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Muslim hilft bei Fertigstellung der Thora

Feierliche Zeremonie in Marburg Muslim hilft bei Fertigstellung der Thora

Die neue Thorarolle der Jüdischen Gemeinde wurde am Sonntag in einer feierlichen Zeremonie fertiggestellt und in die Synagoge in der Liebigstraße gebracht.

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Dr. Bilal Al-Zayat (links) von der Islamischen Gemeinde Marburg hilft dem Schreibgelehrten Rabbi Josef Chranowski beim Ausfüllen der letzten Worte der Thorarolle.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Wahrscheinlich ist es weltweit einmalig, dass ein Muslim bei der Fertigstellung einer Thorarolle hilft. Gestern durfte Dr. Bilal Al-Zayat von der Islamischen Gemeinde Marburgs bei der Vollendung der zweiten Thorarolle für die Jüdische Gemeinde Marburg helfen – ein besonderes Zeichen für die enge Zusammenarbeit und den hohen Respekt voreinander, den die Religionsgemeinschaften in Marburg pflegen.

Fertigstellung der zweiten Thora der juedischen Gemeinde Marburg, 29.11.2015. Foto: Florian Gaertner

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Der scheidende Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), der ebenfalls an der Vollendung der Thora mitwirken durfte, ging bei seinem letzten offiziellen Termin vor seiner Verabschiedung sogar noch weiter – und sprach damit den meisten der Gäste aus dem Herzen: Die gemeinsame Fertigstellung der Thorarolle sei ein Zeichen, „dass wir in Marburg aufgestanden sind, über alle Religionsgrenzen hinweg, und Seite an Seite zeigen, dass in dieser Stadt kein Platz ist für Ausgrenzung, Diskriminierung und Terror“.

Nach jüdischer Tradition muss eine Thorarolle – sie umfasst die fünf Bücher Mose – von einem Schreibgelehrten, einem Sofer, kopiert werden. Jeder einzelne Buchstabe muss mit höchster Akribie und in einer genau vorgeschriebenen Schreibweise mit einer Gänsekielfeder auf eine Pergamentrolle gebracht werden. In Marburg übernahm das Kopieren der letzten Buchstaben gestern der Sofer Josef Chranowski aus Brüssel. Neben Al-Zayat und Vaupel hatten unter anderem auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Amnon Orbach, Dechant Franz Langstein und Propst Helmut Wöllenstein. der künftige OB Dr. Thomas Spies und Dr. Gottfried Mehnert die Ehre, sich an der Fertigstellung zu beteiligen, indem sie den schreibenden Sofer am Handgelenk berührten.

In einer Prozession geht es zur Synagoge

Unter einem Baldachin wurde die neue Thorarolle vom Staatsarchiv unter Tanz und Gesang in die Synagoge gebracht und im Thoraschrein untergebracht. Es ist die zweite Thorarolle, die die Jüdische Gemeinde innerhalb von fünf Jahren gekauft hat – zwei Rollen werden für den Gottesdienst gebraucht, erklärte Orbach. Die alten Rollen waren mehr als 170 Jahre alt.

Mit der Vollendung der zweiten Thorarolle ist die selbstgestellte Aufgabe des „Fördervereins für Synagoge und Kulturzentrum der Jüdischen Gemeinde Marburg“ nahezu erfüllt. Er konnte der Jüdischen Gemeinde etwa 190 000 Euro für die Einrichtung der vor 10 Jahren eingeweihten Synagoge und die beiden Thorarollen zur Verfügung stellen. 3 000 Euro werden noch benötigt, um „Nebenkosten“ abzudecken – danach kann der Verein, so sagte es Vorsitzender Erhart Dettmering in seiner Ansprache, aufgelöst werden.

von Till Conrad

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