einen „Verdrängungskonsens“ gegeben, erklärt Geschichts-Professor Eckart Conze. Erst ab den 1980er-Jahren sei eine „Intensivierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur sichtbar“ geworden“.

Teil der Untersuchung war nicht nur die NS-Verstrickung von Stadtverordneten, sondern auch jene in der Verwaltung, speziell hauptamtlicher Magistratsmitglieder. Neben Hans Ballmaier, der für die „Vereinigung unabhängiger Bürger“ aktiv war, gab es mit Dr. Georg Zellmer (CDU), Ernst Bolz und Karl-Theodor Bleek (beide FDP) drei weitere mit NSDAP-Vergangenheit. Die Autoren empfehlen im Zuge der Archivrecherchen vor allem eine Detailuntersuchung von Bleek, dessen NSDAP-Mitgliedschaft 1996 erstmals entdeckt wurde. „Er war nach seiner Absetzung als DDP-Landrat in Arnswalde opportunistisch, er nahm über die formelle Hinwendung zur NSDAP eine­ Chance wahr, seine Karriere fortzusetzen“, sagt Dirk Stolper, Co-Studienautor. Dieses Verhalten lasse sich in vielen Biographien entdecken. Jedoch gibt speziell Bleeks jahrelange Behörden-Tätigkeit in Schlesien während des Dritten Reichs den Forschern Rätsel auf. Bleek log zudem im Entnazifizierungsverfahren, verneinte seine NSDAP-Mitgliedschaft.

Historiker warnen vor„Schwarz-Weiß-Schema“

Conzes Fazit: „Bleeks Karriere in der Nachkriegszeit baut auf Verschweigen auf, das verschaffte ihm entscheidende Vorteile. In seinem Leben gibt es zudem die Black Box Breslau, in diese­ muss man intensiver hineinleuchten, um die Frage nach der Schwere der NS-Belastung klären zu können.“ Belege für Verbrechen gebe es noch nicht.

Unstrittig sind die systemtreuen Aktivitäten von Walter Voß, während des Dritten Reichs Bürgermeister und nach dem Tod Ernst Schellers kommissarischer OB. Mit dem ab 1. Januar 1934 geltenden Gemeinde­verfassungsgesetzes wurde das Führerprinzip auf die Kommunen übertragen - OB Scheller hatte bis zu seiner Kriegsdiensteinberufung 1939 die ­alleinige Entscheidungskompetenz. Ab diesem Zeitpunkt „lenkte Voß faktisch die Geschicke der Stadt“, sagt Cramer. Voß ist auch verantwortlich für die Inhaftierung Georg Gassmanns, OB von 1951 bis 1970. Voß wurde in Nachkriegsjahren wegen der friedlichen Übergabe Marburgs an die Alliierten als „Retter der Stadt“ gefeiert, was auch im Entnazifizierungsverfahren zu seinen Gunsten ausgelegt wurde.

Die Historiker, die laut Conze „keine Moralisierung vornehmen“, unterscheiden in der Studie zwischen formaler Belastung (reine Zugehörigkeit zur NSDAP oder Kampfverbänden wie SA/SS), funktionaler Belastung (Teil des Polizei- oder Justizapparats oder Behörden) und der Belastung durch individuelles Handeln, die auch ohne Koppelung an Amt oder Funktion möglich sei. „Es gibt unterschiedliche Belastungs-Grade, man muss jeden Menschen differenziert sehen. Ein Schwarz-Weiß-Schema wird dem Alltagsleben in der NS-Zeit nicht gerecht“, sagt Stolper.

von Björn Wisker

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