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Nagel-Attacken plagen Jäger

Kriminalität Nagel-Attacken plagen Jäger

Das Feld als Falle: Rowdys legen auf den Feldwegen rund um Bauerbach Nägel und Schrauben aus, zerstören Autoreifen und demolieren mobile und feste Hochsitze von Jägern. Nun ist ein Ausguck angesägt worden - die Jäger bangen um ihre Sicherheit.

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Ernst-Heinrich Jesberg, seit fast 50 Jahren Jagdpächter in Bauerbach, sammelt seit mehreren Monaten Nägel auf den Feld- und Wiesenwegen im Stadtteil auf. Offenbar legen Unbekannte diese aus. Zudem werfen die Rowdys seit Wochen Hochsitze um, demolieren diese.
Fotos: Björn Wisker

Marburg. Der Arbeitsplatz von Ernst-Heinrich Jesberg liegt sprichwörtlich im Wald. Der Jäger blickt auf das zerbrochene Holzgerüst, überwuchert von Gestrüpp und Ästen. Kaputt, von Unbekannten umgeworfen, ins Dickicht des Waldes - mit Hilfe einer Maschine, wie Fahrspuren im Boden nahelegen. Der hölzerne Hochsitz ist nur einer von vielen, der in den vergangenen Wochen demoliert worden ist. „Das ist alles so bitter, es schmerzt. Ich liege nachts wach, aus Angst, dass ich mit voller Montur anrücke und wieder alles kaputt ist“, sagt der 81-Jährige.

Seit 1966 ist er Jagdpächter für die Gegend rund um Bauerbach. In Jahrzehnten habe er nie so viele Sorgen gehabt, habe er so eine Häufung von Vandalismus nicht erlebt. „Das sind gezielte Attacken, die reinste Schikane“, sagt er. Und bei der Beschädigung von Hochsitzen bleibt es nicht. Seit dem Frühsommer pflastern Unbekannte die Feldwege - die Trassen, auf denen Jäger von Deckung zu Deckung fahren - mit Nägeln und Schrauben. Jesbergs Auto sowie die von mehreren anderen Jägern sind durch das Nagel-Meer bereits beschädigt worden. Die Polizei bestätigt gegenüber der OP, dass sie Ermittlungen aufgenommen hat: „Seit geraumer Zeit beschäftigen uns in Bauerbach diverse Taten“, heißt es von der Behörde.

Die Reifen von mobilen Hochsitzen, die bis zu 500 Kilogramm wiegen, sind bereits mehrfach plattgestochen, Abdeckungsplanen aufgeschlitzt, die Stahl- und Eisen-Konstruktionen selbst in Felder geworfen worden. „Von Hand ist das unmöglich“, sagt Jesberg. Unter den Beweisen für die Nagel-Attacken ist eine etwa 30 Zentimeter lange Eisenstange, aus der lange, spitze Nägel herausragen und die zwischen Bauerbach und Großseelheim ausgelegt worden sein soll. Eine Gefahr für Autofahrer, die darüber fahren oder Spaziergänger, die in die Vorrichtung treten.

„Das alles ist eine Litanei von Zerstörungswut“, sagt Andreas Schoenwandt (60), ein mit Jesberg befreundeter Jäger. 2013 sei es zu ersten Problemen im Revier gekommen, seit Frühsommer dieses Jahres haben „Übergriffe dieser Art massiv zugenommen“, sagt er. Zwölf Mal sind Hochsitze in den vergangenen Wochen unbrauchbar gemacht worden - darunter ein fünf Meter hoher Bau, dessen Treppe auf der Hälfte abgesägt wurde. „Wir haben zunehmend Angst um unsere Sicherheit. Da werden Sprossen angesägt und man stürzt mitten in der Nacht ab“, sagt Schoenwandt. Ein etwa 30 Meter langer Zaun, den Jesberg als Wildschwein-Abwehr vor einem Acker aufbaute, sei ebenfalls kürzlich zerschnitten worden.

Die Angriffe rauben Jagdpächter Jesberg immer mehr Nerven, sie kosten ihn Zeit und Geld. Denn neben den Reparaturkosten, die bereits mehrere tausend Euro betragen sollen, kann er seinen Jagd-Job nicht mehr ausführen. Denn: „Ohne Hoch-sitze ist eine geordnete und sichere Jagd nicht möglich“, sagt Dr. Klaus Röther, Sprecher des Landesjagdverbands Hessen. Resultat: Wildschweine können sich über Wochen ausbreiten, Äcker umpflügen. „Wildschäden nehmen in solchen Fällen also zu“, sagt Röther. Jesberg kann von Bauern für Schäden auf den Äckern haftbar gemacht werden, er muss ihnen einen Ausgleich für die Schäden zahlen. Das kann wiederum tausende Euro kosten. „Ich fühle mich bitter, dass ich meiner Aufgabe nicht nachkommen kann“, sagt der 81-Jährige, der die Pacht noch zwei Jahre besitzt. Die erhöhte Position von einem Hochsitz dient Röther zufolge neben Überblicks-Vorteilen vor allem der Sicherheit: Beim Schießen gegen die Erde ist der Boden der Kugelfang, Spaziergänger können so nicht getroffen werden. Zudem müssten Jäger oft vier, fünf Stunden draußen bleiben.

Dass militante Jagd-Gegner hinter den Übergriffen stecken, halten die Jäger für unwahrscheinlich. „Die würden sich dazu bekennen“, sagt Röther. Jäger wie Andreas Schoenwandt bitten die Anwohner: „Hier läuft vieles schief, wir brauchen mehr offene Augen, um dieses Berserkertum zu beenden“, sagt er. Der Kreisverwaltung sind die Probleme bekannt. Zuletzt, sagt Kreissprecher Stephan Schienbein auf OP-Anfrage, habe es „Meinungsverschiedenheiten zwischen Jagdpächtern“ gegeben. Die untere Jagdbehörde habe daraufhin „ein Vermittlungsgespräch organisiert“. Man hoffe, dass der Streit beigelegt ist - zumal Jesbergs Mitpächter vor einer Zeit aus dem Vertrag ausgeschieden sei.

von Björn Wisker

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