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Mutter nimmt Entschuldigung nicht an

Prozess gegen Messerstecherin Mutter nimmt Entschuldigung nicht an

Mit Plädoyers und Urteil ging am Freitag der Landgerichtsprozess zu Ende um die Messerstiche durch eine 27-jährige Studentin, an denen die Studentin Laura S. starb.

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Die Tötung wertete die Schwurgerichts­kammer als minderschweren Fall des Totschlags.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am Ende wurde das Verfahren vor der Schwurgerichtskammer des Marburger Landgerichts noch einmal sehr emotional: Die Angeklagte, die während des gesamten Prozesses keine Angaben zur Sache gemacht hatte, wollte sich unter Tränen bei der Mutter der von ihr getöteten Laura S. entschuldigen, die kaum zehn Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Bank der Nebenklage saß.

Doch sie vermied es dabei, die Mutter des Opfers anzuschauen und sagte: „Das, was passiert ist, das wollte ich nicht“. Außerdem wolle sie um Verzeihung bitten. Doch Lauras Mutter nahm die Entschuldigung nicht an. Sie sagte, dass sie der Angeklagten nicht glaube, eben weil diese ihr nicht in die Augen schauen könne.

Wie es um die Gemütslage der Angehörigen des Opfers bestellt ist, das machte Nebenklage-Vertreterin Elke Edelmann in ihrem Schluss-Plädoyer deutlich. „Die Eltern werden nie wieder mit ihrer Tochter reden oder Weihnachten feiern können“, erklärte Edelmann.

Nebenklage sieht niedere Beweggründe

Sie fügte an, dass die Getötete nie dazu geneigt habe, jemanden zu provozieren. Dass sie am Morgen des 26. März vor ihrer Wohnung in einem Haus am Kupfergraben im Marburger Südviertel auf eine so grausame Art habe sterben müssen, das sei für die Eltern sehr schmerzlich, betonte die Nebenklage-Vertreterin.

Aus ihrer Sicht war die Tat als Mord zu werten, der mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft wird.  Die Angeklagte habe dem Opfer die Schuld daran gegeben, dass sie nicht mehr mit ihrem Ex-Freund zusammen sein könne, so Edelmann. Neid, Eifersucht und Wut auf die neue Partnerin des Ex-Freundes nannte Edelmann als niedrige Beweggründe für diese Tat, die aus ihrer Sicht nicht im Affekt begangen worden sei. „Sie wollte Laura gezielt töten, denn sie stand ihr im Weg“, so Elke Edelmann.

Richter Dr. Carsten Paul äußerte in seiner Urteilsbegründung großes Verständnis dafür, dass die Hinterbliebenen kaum Verständnis für die juristischen Feinheiten hätten, die für die Strafzumessung in einem Strafprozess entscheidend seien. Dieses könne die Kammer aber nicht davon abhalten, nach den geltenden Rechtsvorschriften zu urteilen. War das Tötungsdelikt als Mord oder Totschlag zu werten? Diese Frage, die auch entscheidend für die Höhe der Strafzumessung ist, stand im Mittelpunkt des Verfahrens.

Die Angeklagte hatte ihr 29 Jahre altes Opfer am 26. März vor der gemeinsamen Wohnung des Paares niedergestochen. Nachdem der Hausmeister die Angreiferin entwaffnet hatte, zog sie ein zweites Messer und stach weiter auf die Rivalin ein. Das Opfer starb wenig später im Krankenhaus. Nach der Tat versuchte die Angeklagte, sich das Leben zu nehmen.

Gericht geht von Tat im Affekt aus

Sie sitzt seit der Tat in Untersuchungshaft. Sie hatte ihren Ex-Freund seit dessen neuer Beziehung mit E-Mails und Kurznachrichten bombardiert. Offen blieb vor Gericht, ob der 25-Jährige neben seiner neuen Beziehung weiterhin sexuelle Kontakte zur Angeklagten unterhielt. Jedenfalls sei von dem Mann kein eindeutiger Schlussstrich gezogen worden, so der Staatsanwalt.

In der Begründung dafür, eine Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen Totschlags in einem minderschweren Fall auszusprechen, folgte Paul inhaltlich dem Plädoyer von Staatsanwalt Nicolai Wolf, der acht Jahre und drei Monate Haft bei einem Strafrahmen zwischen einem Jahr und zehn Jahren Haft gefordert hatte. Diese Tat sei in einem höchstgradigen Affekt geschehen und zwar im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit, wobei die Steuerungsfähigkeit nicht gänzlich aufgehoben gewesen sei.

Dabei erläuterte der Staatsanwalt, dass es im Vorfeld des Tattages eine Vielzahl von Kontaktversuchen der Angeklagten gegeben habe, bei denen sie jeweils von ihrem Ex-Freund zurückgewiesen worden sei. Im Juni 2013 sei ihr dann endgültig klar gewesen, dass sie ihn an seine neue Freundin verloren habe. Daraufhin habe sie nur noch ein Abschlussgespräch mit ihm führen wollen. Dabei habe sie wissen wollen, wieso er ihr so viele Erniedrigungen angetan habe.

Am Vorabend der Tat habe er dann bei einer erneuten Online-Kontaktaufnahme seinen Facebook-Zugang für sie blockiert. Daraufhin sei die Angeklagte am Tattag mit zwei Küchenmessern und Tabletten vor das Haus gegangen, in dem er mit der neuen Partnerin wohnte. Ziel sei es gewesen, mit ihm zu sprechen und sich dann mit Tabletten oder Messern das Leben zu nehmen.

Mordmerkmal nicht erfüllt

Doch nicht der Ex-Freund war da, sondern dessen Partnerin kam aus der Tür des Hauses heraus. Der darauf folgende Wortwechsel mit Laura S. habe dann das Fass zum Überlaufen gebracht. Im Zustand des höchstgradigen Affekts habe sie den Entschluss gefasst, auf ihr Opfer einzustechen. Dabei bezog sich Staatsanwalt Wolf auf das Gutachten des Sachverständigen Dr. Wolfgang Kloß.

Zwar gebe es eine Reihe von möglichen Alternativszenarien. So sei es auch denkbar gewesen, dass sie ihren ehemaligen Freund oder Laura S. von vornherein habe erstechen wollen. Dies sei jedoch nicht mit Sicherheit nachzuweisen. Das Mordmerkmal „niedere Beweggründe“ konnte der Staatsanwalt nicht erkennen. Die Tat beruhe überwiegend auf der Verzweiflung der Angeklagten.

Eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren hatte Verteidiger Sascha Marks gefordert. Zwar sehe die Tat auf den ersten Blick wie eine geplante Tat aus. Aber wenn man genauer hinschaue, dann habe sich die Tat explosionsartig abgespielt. Das Abschiedsgespräch mit dem Ex-Freund sei immer mehr zu ihrer fixen Idee geworden, so der Verteidiger.

Zum Abschluss der Beweisaufnahme hatte die Kammer einen Befangenheitsantrag der Nebenklage gegenüber dem Gutachter Dr. Kloß als unbegründet zurückgewiesen. Während Verteidiger Marks keine Rechtsmittel einlegen will, erwägt die Nebenklage eine Revision.

von Manfred Hitzeroth

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