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Nach der Polemik das Gummibärchen

CDU Nach der Polemik das Gummibärchen

In Philipp Stompfe verliert die Marburger Kommunalpolitik eine ihrer prägenden Figuren.

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Philipp Stompfe bei einer Rede im Marburger Stadtparlament.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wie Stompfe gestern der OP mitteilte, wird er mit Wirkung zum 1. Oktober sein Amt als CDU-Fraktionsvorsitzender in der Marburger Stadtverordnetenversammlung niederlegen und bereits beim CDU-Parteitag am 28. August Platz für seinen Nachfolger als Parteichef machen. Nach dem gemeinsamen Willen des Stadtverbandsvorstands und der Fraktion soll dies der Stadtverordnete Matthias Range werden. Der Rechtsreferendar (25) ist Chef der Marburger Jungen Union.

Als künftigen Fraktionsvorsitzenden schlagen Parteivorstand und Fraktion Stompfes bisherigen Stellvertreter Wieland Stötzel (35) vor. Der Ockershäuser, der als Richter in Gießen arbeitet, war im Jahr 2011 CDU-Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl. Er soll auf der Fraktionssitzung am 26. August gewählt werden.

Sieben Jahre Parteichef

Stompfe war seit 2006 Fraktionsvorsitzender der CDU in der Stadtverordnetenversammlung und CDU-Parteichef. „Der ein oder andere hat sich damals nicht vorstellen können, dass ein so junger Spund ordentlich Politik machen kann“, sagt Stompfe im Rückblick und ergänzt: „Insofern mache ich mir keine Gedanken um meine Nachfolger. Matthias Range und Wieland Stötzel sind viel erfahrener, als ich es 2006 war.“

Als einer der begabtesten Debattenredner machte Stompfe schnell auf sich aufmerksam. Der Jurist beherrscht die freie Rede, die Kunst der Argumentation beherrscht er ebenso wie die der Zuspitzung. Trotz gelegentlicher polemischer Ausfälle („Die gehören einfach zum politischen Geschäft“) war der Christdemokrat auch beim politischen Gegner angesehen. Das liegt auch an seinem persönlichen Verhältnis zu den Kollegen aus den anderen Fraktionen. Seinen wichtigsten politischen Gegenspieler, Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), kann Stompfe in Debatten scharf angehen, um direkt anschließend ein Gumminbärchen zu erbitten.

Gutes Verhältnis zum SPD-Oberbürgermeister

„Ich habe mir mein gutes persönliches Verhältnis zum OB über die Jahre erarbeitet“, sagt Stompfe heute und lobt das Stadtoberhaupt: „Vaupel hat das Erbe von Dietrich Möller hervorragend weitergeführt.“

Unterschiede in kommunalpolitischen Fragen schließt dies nicht aus; im Gegenteil. Stompfe verweist auf die Haltung der Marburger CDU zum Stadthallen-Neubau, für den die Christdemokraten seit 2009 kämpften, auf den Kampf der CDU für längere Öffnungszeiten von Kitas und vor allem auf die erheblichen Unterschiede in der Verkehrspolitik und Konzeption für die Marburger Altenhilfe.

Dabei ist Stompfe keiner, der einfach die Haltung seiner Partei herunterbetet. In der Auseinandersetzung um das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) vertritt der Marburger die Auffassung, dass die Privatisierung ein Fehler war und machte sich damit bei der CDU-geführten Landesregierung keine Freunde. Stattdessen war er Mitinitiator mehrerer einstimmiger Beschlüsse, in der das Stadtparlament seine Solidarität mit „unserem Klinikum“ und seinen Patienten und Beschäftigten erklärte. In der Auseinandersetzung um Alternativen zur Privatisierung entwickelte Stompfe detaillierte Vorstellungen für ein Genossenschaftsmodell.

Jura kommt für ihn vor der Politik

Warum verlässt so einer - zumindest vorübergehend - die Politik? Es ist der Spaß an der Juristerei, die Stompfe endgültig auch beruflich einsetzen will. Es war der Marburger Professor Dr. Erich Schanze, „einer der führenden Wirtschaftsrechtler“, der Stompfe diesen Spaß - und insbesondere speziell am internationalen Wirtschaftsrecht - lehrte. „Ohne ihn hätte ich mein Staatsexamen sicherlich nicht gemacht“, sagt der 29-Jährige, der zudem das Glück hat, von seinem Doktorvater an der Universität Köln alle Freiheiten für seine Promotion zu bekommen, die er benötigt. Für die Arbeit mit dem Titel „Internationale Investitionsverträge in der arabischen Welt“ analysiert Stompfe das Investitionsrecht in Katar und in Libyen. „Das erfüllt mich“, sagt Stompfe, der mit seinem Masterstudium an der Queen Mary University in London das i-Tüpfelchen für eine spätere Karriere als Wirtschaftsjurist setzen will.

Ein kleines Hintertürchen hält sich Stompfe aber für eine Rückkehr in die Politik noch offen. Sein Stadtverordnetenmandat will er bis auf Weiteres behalten und dann, wenn es ihm zeitlich möglich ist, an der Sitzung des Plenums teilnehmen. In der letzten Reihe und ohne den neuen Führungsfiguren groß ins Geschäft zu pfuschen.

von Till Conrad

Ein Kommentar zum Thema von Till Conrad:  Ein Amt auf Zeit

Der Rückzug von Philipp Stompfe aus der Kommunalpolitik: Eigentlich sollte so etwas eine Selbstverständlichkeit sein. Politiker, die von der „Droge“ Politik lassen können, um sich etwas ganz anderem zu widmen, die ihre politischen Ämter  als Verpflichtung auf Zeit betrachten, sind in allen Parlamenten aber rar gesät. Die Kehrseite der Medaille: Alle Parteien haben vermehrt Schwierigkeiten, ihre besten Leute zu politischem Engagement zu bewegen. Der anerkannte Finanzexperte Roger Pfalz,  der aus familiären Gründen dankend abwinkte, ist bei der CDU ein solches Beispiel. Die einzige Chance: Nachwuchsförderung. Die CDU geht diesen Weg jetzt, notgedrungen. Andere Parteien im Marburger Parlament haben ihn noch vor sich.

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