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„Müssen die so unterstützt werden?“

Dies Academicus „Müssen die so unterstützt werden?“

„Willkommen in der geschlossenen Gesellschaft?!“, fragte Konflikt- und Gewaltforscher Professor Andreas Zick zynisch auf der Abschlussveranstaltung des @Dies Academicus“ zum Thema „Flucht und Asyl“.

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Die Teilnehmerin einer Pegida-Kundgebung in Dresden hält ein Schild mit der Aufschrift „Grenzen zu“ hoch. Um fremdenfeindliche Haltungen wie diese zu stoppen, so Professor Andreas Zick, sei eine Stärkung toleranter Haltungen wichtig.

Quelle: dpa

Marburg. Der Bielefelder Professor zitierte eine seiner Studien aus den Jahren 2014/2015, in der knapp 55 Prozent der Befragten angaben, sie fänden es gut, wenn sich Migranten in Deutschland zu Hause fühlten. Doch nur rund 36 Prozent gefalle es, dass sich so viele Migranten für Deutschland als neue Heimat entschieden. Je näher die Zuwanderer rückten, desto stärker sei die Zurückweisung.

Der moderne Rassismus verweigere die Hilfe: „Wir haben nichts gegen die, aber müssen die so unterstützt werden?“, sei eine typische Haltung.

Wissenschaftler: Tolerante Haltungen stärken

Der marktförmige Extremismus betrachte Wettbewerb und Fortschritt als wichtiger gegenüber Solidarität und Gleichwertigkeit. Daher käme es zu einer Abwertung von Personen, die man nicht „brauchen“ könne, und es bildeten sich geschlossene Gesellschaften. Im Gegensatz zu der Frustrationshypothese habe er in einer Studie von 2014  festgestellt, dass sich in solchen „guten Zeiten“ nach Krisenzeiten vermehrt fremdenfeindliche Haltungen entwickelten, nämlich dann, wenn es in Verteilungskämpfen darum ginge, wer am Ende als Gewinner oder Verlierer dastünde.

Eine Maßnahme gegen Intoleranz sei beispielsweise die Stärkung toleranter Haltungen in Institutionen. Zick startete daher an der Universität Bielefeld eine Kampagne für eine „Uni ohne Vorurteile“.
Unter der Moderation von Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause diskutierte Zick im Anschluss in einer Podiumsdiskussion mit drei Marburger Wissenschaftlern.

Krause fragte, wie eine Gesellschaft mit der Ideologie der Ungleichwertigkeit umgehen solle. Matti Traußneck, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft, erklärte, diese Ideologie würde in der Demokratie immer wieder reproduziert, weil sie darin ihren institutionalisierten Platz hätte und nicht als Gegenideologie zur Demokratie wahrgenommen würde.

"Wir schaffen das" - aber wie?

Politikwissenschaftlerin Professorin Ursula Birsl erklärte, Demokratie sei ein Prozess, auch mit der Möglichkeit, Herrschaft immer wieder kritisch zu hinterfragen. Wie viel Herrschaftskritik sie jedoch vertrage, darin gebe es keine Erfahrungen.
Traußneck sagte mit Blick auf die Toten unter den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer, die Demokratie sei tödlich für die, die außerhalb ihrer Grenzen lebten.

„Wie kann es sein, dass Menschenrechte an ethnischen Zugehörigkeiten enden?“, fragte Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner. Die Bundeskanzlerin habe im Sommer 2015 gesagt: „Wir schaffen das.“ Wie, das habe Angela Merkel danachnicht mehr erklärt. Was Deutschland momentan an Integration betreibe, darunter verstehe er in seiner Disziplin Assimilation.

Politikwissenschaftlerin Birsl sagte, es fehle in der politischen Debatte an Relation. Es werde eine aggressive Stimmung hergestellt. Die Migration habe seit den 1960er-Jahren heute jedoch ihren niedrigsten Stand erreicht.
Birsl, die auf Demokratieforschung spezialisiert ist, sagte, Einwanderung führe zu einer Demokratisierung der Demokratie, weil sie Themen wie soziale Rechte auf die Agenda setze. Flüchtlinge artikulierten ihre politischen und sozialen Interessen zunehmend selbst, beispielsweise in Camps in Berlin, Hamburg und München.

von Freya Altmüller

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