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Nachbarschaftshilfe übers Internet

Was steckt hinter Nebenan.de? Nachbarschaftshilfe übers Internet

Viele Marburger wunderten sich in den vergangenen Tagen über die Handzettel in ihrem Briefkasten. Mit einem Zugangscode werden sie eingeladen, sich in einem Internetportal anzumelden.

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Im Südviertel und im Biegenviertel sowie am Ortenberg fanden Anwohner Handzettel in den Briefkästen. Nachbarn, die nur ihren Vornamen nennen, laden andere Nachbarn ein, sich auf nebenan.de anzumelden. Einige waren irritiert und fürchten um ihre Daten, andere nutzen dies als Gelegenheit, um neue Leute in der Umgebung kennenzulernen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Marcel Mischnik (34) wohnt seit einem Jahr in Marburg. Der Biologe arbeitet in einem Unternehmen, hat nicht viel Zeit, um seine neue Umgebung kennenzulernen. „Ich habe bisher in verschiedenen Städten gewohnt, musste mich jedes Mal neu einleben. Das ist nicht immer einfach“, sagt er. Zuletzt wohnte er in Frankfurt, dort kommunizierte er über das lokale Netzwerk „nebenan.de“ mit Menschen in seinem Stadtteil. Nun hat er in Marburg eine neue Nachbarschaft, so heißen die Gruppen bei nebenan.de, gegründet. Es ist die Nachbarschaft „Südviertel“.

Wer sich anmeldet, gibt Adresse bekannt

Zeitgleich hatte ein anderer Anwohner, den Mischnik nicht kennt, die gleiche Idee. Das Unternehmen „nebenan.de“ ließ Flyer im Stadtteil verteilen. Die „lieben Nachbarn“ werden eingeladen, mitzumachen. „Wir sind überzeugt, dass eine starke Nachbarschaftsgemeinde für uns alle hilfreich sein kann, zum Beispiel für lokale Empfehlungen von Ärzten, Babysittern oder Handwerkern, zum Tausch von ausrangierten Fahrrädern oder um gemeinsam nachbarschaftliche Aktivitäten zu planen“, schreiben „Marcel aus dem Mühlgraben“ und „Felix aus der Haspelstraße“. Man müsse sich nur bei nebenan.de mit dem auf dem Flyer abgedruckten Zugangscode mit seinem Namen und Adresse anmelden.

So viele Daten gebe sie auch sonst von sich preis, sagt Kati Hesselmann (46). Die Diplom-Pädagogin hat die Nachbarschaft Campus-Viertel ins Leben gerufen, betont aber, dass sie den Namen nicht so gut findet, weil er zu sehr an den Ortsbeiratsbezirk Campus-Viertel erinnere und vielleicht andere im Biegenviertel oder in der Nordstadt ausgrenze. „Ich bin ein Jahr von Haus zu Haus gezogen, habe bei den Leuten geklingelt, um Nachbarschaftsinitiativen anzuregen oder um die Menschen zusammenzubringen. Das war teils mühselig. Über das Internet geht es leichter“, sagt sie. Die Parteilose hat für die Grünen einen Sitz im Ortsbeirat und möchte nebenan.de unter anderem auch dazu nutzen, um über die Arbeit des Ortsbeirats zu informieren. Natürlich ohne Politik. „Mir geht es ums Kennenlernen, um Begegnungen zu schaffen“, betont sie.

In einem Jahr enstanden rund 2000 Nachbarschaftsnetzwerke

Obwohl die Internet-Nachbarschafts-Plattform bisher hauptsächlich in Großstädten verbreitet ist, sind sich Mischnik und Hesselmann einig, dass dies auch in Marburg gut laufen kann: Hier leben besonders viele junge Menschen. Das Online-Portal ist kostenfrei und verspricht den Austausch in einem geschlossenen Kreis, der „Nachbarschaft“. Allerdings kann nebenan.de nicht ausschließen, dass sich auch Fremde mit dem Zugangscode anmelden. Ein Abgleich mit Daten des Einwohnermeldeamts oder anderen Behörden finde nicht statt, das sei auch nicht erlaubt, erklärt Ina Brunk, Sprecherin des Startup-Unternehmens aus Berlin.

„Wir überlassen es den Bewohnern, zu definieren, welche Straßen zur Nachbarschaft gehören“, sagt Brunk. Die Mitarbeiter prüfen aber Namen und Adressen und liefern die digitale Infrastruktur. Rund 2 000 Nachbarschafts-Netzwerke sind seit Gründung der Plattform vor einem Jahr über ganz Deutschland verteilt entstanden. In Marburg entstehen laut Brunk derzeit fast zehn Nachbarschaften.

Portalbetreiber rechnen mit Werbeeinnahmen

„Ich bin beeindruckt, dass sich innerhalb von drei Wochen 44 Nachbarn angemeldet haben“, sagt Hesselmann. Wie bei Facebook hat der Nutzer ein Profilbild und eine Timeline, in der die Beiträge der Nachbarn erscheinen. Anstatt der Gefällt-mir-Funktion gibt es einen Danke-Knopf. Es gibt Kategorien wie „Marktplatz“, „Teilen und Helfen“, „Zu verschenken“ oder „Verloren und Gefunden“. Die Idee der Internet-Nachbarschaftspflege ist nicht neu. In Deutschland gibt es einige ähnliche Apps oder Portale.

Doch wird damit auch Geld verdient? Und was ist mit den Daten? Mischnik und Hesselmann machen sich darüber keine Gedanken. „Ich habe so viele Accounts – Namen und Adressen gibt man doch überall an“, so Mischnik. Für private Nutzer bleibe der Dienst kostenlos. Das Unternehmen plane aber langfristig kostenpflichtige Profile für regionale Geschäfte, rechnet also mit Werbeeinnahmen, so Brunk. „Bisher wird die Plattform durch Kapitalgeber finanziert.“ Neben den Gründern des Start-up-Unternehmens investiere auch der große Burda-Verlag in nebenan.de.

von Anna Ntemiris

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