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Mutter kämpft weiter gegen Krebs

Spendenaktion Mutter kämpft weiter gegen Krebs

Vor einem Jahr halfen 1200 Marburger der an Krebs erkrankten Birgit Götz mit einer Typisierungsaktion. Was ist aus der zweifachen Mutter aus Michelbach geworden? Der OP erzählt sie ihre Geschichte.

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Der Haarausfall nach der Chemotherapie war für Birgit Götz schwer zu ertragen. Sie kaufte eine Perücke, die ihr das Gefühl zurückgab, auch äußerlich doch noch sie selbst zu sein. Mittlerweile kehren die Locken zurück. Foto: Björn Wisker

Marburg. „Ich habe keinen passenden Spender gefunden“, sagt Götz. Nur zwei Helfer kamen in Frage - doch jeweils mit einer Abweichung, einem sogenannten Mismatch (siehe Infokasten). Das Risiko, binnen eines Jahres nach der Transplantation zu sterben, ist ihr zu hoch. „Ich habe mich das nicht getraut und die Behandlungsform abgelehnt“, sagt sie. Aktuell sei die Krankheit eingedämmt, die bösartigen Zellen auf ein Minimum reduziert. Aber: „Der Krebs wird zurückkommen. Er wird zum Tod führen. Nur wann, weiß keiner“, sagt sie. Es sei schwer, jeden Tag mit der Angst zu leben, dass es nun soweit sein könnte. „Ich versuche, nicht immer daran zu denken. Ich tue es trotzdem häufig.“ Denken - und hoffen. Darauf, dass für sie eine Behandlungsmethode, ein passender Spender, gefunden wird. „Nicht gerade eine schöne Lebenssituation, aber auch sie hat ihren Wert, weil manches in ein anderes Licht rückt“, sagt Götz.

Nach der Diagnose - das Wort „unheilbar“, das Ärzte äußerten, hat sie noch im Kopf - wurde sie binnen zehn Monaten acht Mal operiert, Chemotherapien folgten. 104 Tage stationär im Krankenhaus, 30 Tage ambulant. „Ein Leben zwischen Lebensfreude und Todesangst“, sagt sie.

Nichts beschäftigt sie mehr, als die Zukunft ihrer Familie. „Meine sechsjährige Tochter sammelt Andenken an mich, um sich nach meinem Tod an mich zu erinnern“, sagt Götz. Der Sohn (9) stelle immer wieder die Frage, ob die Mutter jetzt sterben müsse. „Ich fühlte mich schuldig, das Leben meiner Kinder zerstört zu haben.“ Eine gute Mutter, die ihnen Leid und Schmerz erspart, wollte sie sein. Aber sie musste einen Weg finden, mit dem eventuell Unvermeidlichen umzugehen. „Es gibt kein Leben ohne Leid. Schwierigkeiten machen das Leben reich an Erfahrungen.“ Auch andere Kinder von gesunden Eltern müssten schließlich Dinge entbehren - etwa wegen Trennung oder aus Geldnot. Lernen, den Schmerz auszuhalten, sei das, was Götz der Tochter und dem Sohn beibringe.

Ihrem Ehemann verdankt sie viel. Er habe neben dem Joballe Aufgaben übernommen, die Götz nicht mehr in der Lage war zu erfüllen - von Gartenarbeit über Tellerwaschen bis zum Kochen. „Sie schaffen es ohne mich, meine Familie wird nicht verwahrlosen. Es war heilsam für mich zu sehen, dass sich die Welt auch ohne mich weiterdrehen wird.“

Die vergangenen Monate seien eine Zeit gewesen, in der sie gesehen habe, wie viele wahre Freunde sie habe. „Sie hätten ihr letztes Hemd für mich gegeben. Immer wieder frage ich mich, ob ich das auch tun würde. Oder bin ich zu sehr mit mir selbst und meiner Familie beschäftigt, dass mir der Blick für andere fehlt oder nach einiger Zeit verloren geht?“ Von anderen sei sie enttäuscht - verstehe aber deren Abwendung. „Ich bin als kranker Mensch eine Zumutung. Ich mute den anderen zu, dass sie sich mit Krankheit und Tod auseinandersetzen. Ich mute ihren Kindern zu, dass sie den Eltern Fragen stellen, auf die sie eine Antwort finden müssen. Wer mitten im Leben steht, will das nicht unbedingt.“ Doch auch Götz ist das Reden häufig leid, auch Hilfsbereitschaft strenge hin und wieder an. Beim Essen mit Freunden oder Bekannten „wäre es manchmal einfacher gewesen, einfach Miracoli zu essen“. Ab und zu ließ sie sich helfen, „nicht, weil ich die Hilfe brauchte, sondern weil die Menschen es brauchten, mir etwas Gutes zu tun“.

Seit Tausende von ihrer Krankheiten wissen, sei sie aber auf nichts häufiger angesprochen worden, als auf ihre neue Frisur. Nachdem die Haare - dicke schwarze Locken - aufgrund der Therapie ausfielen („Ich legte nie Wert auf Äußerlichkeiten, hätte nie gedacht, dass mir der Haarausfall so viel ausmacht. Aber es war ziemlich schrecklich“), zog sie eine Perücke mit langem braunen Haar an. „Das sah am ehesten nach mir aus.“

Die Öffentlichkeit, die Berichterstattung in den Medien habe ihr geholfen. „Dadurch, dass jeder Bescheid wusste, durfte ich einfach sein, musste nicht erklären, wenn ich weinte oder mit Mütze herumlief. Es war befreiend.“

Zudem ist ihr Glaube eine Stütze im Kampf um das Weiterleben . „Gott hat mich mit einer großen Portion Optimismus und Humor ausgestattet. Das lässt sich nicht durch Bestrahlung zerstören.“ So sehr sie das ewige Leben tröste - sie hätte lieber noch einige Jahre in diesem gehabt.

Wie lebt man, wenn man stirbt? „Oft fehlt mir die Kraft, etwas Sinnvolles zu tun. Ich muss mich viel ausruhen und schlafen. Selbst zum Bücher lesen fehlt die Kraft.“ Wenn sie den Tag „vergammelt, packt mich das schlechte Gewissen: Schon wieder wertvolle Lebenszeit verplempert. Was hätte ich da alles machen können!“. Es sei so, wie am Ende eines Urlaubs: Man müsse noch einmal schnell alles erleben, an das man sich gern erinnern möchte: Noch ein letztes Mal im Meer baden, noch einmal essen gehen, noch ein Eis lecken, noch ein Spaziergang im Sonnenuntergang, die Nacht wird zum Tag. Bis zum Schluss alles auszukosten als Maxime? „Ich kann nicht so leben, als wäre jeder Tag mein letzter.“ Wenn diese Krankheit etwas Gutes habe, dann dies, dass „ich über viele Fragen ernsthaft nach-denke. Und vielleicht in der noch verbleibenden Zukunft Prioritäten anders setze“.

Im Bürgerhaus Bad Endbach findet am Samstag von 10 bis 16 Uhr eine Typisierungsaktion für Andreas Seim statt.

von Björn Wisker

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DKMS Typisierungsaktion

Sie ist erst 40 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder und kämpft gegen eine tödliche Krankheit - mit ihrer Familie, Freunden und Nachbarn.

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