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Mutter prellt Hebamme um Verdienst

Aus dem Amtsgericht Mutter prellt Hebamme um Verdienst

Rund 1700 Euro blieb eine Angeklagte einer Hebamme und gleichzeitigen Nachbarin über Jahre hinweg schuldig. Bis heute stiegen die Schulden auf 3000 Euro, sagte die Klägerin.

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Eine Hebamme untersucht in einer Praxis eine schwangere Mutter.

Quelle: Fredrik von Erichsen

Marburg. Weil sie angeblich nicht zahlen konnte, brachte eine Mutter aus Marburg 
eine Geburtshelferin um ihren Lohn, ging auf zahlreiche Kontaktversuche für eine friedliche Lösung nicht ein.

Bereits vor etwa drei Jahren betreute die Hebamme über mehrere Monate hinweg die schwangere Kundin, übernahm Geburt sowie Vor- und Nachbehandlungen und stellte der Mutter eine Rechnung in Höhe von 1700 Euro aus. Die in Anspruch genommenen Leistungen zahlte die Schuldnerin jedoch nicht, brach den Kontakt zu der Nachbarin nahezu ab. Beschuldigte und Geschädigte leben in derselben Straße.

Schließlich wusste die Hebamme sich nicht mehr zu helfen und zeigte die zahlungsunwillige Kundin wegen Betrugs an. Bis heute seien ihre Ausgaben auf rund 3000 Euro angestiegen. Während der Verhandlung vor dem Amtsgericht Marburg entschuldigte sich die Angeklagte.

„Es tut mir wirklich leid“

Die in Anspruch genommenen Leistungen zahlte 
die Schuldnerin damals nicht, brach den Kontakt zu der Nachbarin nahezu ab. Um den nachbarschaftlichen Frieden zu bewahren, versuchte die geprellte Hebamme es lange Zeit im Guten. Mehrfach habe sie die Kundin auf die noch ausstehende Summe aufmerksam gemacht und Gesprächsbereitschaft signalisiert, ohne Erfolg. „Ich versuchte die Sache freundlich unter Nachbarn zu regeln“, erklärte die Geschädigte. Schließlich habe sie sich gar nicht mehr getraut, das leidige Thema weiter anzusprechen.

Während der Verhandlung vor Gericht wirkte die Angeklagte sichtlich beschämt. Da sie zum ersten Termin nicht erschienen war, wurde sie per Polizeieskorte zum Gericht gebracht. Der Vorfall schien ihr äußerst peinlich, „es tut mir wirklich leid“, betonte die 36-Jährige und entschuldigte sich mehrfach bei der Geschädigten.

Hintergrund des Ganzen sei ein Versicherungswechsel, versuchte sie ihr Handeln zu erklären. Während sie sich in der Obhut der Hebamme befand, wechselte sie die Krankenkasse, durch den Übergang entstand angeblich ein Streit mit der Versicherung und die Übernahme der Rechnung. Die volle Summe habe sie damals nicht aus eigener Tasche bezahlen können.

Dies erkläre jedoch nicht, warum sie bis heute keinen einzigen Euro ihrer Schulden beglichen habe, angesichts des mittlerweile verstrichenen langen Zeitraums sei dieser Punkt völlig unerheblich, stellte Richter Cai Adrian Boesken klar.

Großzügiges Angebot für gute Nachbarschaf t

Heute habe sich ihre finanzielle Situation zudem verbessert – zumindest einen guten Willen oder Teilzahlungen hätte die Schuldnerin der geprellten Nachbarin anbieten können. „Die Rechnung ist über zwei Jahre alt, sie haben sich aber gar nicht mehr geregt“, kritisierte der Richter.

Von der Situation sei sie damals völlig überfordert gewesen, habe die Sache von sich geschoben, die Nachfragen der Nachbarin immer wieder ignoriert, gab die Angeklagte zerknirscht zu. Nicht nur ihr selbst, beiden Frauen war die gerichtliche Auseinandersetzung sichtlich unangenehm.

Die Aussicht, dass ein Urteil zwischen den Nachbarn stehen könnte, lehnten beide ab. Mit einem großzügigen Angebot ging die Geschädigte schließlich auf die Schuldnerin zu: Sie war bereit, auf ein Drittel ihrer Ansprüche zu verzichten und eine Ratenzahlung für die verbleibende Summe von 2000 Euro zu vereinbaren, „für eine gute Nachbarschaft“, bot die Hebamme an.

Nach Umarmung fahren Frauen gemeinsam heim

Auch der Richter befürwortete eine gütliche Einigung. „Dann können wir das Ding beerdigen, eine Verurteilung ist unnötig“, sagte Boesken. Dem stimmte auch Staatsanwalt Jürgen Noll zu und sprach sich für eine friedliche Lösung aus.

Das Verfahren wurde vorläufig eingestellt. Innerhalb von sechs Monaten hat die Angeklagte die geforderte Summe zu begleichen. Sollte sie sich nicht daran halten, wird der Fall erneut aufgerollt, „dann wird es aber wirklich zappenduster“, mahnte der Richter zur Einhaltung ihrer Auflage.

Am Ende der Verhandlung war die Erleichterung aller Parteien spürbar, die Nachbarinnen umarmten sich und fuhren gemeinsam nach Hause. „Vor 
Gericht kann man vieles gerade­rücken“, zeigte sich der Richter begeistert von einer seltenen, wirklich friedlichen Einigung, scheinbar ohne verbleibenden Groll.

von Ina Tannert

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