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Mutter nahm Sturzgeburt nicht wahr

Vor 100 Jahren Mutter nahm Sturzgeburt nicht wahr

Der „eigenartige Fall von unbemerkter Geburt“ wurde 1919 in Marburg zum Thema einer medizinischen Dissertation.

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Ein Kind kam auf einer Zugtoilette zur Welt, stürzte auf die Gleise und überlebte.

Quelle: Nadine Weigel (Archiv)

Marburg. Vor 100 Jahren, als in den Julitagen an den Kriegsfronten Zehntausende elend starben, ging doch wie überall in Deutschland auch in Marburg das Leben mit Geburt, Hochzeit, Tod weiter seinen gewohnten Gang.

Was die Geburten betrifft, die kriegsbedingt auch in Marburg zurückgegangen waren, so war nun eine davon, am 21. Juli 1916, so ganz und gar außergewöhnlich, dass sie zum Gegenstand einer 1919 erschienen medizinischen Dissertation wurde: Doktorvater war der seinerzeit berühmte Direktor der Marburger Frauenklinik, Professor K.-W. Zangemeister, Verfasser ein Oberarzt der Reserve namens August Muth.

Aus dieser Dissertation, von der ich seit meiner Marburger Studentenzeit ein Exemplar besitze, teile ich im Folgenden das Wichtigste, das rein Faktische über jene Geburt mit, wobei ich ganz bewusst und mit Vergnügen ausführlich zitiere:

„Frau E. M., Mutter eines 1913 in der Frauenklinik geborenen, gesunden Mädchens, die sich im Endstadium einer zweiten Schwangerschaft befand, fuhr, nachdem in der Nacht zum 21. Juli die Wehen begonnen hatten, morgens um 5.40 Uhr mit der Bahn von Buchenau ab, um sich nach Marburg in die Frauenklinik zur Entbindung zu begeben. Unterwegs wurden die Wehen stärker und wiederholten sich in Abständen von 5 Minuten. [... ] Direkt nach Passieren der Station Goßfelden, etwa um 6  1/2 Uhr, trat plötzlich starker Stuhlgang auf. Auf dem Klosett im Eisenbahnzug bemerkte die Frau Blutabgang, ohne daß sie von Fruchtwasserabgang bzw. von einem Fruchtdurchtritt irgend etwas gespürt hätte. Um 7 Uhr kam sie in der Frauenklinik an“, ganz offensichtlich ohne ihr Kind .

Kind hatte „nur relativ geringfügige Verletzungen“

„Als sie nach dem Verbleib des Kindes gefragt wurde, wußte sie gar nicht, was gemeint war [...] und als sie es endlich verstand, weinte und jammerte sie.“ Es folgt dann im Text zunächst der genaue Befund einer medizinisch-gynäkologischen Untersuchung der Frau und danach der zweite Teil der Geburtsgeschichte:

„Auf Grund der Angaben der Frau und des Befundes wurde sofort polizeilich nach dem Kinde geforscht. Dasselbe wurde etwa ½ Stunde nach Passieren des Zuges auf der Strecke Biedenkopf-Sarnau, in der Nähe von Sarnau, bei Kilometer 84,2 vom Weichensteller S. gefunden. Es lag auf dem Bauch außerhalb der Schienen mit dem Kopf direkt an der Schiene und schrie. Keine Blutung. Der Morgen war kühl; bei einer Temperatur von 9° C herrschte mäßiger Nordostwind. Am 21. 7. um 11.30 Uhr a. m. wurde es durch die Frau des Pfarrers in Sarnau und den Bahnbeamten, der es gefunden hatte, in die Klinik eingeliefert. Es schrie kräftig. Erstaunlicherweise hatte es – nach Ausweis des vom Verfasser angeführten klinischen Aufnahmebefundes – nur relativ geringfügige Verletzungen erlitten. Die Rekonvaleszenz der Wöchnerin und die Heilung der Wunden des Kindes verliefen (wie die Befunde belegen) optimal, so daß beide am 30. 7. entlassen werden konnten; eine Nachuntersuchung am 16. 9. bestätigte die völlige Gesundheit von Mutter und Kind.“

Auf der Grundlage der Fakten und Befunde erörtert der Verfasser dann ausführlich die medizinischen, insbesondere gynäkologischen, aber auch die rechtsmedizinischen Aspekte des Geburtsfalls, wobei er vergleichend die Spezialliteratur zum Thema „Sturzgeburt“ – denn um eine solche handelt es sich natürlich – heranzieht.

„Eine Tötungsabsicht der Mutter ist auszuschließen“

Wir beschränken uns darauf, nur die zwei wichtigsten Ergebnisse anzuführen: 1. Ein Verschulden oder gar eine Tötungsabsicht der Mutter ist auszuschließen. 2. Der Geburtsvorgang ist von der Mutter nicht wahrgenommen worden, was auch bei Sturzgeburten so gut wie nie vorkommt.

Gerade in dieser Hinsicht bleibt der Marburger Geburtsfall von 1916 medizingeschichtlich bis heute bedeutsam, als ein „eigenartiger Fall von unbemerkter Geburt“, wie der Titel der medizinischen Dissertation lautet.

von Günter Schmitz

  • Unser Autor, geboren 1938, war bis 2003 Professor für Deutsche Philologie an der Uni Kiel.
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