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Historie: Marburger Bahnhof Nächste Etappe einer bewegten Geschichte

Der Marburger Bahnhof ist 163 Jahre alt - mit der Einweihung der renovierten Eingangshalle wird am Mittwoch ein neues Kapitel seiner langen Geschichte eröffnet.

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Marburg. Es war immerhin schon 15 Jahre her, dass die erste Eisenbahnlinie in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen worden war: Marburg bekam 1850 seinen ersten Hauptbahnhof. Das Gebäude bestand aus rotem Backstein, ehe 1909 das heute noch bestehende Empfangsgebäude an seiner Stelle errichtet und eingeweiht wurde.

Dieter Woischke, bis 1978 Zugführer bei der Deutschen Bahn, Amateurfotograf und ambitionierter Heimatgeschichtler, hat in einer Dokumentation „Eisenbahn in Marburg“ auch die Vorgeschichte des Marburger Bahnhofs aufgespürt.

Dokumente belegen, dass der Kurfürst von Hessen-Kassel zunächst keine Eisenbahn in seinem Land wollte und deswegen auch das „Eisenbahn-Comitee“ in Marburg verbot. Als der Fortschritt auch vom Kurfürsten nicht aufzuhalten war, stritt er sich mit seinem Standesgenossen, dem Großherzog von Hessen-Darmstadt, um die Linienführung zwischen Kassel und Frankfurt. Damals wie später konkurrierte die Streckenführung über Marburg und Gießen mit der über Fulda.

Champagner hilft bei Entscheidungsfindung

Schließlich wurde die Main-Weser-Bahn auf Druck der Preußen zwischen 1848 und 1852 gebaut. Nur eine Minderheit in Marburg, berichtet Woischke in seinen Studien, war für die Errichtung des Hauptbahnhofs an seiner heutigen Stelle. Die Stadtväter hatten mehrheitlich für einen Standort vor den Toren von Weidenhausen gestimmt.

Die Regierung in Kassel lud daraufhin die Stadtväter zu einer Besprechung in das Hotel Ritter (das heutige Amerikahaus). Dabei muss jede Menge Champagner geflossen sein, die Stadtväter ließen sich für den Standort Nord gewinnen, und der Bahnhof hieß im Volksmund „Champagnerbahnhof“.

Der erste Fahrplan zwischen Kassel und Marburg führt drei Zugpaare auf. Die Fahrzeit betrug 3 Stunden und 50 Minuten - ein enormer Fortschritt für diese Zeit, wie Woischke anmerkt. Dumm nur, dass Otto Normalverbraucher zunächst wohl kaum in den Genuss dieses Fortschritts gekommen ist: Der Fahrpreis entsprach dem vierfachen Tagesverdienst eines Arbeiters.

Gleichwohl setzte sich das neue Transportmittel überall schnell durch. 1882 wurde die Lahntalbahn, 1890 die Strecke nach Frankenberg in Betrieb genommen. 1897 wurde der Südbahnhof eröffnet.

Zutritt nur mit Bahnsteigkarte

Mit den Fortschritten in der Mobilität der Menschen geht das Wachstum der Stadt einher - auch das ist eine umstrittene Entwicklung. Wenn der deutsche Kaiser Wilhelm II. in den 1890er Jahren zur Kur nach Bad Ems fuhr und der Zug am Hauptbahnhof halten musste, wurden eigens die Vorhänge zugezogen. Man wollte seiner Majestät bei der Weiterfahrt nicht den Anblick des entstehenden Biegenviertels zumuten. Man war standesbewusst zu jener Zeit, es gab deswegen Wartesäle für die erste und zweite sowie für die dritte und vierte Klasse.

Noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erinnerte die Bahnhofsgaststätte an den Glanz jener Zeit. Ältere Marburger werden sich noch erinnern, dass der Zutritt zu den Bahnsteigen nicht für jedermann möglich war: Marburger, die nur Gäste abholen oder zum Zug bringen wollten, mussten eine Bahnsteigkarte lösen. Es musste alles seine Ordnung haben.

Die Demonstranten, die 1991, auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, gegen Krieg und amerikanische Atomraketen demonstrierten, dürfte das kaum interessiert haben. Sie besetzten damals die Gleise, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Es gäbe noch viele Geschichte zu erzählen über den Marburger Hauptbahnhof: Von seiner Erweiterung im 19. Jahrhundert in Richtung Ortenberg, von seiner Zerstörung durch die Bombardierungen im Februar und März 1945, aber auch von seinem schleichenden Bedeutungsverlust seit der Privatisierung der Bahn in den 90er Jahren.

Nach der Schließung des Betriebswerks, der Signalmeisterei und der Güterabfertigung erkennen sich, so schreibt Dieter Woischke, „viele altgediente Eisenbahner in den Gesellschaften der DB nicht wieder.“

von Till Conrad

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