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Moos, Ampeln und das Schloss

Australischer Austausschüler Moos, Ampeln und das Schloss

Das erste, was Thomas Grantham in Marburg aufgefallen ist, waren die Verkehrsampeln: Sie sehen so ganz anders aus als in seiner Heimat Australien.

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Von der bergigen Umgebung und dem Marburger Landgrafenschloss ist er begeistert: Austauschschüler Thomas Grantham aus Australien.Foto: Till Conrad

Marburg. Es wird wohl an der Sonne liegen, die im südaustralischen Bundesstaat viel heller scheint als in Marburg. Jedenfalls, so berichtet Thomas, werden die Ampeln in seiner Heimat durch große Blenden vor Lichteinfall geschützt - ein kleiner, aber für Thomas wesent­licher Unterschied zu Victoria.

Thomas Grantham gehört zu einer Gruppe von 44 Schülerinnen und Schülern, die im Rahmen eines Austauschprogramms für sechs Wochen im Landkreis waren. Der 16-Jährige war bei einer Gastfamilie im Marburger Stadtteil Moischt untergebracht - und es sei ganz „wonderful“, wundervoll gewesen, sagt er.

Während das Gymnasium Philippinum einen Austausch mit einer australischen Gastgruppe nach den Terroranschlägen in Paris und den Vorkommnissen der Sylvesternacht in Köln verschieben musste, war die Gruppe von Thomas die Zweitgrößte seit Bestehen der Kontakte im Jahr 1996, berichtet Liz Ray. Die Lehrerin leitet die Gruppe der 44 Jungen und Mädchen, alle zwischen 14 und 16 Jahren alt.

„Die Nachrichten aus Europa haben für unsere Jugendlichen und ihre Familien keine Rolle gespielt“, sagt Ray. Anfang Februar hat man zu Hause noch einmal mit allen Teilnehmern zusammengesessen. „Das, was in Paris passiert ist und in Köln, hätte auch in Melbourne passieren können“, sagt Ray, und: „Man darf sich von dem Terror nicht einschüchtern lassen.“

Das „Department for educa­tion and Training“ in Melbourne, vergleichbar in etwa dem Hessischen Kultusministerium, hat der Reise zum anderen Ende der Welt zugestimmt - mit einem Vorbehalt: Nach einer Reisewarnung des Außenministeriums durfte die Gruppe nicht nach Belgien reisen.

Angst hat niemand von den Schülerinnen und Schülern gehabt, berichten Thomas und seine Lehrerin übereinstimmend - am ehesten vielleicht noch während einer Stippvisite nach Berlin. Aber das lag vor allem daran, sagt Liz Ray, dass ihre Gruppe eine Fahrraderkundung durch die Berliner Innenstadt ohne Schutzhelme absolvieren musste.

Schuldirektor machte sich Sorgen

Bemerkenswert an dieser kleinen Episode ist, dass dies die größte Sorge der verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrer war - während gleichzeitig IS-Terroristen den Anschlag in Brüssel verübten.

„Unser Direktor hat sich Sorgen gemacht, weil wir uns zwei Tage lang nicht gemeldet hatten“, sagt Ray.

Die Gruppe war so im Reise­fieber, dass sie in der deutschen Hauptstadt die schlechten Nachrichten aus Brüssel gar nicht mitbekommen hat.

„Viele Australier sehen, was Deutschland mit der Aufnahme von Flüchtlingen leistet“, sagt Liz Ray mit bewunderndem Unterton. In Australien gebe es deutlich weniger Flüchtlinge, „wir lassen sie nicht rein“, so die Lehrerin.

Die Gedanken von Thomas sind da etwas weltlicher. Ihn hat vor allem das Marburger Schloss beeindruckt, „so etwas haben wir zu Hause nicht, weil wir ein junges Land sind“, und die Tatsache, dass es hier so bergig ist. „So etwas kennen wir in Victoria nicht.“

Und noch einen wichtigen Unterschied hat Thomas erkannt: dass in Deutschland die Osternester mit Moos ausgepolstert werden: „Haben wir nicht in Australien.“

von Till Conrad

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