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Natur erleben und daraus lernen

Handreichungen für Praktiker Natur erleben und daraus lernen

"Natur bildet" - der Verein für bewegungs- und sportorientierte Jugendsozialarbeit (bsj) hat diese Behauptung im Praxistest belegt. Jetzt veröffentlichte Handreichungen laden zum Nachmachen ein.

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Kinder erleben die Natur: Der Verein für bewegungs- und sportorientierte Jugendsozialarbeit hat herausgearbeitet, wie Naturerfahrung für Spracherwerb genutzt werden kann.

Quelle: bsj

Marburg. Gemeinsam mit dem Sozialministerium und der Stadt Marburg hat der bsj einen Ordner herausgegeben, der die praktischen Erfahrungen des Modellprojekts „Natur bildet - Das Bildungspotenzial natürlicher Räume für sozial benachteiligte Kinder im Kindergartenalter“ auswertet und bündelt.

Bei dem Modellprojekt, das der bsj in Zusammenarbeit mit drei Marburger Kindertagesstätten durchgeführt hat, ging es darum, „die Natur als offenen Aktions- und Spielraum wieder mehr in den Blick von Kindern und Erwachsenen zu nehmen“, erklärt bsj-Geschäftsführer ­Jochem Schirp. Explizit richtete­ sich das Projekt an Kinder aus bildungsfernen Schichten, und die Erfahrungen sind überwiegend positiv.

Projektleiter Martin Vollmar betont aber, dass das Betreten des Waldes oder anderer Naturräume aus sozialpädagogischer Sicht wenig mit dem braven Sonntagsspaziergang zu tun hat, sondern mit kindlicher Bewegungs- und Entdeckungslust, mit einem anregungsreichen Raum, der kindlichen Erlebnis- und Forscherdrang weckt. Auf Bäume zu klettern, zu balancieren, sich zum Spielen oder Geschichten erzählen anregen zu lassen - und das alles ohne vorgefertigtes Spielzeug: das bildet.

Gute und nicht so gute Erfahrungen

Im Projekt wurden aber nicht nur gute Erfahrungen gemacht, räumt Vollmar ein: Einige Eltern haben ihre Kinder abgemeldet, wenn sie das Wetter für zu schlecht gehalten haben, um in den Wald zu gehen, auf der anderen Seite war gelegentlich die Zeit zu kurz, als dass die Kinder das Erlebte hätten vertiefen können.

Insgesamt kommt der bsj zu dem Ergebnis, dass sich Armut, soziale Benachteiligung und Bildungsabstinenz kaum voneinander trennen lassen: Phänomene, die gerade für die pädagogische Arbeit in Kita und Grundschule hoch brisant sind.

Vollmar macht dies deutlich am Beispiel von Sprachproblemen im Kleinkindalter, die mit anderen sozialen Problemen verwoben seien. „Natur bietet Sprachanlässe“, sagt er. Kleine und große Geheimnisse etwa, die sich unter Steinen oder im Totholz finden, Krabbeltiere mit ganz vielen Füßen oder ganz ohne, „Kinder erleben das und sie wollen darüber reden.“

Praktische Hinweise zu Krabbeltieren, Pflanzen, Feuer und Schnitzen

Die „Handreichungen“ des bsj geben nun ganz praktische Hinweise, wie solche Impulse ­genützt werden können: durch eine intensive Zuwendung etwa, die es dem Kind erst ermöglicht, den Gegenstand, für den es sich interessiert, richtig wahrzunehmen. Durch ausreichend Zeit etwa, indem sich Erzieherinnen oder Erzieher auf das Tempo der Kinder einlassen. Durch eine bildhafte, lebhafte Sprache. Durch Fotobücher, die Wörter zur Benennung der Dinge bildlich mit den erlebten Situationen verknüpfen.

Themen sind neben dem Spracherwerb in der Natur „Krabbeltiere“, „Pflanzen“, „Sammeln in der Natur“, „Klettern und Balancieren in der Natur“, „Feuer“ und „Schnitzen“.

Die Handreichungen gehen nun kostenfrei in alle hessischen Schwerpunkt-Kitas, die geförderten Fachberatungen sowie an Jugendämter und die Trägerverbände in Hessen. „Viele Kinder erleben die Natur nicht mehr aus erster Hand - sie sammeln keine Erfahrungen in Wald, Feld und Wiese beim Klettern und Balancieren, dem Betrachten von Krabbeltieren oder dem Sammeln von Pflanzen, Blättern und Blumen“, macht Hessens Familienminister Stefan Grüttner laut Pressemitteilung die Notwendigkeit der Initiative deutlich.

Und bsj-Geschäftsführer Jochem Schirp glaubt, dass mit dem Modellprojekt „wichtige Erkenntnisse produziert worden sind, die der hessischen Bildungslandschaft gut tun.“ Der bsj werde jedenfalls die Erkenntnisse in seine Aktivitäten mit Kindern aus bildungsfernen Schichten umsetzen.

von Till Conrad

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