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Name „nicht mehr tragbar“

Hülsen-Haus Name „nicht mehr tragbar“

Wegen erheblicher NS-Belastung des Namensgebers soll das Gebäude in der Biegenstraße nicht mehr Ernst-von-Hülsen-Haus heißen.

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Das momentan im Umbau befindliche Gebäude des Universitätsmuseum soll nicht mehr nach Ernst von Hülsen benannt werden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Nach seinem Tod im November 1950 war das Gebäude des Universitätsmuseums in der Biegenstraße nach dem langjährigen Uni-Kurator Ernst von Hülsen (1875-1950) benannt. Er hatte den im Uni-Jubiläumsjahr 1927 vollendeten Bau damals maßgeblich vorangetrieben und in die Wege geleitet. Jetzt hat das Marburger Uni-Präsidium diese Benennung rückgängig gemacht, wie die Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause der OP bestätigte. Im Auftrag des Präsidiums hatte sich der Historiker Dr. Albrecht Kirschner mit der Karriere Hülsens beschäftigt, der von 1920 bis 1932 und von 1932 bis 1945 als oberster Verwaltungsbeamter die Geschicke der Universität leitete.

Ausgangspunkt für die Studie mit dem Titel „Universitätskurator Ernst von Hülsen und der Nationalsozialismus“ war laut der Uni-Präsidentin ein im vergangenen Jahr in der vom Arbeitskreis für Universitätsgeschichte herausgegebenen Reihe „Academiae Marburgensis“ vorgelegtes Buch von Dr. Harald Maier-Metz über den Altorientalistik-Professor Albrecht Götze, der Ende 1933 wegen „pazifistischer Einstellung“ seines Amtes an der Universität Marburg enthoben wurde. Hülsens Bericht an das Ministerium, in dem er die Persönlichkeit und Gesinnung Götzes in denunziatorischer Weise belastet habe, sei eine wichtige Entscheidungsgrundlage für Götzes Entlassung gewesen, so Maier-Metz. Und so lautet das Fazit der Präsidentin nach der Studie Kirschners: Ernst von Hülsen sei eine ambivalente Figur mit „Licht und Schatten“ gewesen. Er habe viel für das nach seinem Tod nach ihm benannte Gebäude und für die Universität getan. Er habe für Personen an der Universität sowohl Gutes als auch Schlechtes getan, bilanziert die Präsidentin. Die Benennung eines Gebäudes sei aber eine herausragende Würdigung, so Krause. „Das halten wir in diesem Fall nicht für tragbar.“

Am Ende seiner 85-seitigen Studie kommt Kirschner zu dem Schluss, dass Ernst von Hülsen an der Leitung und Verwaltung der Universität Marburg im Sinne des Nationalsozialismus mitgewirkt habe. Man könne in seinem Fall von einer „erheblichen NS-Belastung“ sprechen. Es gebe für die Universität „keinen Grund, weiter ein unkritisches Gedenken zu pflegen, das die Verdienste Hülsens um die Universität hervorhebt, seine nationalsozialistische Belastung jedoch marginalisiert, wenn nicht ignoriert“, so Kirschner.

In der Todesanzeige der Universität in der „Marburger Presse“ am 2. November 1950 hatte Rektor Alfred Benninghoff noch gewürdigt: „Der Heimgegangene hat durch ein Vierteljahrhundert die Verwaltung unserer Universität mit vorbildlicher Hingabe, mit meisterhafter Sachkunde und mit großem Erfolg geleitet. In der schweren Zeit der Inflation wie anlässlich der 400-Jahrfeier 1927, inmitten der politischen Wandlungen unseres Vaterlandes ebenso wie unter den Stürmen des Krieges zu allen Zeiten hat er sich als der getreue Ekkehard unserer Alma Mater erwiesen“.

In dem zur 450-Jahrfeier der Uni Marburg 1977 von Ingeborg Schnack herausgegebenen Band „Marburger Gelehrte“ würdigte der damalige Uni-Kanzler, Klaus Ewald, Ernst von Hülsen. Insbesondere die Bau- und Grundstückspolitik der Hochschule habe Hülsen mit großem Erfolg vorangetrieben.

Kritik wegen Arisierung von Synagogen-Grundstück

Kirschner kritisiert jedoch besonders Hülsens Rolle bei der Frage um die Arisierung des Synagogengrundstücks unmittelbar nach dem von den Nationalsozialisten verantworteten Brandanschlag und der Zerstörung der Synagoge. Dabei habe der Kurator „die organisatorisch desolate Lage der Jüdischen Gemeinde kaltblütig für seine Interessen ausgenutzt“. Die Universität habe das Grundstück schließlich für einen Kaufpreis von nicht einmal acht Prozent des wirklichen Werts erwerben können. Das sei Hülsen nur „mit unfairen und erpresserischen Methoden gegenüber dem jüdischen Kulturverein und unter massiver Ausnutzung der Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung“ gelungen.

Hülsens Entscheidung, im Alter von 62 Jahren auf Drängen des Marburger Kreisleiters in die NSDAP einzutreten, sei im Spruchkammerverfahren (Entnazifizierungsverfahren der Amerikaner) im Jahr 1946 von zahlreichen im Dritten Reich verfolgten und angefeindeten Universitätsmitgliedern als ein persönliches Opfer im Interesse der bedrohten Universität verstanden und gewürdigt worden, schrieb Ewald 1977. Das Spruchkammerverfahren endete mit einer Einstufung Hülsens als „entlastet“ sowie der Zustimmung der amerikanischen Militärregierung zu einer „ehrenvollen Pensionierung“ des Kurators. Dazu bemerkt Kirschner in seiner aktuellen Studie: „Was als NS-Belastung zu gelten hatte, wurde auch im Fall Hülsens anlassbezogen festgelegt.“

Denn schließlich hätten sowohl die US-Militärregierung und das hessische Kultusministerium nicht auf die Mitarbeit des erfahrenen Kurators beim Wiederaufbau der Marburger Universität verzichten wollen. „Über tatsächliches Handeln in der NS-Zeit sagen solche Urteile nur wenig, vielmehr jedoch über die Dynamiken von Be- und Entlastung, von Entlastung und Selbstentlastung“, urteilt Kirschner. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte Ernst von Hülsen zum christlich-konservativen Flügel der Deutschen Volkspartei DVP gehört, hatte die Historikerin Dr. Anne Nagel in der Einleitung zu dem 2002 anlässlich des 475-jährigen Bestehens der Uni erschienenen Sammelband „Die Philipps-Universität im Nationalsozialismus“ erläutert. Mit seinem Eintritt in die NSDAP habe Hülsen geglaubt, „den ausgreifenden Politisierungsbestrebungen der Partei als Mitglied effektiver entgegenzutreten und sich leichter schützend vor bedrohte Universitätsangehörige stellen zu können, so Nagel. Abgesehen von der Rolle des Kurators bei der Götze-Entlassung 1933 werde man an der Amtsführung Hülsens in dieser Hinsicht wenig Beanstandenswertes finden, urteilte die Historikerin.

So sei beispielsweise ein Gutachten Hülsens im Fall des Sozialdemokraten und langjährigen Betriebsratsvorsitzender der Universität, Justus Gaßmann, ein Beleg für „die kluge Umsicht und Warmherzigkeit des Kurators, die er gegenüber seinen Mitarbeitern an den Tag legte, auch wenn ihn politisch und sozial Welten von diesen trennten“. Darüberhinaus habe sich Hülsen allerdings den Verfügungen der neuen Machthaber in keinem Fall verweigert.

von Manfred Hitzeroth

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