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Mord-Vorwurf gegen Sex-Arzt

Prozess gegen Mediziner Mord-Vorwurf gegen Sex-Arzt

Die Familie des Opfers will gegen den Marburger Sex-Arzt, der derzeit vor Gericht steht, Anzeige erstatten. Ihr Verdacht: Der Mediziner könnte ihren Sohn (21) ermordet haben. Die Obduktion offenbarte in ihren Augen keine klare Todesursache, sie befüchten, dass der Arzt ihrem drogensüchtigen Kind eine Überdosis nicht nachweisbarer Medikamente verabreicht haben könnte. Der Angeklagte weist das zurück.

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Der Marburger Sex-Arzt (links) wird von Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk verteidigt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Verteidigung verweist auf eine wohl diagnostizierte Lungenentzündung als Todesursache. Bestätigt ist nach OP-Informationen bislang nur, dass der Arzt am Tag vor dem Tod des Opfers mit diesem Kontakt hatte. Das sollen ausgewertete Handy-Verbindungsnachweise belegen.

Im Prozess gegen einen Marburger Arzt, der einen damals 21-jährigen, mittlerweile toten Drogenabhängigen sexuell missbraucht haben soll, haben am Donnerstag Praxis-Angestellte ausgesagt. Sie erheben weitere Vorwürfe gegen den 49-Jährigen, kontern dessen Entlastungs-Zeugen. Der Marburger soll während einer Personalversammlung am Mittwoch, einen Tag vor dem Verhandlungstermin, seinen Mitarbeitern mit Kündigungen gedroht haben, falls diese aussagen. „Er wies uns auf die Schweigepflicht hin. Wir sollten loyal sein, ihm nicht in den Rücken fallen, sonst sei das Verhältnis zwischen ihm als Arbeitgeber und uns als Arbeitnehmern erschüttert“, sagte eine Arzthelferin (30).

Die Version bestätigen mehrere Zeugen, sie sprechen von „unterschwelliger Einschüchterung“ von „Job-Angst, wenn ich gegen meinen Vorgesetzten aussage“. Trotz dieser Schilderungen lehnte Richter Tobias Friedhoff einen Antrag der Staatsanwaltschaft, den Arzt wegen weiterer drohender Zeugen-Beeinflussung in Untersuchungshaft zu nehmen, ab. Begründung: Das sei „unverhältnismäßig“, da fast alle Zeugen an den drei Verhandlungs-Tagen bereits vernommen worden und „die gezielte Beeinflussung nicht eindeutig belegt“ seien.

Die Mitarbeiter sollten vor allem Abläufe in der Praxis, PC-Nutzung sowie Aufgabenfelder schildern. Grund: Für das Gericht gilt es zu klären, ob der ab Mai 2010 datierte, angeklagte, mehrfache sexuelle Missbrauch in einem Arzt-Patientenverhältnis stattfand. Der Angeklagte bestreitet das. In der Patientenakte findet sich jedoch eine Anfang Mai registrierte Blutabnahme beim Opfer. Dafür, sowie die Beauftragung des Speziallabors für Blutbilder und die Einträge in die Akte, sei nicht er als Hausarzt, sondern ein Mitarbeiter eines Diabetes-Shops zuständig gewesen.

Der Zeuge, der nach von der Polizei ausgewerteten Pornobildern ein Geliebter des Arztes sein könnte, bestätigte die Version des Beschuldigten am zweiten Verhandlungstag – unter Eid. Doch stellte sich gestern mit den Aussagen mehrerer Arzthelferinnen heraus, dass der Mann dazu keine Befugnis, keine medizinischen Kenntnisse hatte, er erst nach 2010 ein Medizin-Studium begann. Ärzte sind entsetzt: „Hanebüchen ist das! Es ist eigentlich undenkbar und ausgeschlossen, dass jemand ohne fachlichen Hintergrund Blut abnehmen darf und Einträge in das PC-System vornehmen oder den Inhalt gar verstehen kann“, sagte ein Mediziner (50), der bis wenige Monate vor der mutmaßlichen Tat in der Gemeinschaftspraxis mit dem Beschuldigten arbeitete. Er kenne „den Praxis-Ethos“ der dort arbeitenden Ärzte, diese würden „so eine total unübliche Arbeitsweise, ganz ohne Aufsicht, nie zulassen.“ Ein Indiz für ein im Tatzeitraum bestehendes Arzt-Patientenverhältnis? Aussage einer Ex-Mitarbeiterin (32): „Klar ist, dass bei ihm viel falsch läuft, es fehlen Unterlagen, gerade über Betäubungsmittel.“ Eine andere Angestellte berichtet davon, dass der Arzt noch während der Praxis-Durchsuchung durch die Polizei einige Einträge in der Opfer-Akte verändert, gelöscht habe. Die Opfer-Familie wirft dem Arzt nun vor, ihren Sohn ermordet zu haben – durch eine Überdosis nicht nachweisbarer Medikamente. Der Mediziner streitet das ab.

Hintergrund zum Prozess: Im Gegenzug zum Geschlechtsverkehr soll der Arzt dem Opfer verschiedene Medikamente besorgt, ihn systematisch von Drogen abhängig gemacht haben. Der Beschuldigte gestand beim Prozessauftakt, dreimal Sex mit dem Opfer, das seit 2003 sein Patient war, gehabt zu haben. Das sei aber freiwillig geschehen.

von Björn Wisker

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